Musik_Grafeneggs zehnjähriges Jubiläum

Summer Symphonies

Offenbar hat Intendant Rudolf Buchbinder einen guten Draht zu Petrus. 2016 konnten nämlich bis auf ganz wenige Ausnahmen alle Konzerte bei Schönwetter im Wolkenturm stattfinden. Dem Festival-Leiter war aber nicht nur wettermäßig Glück beschieden - auch künstlerisch waren die vom EVOLVER-Klassikexperten besuchten Konzerte brillant.    20.09.2016

Das Grafenegg-Festival 2016 begann würdig mit einer Aufführung von Beethovens 9. Symphonie, der seine Ouvertüre zu Collins Trauerspiel "Coriolan" und zwei Werke des "Composers in Residence" Christian Jost vorangingen. Jost vertonte auf seine Weise Beethovens Lied "An die Hoffnung" neu, sodaß man das Stück gerade noch erkennen konnte. Seine Komposition war eine gut 15minütige, mehr oder minder sinnvolle Aneinanderreihung von Klängen, aus denen Beethovens Intention kaum mehr hervorging. Gerade noch der Vokalpart des Originallieds, der grandios von Klaus Florian Vogt vorgetragen wurde (so wortdeutlich, daß man fast mitschreiben hätte können), war hörbar. Vogt hätte bei Beethovens "Ode an die Freude" ebenso brillieren können, hätte Maestro Sado nicht gerade bei dem so kurzen Tenorpart einen formidablen Schmiß hingelegt - gut, daß das Orchester den noch auffangen konnte. Ansonsten war die Symphonie leider nicht mehr als "sehr brav" interpretiert; von "denkwürdig" keine Spur.

 

 

Denkwürdig waren an diesem Wochenende Ende August hingegen sowohl die Konzerte des London Symphony Orchestra als auch das des European Union Youth Orchestra. Gianandrea Noseda legte mit den Briten ein großartiges Beethoven-Violinkonzert (formidabel: Nikolaj Znaider) und eine hochgradig imposante Fünfte von Schostakowitsch hin. War schon der Orchesterpart des Violinkonzerts unvergleichlich, so bot die Interpretation der D-moll-Symphonie des Russen eine wahre Sternstunde. Selten noch durfte man das Werk des von den Kriegswirren und Stalins Diktatur verstörten Komponisten so beeindruckend, mitreißend und tragisch interpretiert erleben.

Bruckners E-Dur-Symphonie wurde vom greisen Bernard Haitink dirigiert, der den Hörern eine Aufführung mit "Denkmalcharakter" bescherte. Haydns "Sinfonia Concertante" mit den vier hervorragenden Solisten war schon beeindruckend; Bruckners Spätwerk wurde von den jungen Leuten und vor allem Haitink so interpretiert, daß die Musiker noch ihren Enkelkindern von diesem großartigen Konzert erzählen werden können. Man muß dem Grafenegger Veranstalter dankbar sein, daß er die Begegnung mit dem niederländischen Maestro noch ermöglichte.

Die tschechische Philharmonie unter Jiri Belohlavek brillierte mit Janaceks Suite aus der Oper "Das schlaue Füchslein" und mit Dvoraks allzu selten gespielter sechster Symphonie. Diese Werke umrahmten Mozarts A-Dur-Violinkonzert, das exzellent von der Amerikanerin Hillary Hahn gespielt wurde. Mit ihrem singenden und schwelgerischen Ton sowie ihrer hochmusikalischen Stimmführung konnte sie das Publikum begeistern, vor allem auch dank des Orchesters im berühmten "Alla Turca" im dritten Satz des Konzertes. Hochinteressant war bei den Zugaben Gyorgy Ligetis "Tanz", bei dem die Tschechen geradezu brillieren konnten. Und nach Smetanas "Furiant" aus "Die verkaufte Braut" brach das Publikum in gerechtfertigte Begeisterungsstürme aus.

 

Ganz im Zeichen Bruckners stand das letzte Wochenende des Festivals. Während der exzellente finnische Dirigent Jukka-Pekka Saraste mit dem WDR-Orchester die große fünfte Symphonie brachte, ließ zwei Tage später die Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann die dritte Symphonie hören. Gegensätzlicher hätten die beiden Aufführungen gar nicht sein können: Saraste trieb die Kölner Musiker zu Höchstleistungen an und lieferte eine denkwürdige Interpretation; Thielemann weckte hingegen das Gefühl, mit seinem Orchester in Grafenegg nur auf der Durchreise zu sein. Er schickte das Publikum nach etwa 65 Minuten ohne Zugabe nach Hause - was insofern ärgerlich war, weil er am Tag darauf in München das Konzert zusätzlich mit Mozarts C-Dur Konzert (KV 467) gab. Da wäre die Frage nach der Wertschätzung des Konzertveranstalters durch die Interpreten schon einmal erlaubt ...

Das Gefühl der "Durchreise" bekam man als Hörer auch durch die Interpretation. Wo Saraste die Musik in höchstem Maße intensiv miterleben ließ, hatte man bei den Dresdnern manchmal den Eindruck hochprofessioneller Routine. So schön manche Momente waren - insgesamt war das "Bruckner-Erlebnis" bei Saraste weit größer. Dafür vermißte man bei den beiden Mozart-Konzertarien im WDR-Konzert eine Interpretation, die den Bruckner-Stücken gleichgekommen wäre. Die Vokalwerke gehören sicher nicht zu den Spitzenwerken des Komponisten - doch die junge, hübsche Sopranistin ließ sie endgültig abstürzen. Eine derartige Nicht-Interpretation hat man schon lange nicht gehört; man hätte meinen können, die Dame rezitiere eine Verordnung des Finanzministeriums. Gut, daß Saraste bei Bruckner diese beiden Arien vergessen ließ.

 

Alles in allem war der Jubiläumssommer 2016 mehr als gelungen, und es ist erfreulich zu sehen, daß das Kamptaler Musikfest bei den Spitzenensembles mittlerweile so einen guten Ruf genießt, daß sie gern nach Grafenegg kommen.

Wir freuen uns auf viele weitere Grafenegg-Jahrzehnte.

 

Herbert Hiess

Festivaleröffnung

ØØØØ

Orchesterkonzert

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Jost: Fanfare (Uraufführung)

Beethoven: Ouvertüre zu Collins Trauerspiel "Coriolan" op. 62

Jost: "An die Hoffnung" für Tenor und Orchester

Beethoven: Symphonie Nr. 9 in d-moll op. 125

 

Solisten: Camilla Nylund, Elena Zhidkova, Klaus Florian Vogt, René Pape

 

Wiener Singverein

 

Alumni des European Union Youth Orchestra, Tonkünstler-Orchester/Yutaka Sado

 

Konzert am 19. August 2016 im Wolkenturm

London Symphony Orchestra

ØØØØØ

Orchesterkonzert

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Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61

Schostakowitsch: Symphonie Nr. 5 in d-moll op. 47

 

Nikolaj Znaider, Violine

 

London Symphony Orchestra/Gianandrea Noseda

 

Konzert am 26. August 2016 im Wolkenturm

EUYO

ØØØØØ

Orchesterkonzert

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Haydn: Sinfonia Concertante für Violine, Violoncello, Oboe, Fagott und Orchester in B-Dur Hob. I:105

Bruckner: Symphonie Nr. 7 in E-Dur

 

Lorenza Borrani, Paul Watkins, Kai Frömbgen, Stefan Schweigert

 

European Union Youth Orchestra/Bernard Haitink

 

Konzert am 27. August 2016 im Wolkenturm

Tschechische Philharmonie

ØØØØØ

Orchesterkonzert

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Janacek: Suite aus der Oper "Das schlaue Füchslein"

Mozart: Konzert für Violine und Orchester A-Dur KV 219

Dvorak: Symphonie Nr. 6 in D-Dur op. 60

 

Hillary Hahn, Violine

Tschechische Philharmonie/Jiri Belohlavek

 

Konzert am 28. August 2016 im Wolkenturm

WDR-Sinfonieorchester Köln

ØØØØ 1/2

Orchesterkonzert

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Mozart: "Ah, io prevedi" Rezitativ und Arie für Sopran und Orchester KV 272

Mozart: "Bella mia fiamma" Szene für Sopran und Orchester KV 528

Bruckner: Symphonie Nr. 5 in B-Dur

 

Valentina Nafornita, Sopran

WDR Sinfonieorchester Köln/Jukka-Pekka Saraste

 

Konzert am 8. September 2016 im Wolkenturm

Sächsische Staatskapelle Dresden

ØØØØ

Orchesterkonzert

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Bruckner: Symphonie Nr. 3 in d-moll

 

Sächsische Staatskapelle Dresden/Christian Thielemann

 

Konzert am 10. September 2016 im Wolkenturm

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