Musik_Marsmobil - Black Album

Groovy!

Endet Psychedelia jemals?
Nein, nie. Vor allem, wenn Alben wie dieses erscheinen: schwarz und quietschbunt zugleich - die verführerischste Invasion vom Mars, seit es "girls with kaleidoscope eyes" gibt.    07.09.2011

Frage an die Generation 40+: Kann sich noch jemand an die wunderbare Tonband-Kassettenreihe "Acid Visions" erinnern, deren Kompilationen während der späten 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Bundeshauptstadt zu heißbegehrten Sammelobjekten wurden?

Von kundigem Geist und geschickter Hand in Eigenregie, gleichsam homegrown, zusammengestellt und unterm Ladentisch eines inzwischen legendären Plattengeschäftes nahe der Uni weitergegeben, eröffneten die "Acid Visions" dem pt. Interessenten die psychedelischen Welten der 60er wie auch deren Neuschöpfungen der damaligen Gegenwart. Stilistisch zwischen Rock, Jazz, Folk und Novelty angesiedelt, also allem, was die drogenumnebelten Gehirne der Protagonisten musikalisch so intus hatten, ergab das ein Universum, in dem sich das weiße Kaninchen, Lucy in the Sky und die Herren Fonda und Hopper in Roger Cormans "The Trip" ausgiebig die cannabisgetränkten Hände (respektive Pfoten) schüttelten, bevor sie sich im gelben Unterseeboot davonmachten. Ein Sommer in Paisley, der nie zu Ende gehen sollte. Escapism ruled okay.

Zumindest ein paar Jahre lang.

Wobei – in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen taucht sie immer wieder auf: die gepflegte Psychedelik. Beziehungsweise, wie bei "Acid Visions", die Rückschau darauf. Nur in der letzten Zeit ist es ein wenig still um das Genre geworden.

Bis jetzt. Denn ausgerechnet aus einer Ecke, aus der man es gar nicht vermuten tät’, tönt es auf eine Weise, die wiederum einen endlosen Sommer mit verführerisch bewußtseinserweiternden Klängen verheißt. Und das noch rechtzeitig vor Herbsteinbruch.

 

Marsmobil besteht de facto aus Roberto Di Gioia, der in der Vergangenheit mit den unterschiedlichsten Herrschaften zusammen gearbeitet hat; von Rock’n’Roll-Urgesteinen wie Keith Richards und Charlie Watts über Schöngeister wie Brian Ferry, ausgewiesene Jazzer wie Billy Cobham und Albert Mangelsdorff bis hin zur DJ-Fraktion mit Kruder & Dorfmeister oder DJ Hell. In den Jahren 1990 bis 2008 war er zudem Mitglied bei Klaus Doldingers Jazz/Fusion-Truppe Passport.

Ein etablierter Handwerker, der - technisch versiert - schlichtweg für den guten Ton sorgt, müßte man meinen. Was zugegebenerweise auch stimmt, den Kern des Vorliegenden aber nicht einmal ansatzweise trifft. Das "Black Album", der neueste Streich von Marsmobil, klingt die meiste Zeit über so frisch, als hätte jemand im Handstreich den psychedelischen Sound der Sechziger und frühen Siebziger gleichsam neu erfunden und mit unglaublicher Freude an der Sache zu einem swingenden Psychedelic-Cocktail zusammengefaßt, der Freunde von Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band oder Primal Scream in deren Blümchenphase ebenso glücklich macht wie den fußwippenden Dancefloor-Jazz-Connaisseur oder den 21st Century Acid Head.

"Black Album" (das vierte Marsmobil-Album) entstand in den letzten beiden Jahren; und alles hier, das Songwriting, die Stimme, die Produktion, die Instrumentaleinspielungen (Klavier, Sitar, Baß, Gitarre, Drums, Bläser, Programming) stammt von Roberto Di Gioia selbst. Das klingt mitunter wie die so ziemlich beste Pink Floyd-Scheibe, die nicht von Pink Floyd ist – mit Instrumentalpassagen, die zum Verquer-Schönsten zählen, was man seit Langem hören durfte. Titel wie "Is it tommorrow now?" oder "Unconscious Mind Behind" sagen sowieso schon alles. Daß ein gerüttelt Maß an Melancholie mitschwingt, macht das Ganze auch zu einem wunderbaren Soundtrack für den dräuenden Herbst, wo dann auch das Schwammerlsuchen bezaubernde Entdeckungen ermöglicht.

 

Kurz: Acid Visions 2011!

Dig it!

Thomas Fröhlich

Marsmobil: Black Album

ØØØØ 1/2

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Compost Records (2011)

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