Musik_Nine Inch Nails - Ghosts I-IV

Die Stunde der Geister

Trent Reznors neues Werk besteht aus 36 Instrumental-Songs, die über das Internet vertrieben werden. Trotz fehlenden Gesangs hört man deutlich, wer da an den Reglern saß.    27.05.2008

Jetzt springt auch Trent Reznor selbst auf den Zug der neuen Internet-Vertriebsmöglichkeiten auf (siehe dazu unsere Saul-Williams-Story): Anfang März stellte er völlig überraschend ein 110minütiges Album auf seiner Homepage zum Download bereit. Er machte allerdings nicht den Fehler, die Entscheidung über den Kaufpreis den Konsumenten zu überlassen. Radiohead hatten sich letztes Jahr mit dieser "Donate"-Praxis ein wenig verspekuliert. Mr. Reznor bietet hingegen mehrere Konsum-Alternativen an.

Gratis kann man sich - einfach so und ohne Nebenwirkungen - die ersten 9 Songs herunterladen, für 5 US-Dollar bekommt man alle 36 Songs plus Artwork und Bildschirmschoner. Die physische Doppel-CD (reales Digipack + 16 Seiten Booklet) gibt es für 10 Dollar, und wem das noch nicht genügt, für den hält Reznor ab Mai auch noch Super-Deluxe-Versionen bereit. Für schlappe 75 Dollar erhält man ein Slipcase-Hardcover, 2 CDs, dazu eine Multiformat-CD-Rom sowie eine Blu-Ray-Disc mit allen Songs. Einziger Wermutstropfen: Die handsignierte Ultra-Deluxe-Edition für 300 Dollar mit einer Auflage von 2500 Stück weltweit war innerhalb von zwei Tagen völlig ausverkauft.

Was bekommt man aber nun für sein Geld? Ein emotionales Wechselbad, angelehnt an jenen grausigen Kosmos, den Reznor kühn vor einem Jahr auf "Year Zero" entwarf. Kreativ wie üblich, spannt er den Bogen von meditativen Klavierpassagen bis hin zu brachialen Distortion-Alpträumen. Unterstützt wird er dabei tatkräftig von Adrian Belew (2. Gitarre) und Langzeit-Kumpel Alan Moulder (am Mischpult). Die internationale Musikpresse reagierte etwas verhalten auf das Überraschungsalbum. Die Tracks wurden mehrheitlich als "Skizzen" diagnostiziert, auch von einer gewissen Lieblosigkeit war die Rede.

Nichts könnte falscher sein. Betrachtet man aufmerksam das 40seitige Artwork, abermals von Rob Sheridan hervorragend photographiert und gestaltet, so wird man feststellen, daß darin keine Menschen vorkommen, bestenfalls Schemen und verlorene Erinnerungen. Ist ja klar, das Album heißt ja auch "Ghosts" - der Atomkrieg aus "Year Zero" ist schon lange vorbei, und das, was man nun hört, ist der Soundtrack zu einer devastierten Welt. Irgendwo in der Atom-Wüste liegt ein iPod herum, halb verrottet. Schaltet man ihn ein, klingt seine Musik seltsam, irgendwie metallisch und skelettiert. Die Strukturen sind gerade noch erkennbar. Was bleibt übrig, wenn Musik zerfällt? Vielleicht jene 36 Songs.

Trent Reznor ist ganz nebenbei nicht der erste, der sich diese äußerst hypothetische Frage nach dem Verfall von Musik gestellt hat. Schon Anfang der 80er Jahre experimentierten die Flying Lizards auf diesem Gebiet. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die schrullig-monotonen und metallischen Coverversionen von "Money" und "Sex Machine". Ja, das waren diese Freaks mit den Radiergummis zwischen den Klaviersaiten und der langgezogenen blasierten Frauenstimme, die disharmonische Sätze dazu hervorkaute.

"Ghosts I-IV" kann sich 30 Jahre danach auf perfid ausgereifte digitale Spezialeffekte stützen. Doch die stehen, anders als auf "Year Zero", nicht so dominant im Vordergrund. "Ghosts" pendelt gekonnt zwischen Ambient und US-Industrial, ist Zerrbild einer Zukunft, die garantiert niemand von uns erleben will. Oder sind wir schon mittendrin?

 

P.S.: Mittlerweile hat Reznor mit "The Slip" ein weiteres neues Album im Netz veröffentlicht bzw. "verschenkt". Mehr dazu in Kürze.

Ernst Meyer

Nine Inch Nails - Ghosts I-IV

ØØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

Null Corporation (USA 2008)
Links:

Reznors Dystopia: "Year Zero"


Auf dem fünften und erstaunlich rasch fertiggestellten NIN-Studioalbum erfindet Trent Reznor eine beängstigende Anti-Utopie der USA - die in Wahrheit aber nur noch einen Katzensprung entfernt ist. 
Links:

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