Musik_Saisonbeginn 2016/2017

Ein Herbst für Klassiker

Das Theater an der Wien, das Wiener Konzerthaus und nicht zuletzt die Wiener Kammerspiele begannen die neue Saison fulminant. Wenn das so weitergeht, stehen die Aussichten auf Sternstunden gut. Nebstbei begab sich der EVOLVER-Klassikexperte wieder einmal ins Sprechtheater und konnte dort zwei Stars bewundern.    13.10.2016

Traditionsgemäß eröffnete das Theater an der Wien die neue Spielzeit mit einem Konzert der Wiener Philharmoniker. Das Wiener Meisterorchester ließ nach langer Zeit wieder einmal Barockmusik hören und demonstrierte, daß es auch bei Georg Friedrich Händel brillieren kann. Die französische Barockspezialistin Emanuelle Haïm hatte mit den Musikern ein Händel-Programm unter dem Titel "Il delirio Amoroso" einstudiert. Nach einem interessant gespielten Concerto Grosso und den beiden "Wassermusik"-Suiten sang die exzellente holländische Sopranistin Lenneke Ruiten die titelgebende Kantate, wobei ihr glockenheller Sopran von seltener Schönheit zu bewundern war. Haïm zeigte wieder einmal, daß sie in Sachen Barockmusik und alter Musik einiges zu sagen hat. Sie und die Philharmoniker wurden von phantastischen Solisten unerstützt; vor allem der französische Blockflötenspieler, der total homogen mit den Philharmonikern spielte, war äußerst bewundernswert.

 

Musiktheatermäßig eröffnete das Theater an der Wien gleich mit einer formidablen Uraufführung. Auf dem Programm stand Anno Schreiers Deutung von "Hamlet", in der aber nicht der Ur-Hamlet gezeigt wird, sondern seine Nachfahren. Der Geist des ermordeten dänischen Prinzen stolzierte dennoch während der gesamten Aufführung in der Person des Countertenors Jochen Kowalski herum. Der Ostdeutsche begründete schon vor mehr als 30 Jahren die Renaissance der Counters - damals wurden diese Sänger ja noch mehr als schief angeschaut.

Schreiers Werk bewegt sich in einer Art "Pseudo-Atonalität", die man eher als Anbiederung an die neue Musik sehen kann. Dabei sind in der Oper durchaus wunderbare und interessante Stellen zu hören. Begeisterungswürdig war etwa der schräge Walzer des Pastors (famos: Kurt Streit) gegen Ende, der vor Sarkasmus und Zynismus nur so trieft. Ansonsten kann man sich musikalisch eine Mischung zwischen Richard Strauss und Alban Berg vorstellen. Die Sänger übertrafen einander auf höchstem Niveau; absolut erstaunlich war hier die junge Deutsche Theresa Kronthaler, die sowohl darstellerisch als auch stimmlich eine große Leistung lieferte. Das galt übrigens auch für das ORF-Orchester unter Michael Boder und vor allem die Regie von Christof Loy. Die knapp drei Stunden vergingen wie im Fluge.

 

Valery Gergiev und sein Mariinsky-Meisterorchester besuchten anläßlich des 125. Geburtstags von Sergei Prokofjew das Wiener Konzerthaus. In einem eher kurzen Programm spielte das Orchester, das man vielleicht schon einmal besser gehört hatte, ausschließlich Werke des Jubilars. Diesesmal hatte der Maestro seinen Leibpianisten Denis Matsuev mit, der das fast unspielbare zweite Klavierkonzert fulminant präsentierte. Mit unfaßbarer Leichtigkeit ließ der Russe Prokofjews Kaskaden hören und zögerte nicht, so richtig "reinzuhämmern"; dabei wirkte er allerdings nie vulgär. Wie musikalisch er vielmehr ist, bewies er bei der Zugabe von Liadovs "Spieluhr": toll, mit welcher Zartheit er da das Publikum verzauberte.

Als Zugabe ließ Gergiev Verdis "Die Macht des Schicksals"-Ouvertüre hören. So exzellent war das Stück bis jetzt kaum zu vernehmen. Wie aus dem Nichts spielten die Streicher das verhaltene Motiv - das macht den Musikern so schnell niemand nach.

Eine weitere Sternstunde bescherten die in Deutschland geborene Anna Prohaska und der Italiener Giovanni Antonini. In einem (vor allem von Prohaska) hochintelligent gestalteten Programm ließen die Sängerin und die italienischen Musiker auf berührendste Weise die Leiden der Heldinnen Dido und Kleopatra mitfühlen. Das Programm war nicht "applauslastig" gestaltet, sondern eine Nummer ging in die andere über, sodaß die Musik nicht durch die lästige "Pascherei" gestört wurde. Toll war, wie Antonini seine Kunst nicht nur als Dirigent, sondern als virtuoser Blockflötenspieler zeigte. Alles in allem ein wunderbarer Abend.

 

Ein Ausflug in die Gefilde des Sprechtheaters führte in die Wiener Kammerspiele. Dieses kleine und feine Haus (eine Dependance des Theaters in der Josefstadt) gab eine Wiederaufnahme von Bob Larbeys Komödie "Schon wieder Sonntag". Das Stück ist eher eine Tragikomödie und nur vordergründig lustig; es spielt in einem britischen Seniorenheim, wo die Alterserscheinungen wie Gebrechlichkeit und Demenz bei zwei Männern persifliert werden. Wie Otto Schenk und Harald Serafin die zwei alten Herren spielen, ist unnachahmlich. Serafins Gesichtsausdruck gab die zunehmende Demenz glaubhaft wieder, während Schenk eindrucksvoll demonstrierte, daß er trotz seines hohen Alters noch auf der Höhe ist. Absolut sehenswert.

Übrigens ein kleiner Nachsatz, der normalerweise hier nicht hergehören würde: Betrachtet man die komfortablen und modernen Sanitäranlagen in den Kammerspielen im Vergleich zu den - höflich ausgedrückt - renovierungsbedürftigen des Theaters an der Wien, dann möchte man die Vereinigten Bühnen Wien doch gleich um ein bißchen Budget in der Richtung ersuchen. Es ist wirklich hoch an der Zeit!

Herbert Hiess

Il Delirio Amoroso

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Eröffnungskonzert

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Werke von Georg Friedrich Händel

 

Lenneke Ruiten, Sopran

 

Wiener Philharmoniker/Emmanuelle Haïm

 

Orchesterkonzert am 17. September 2016 im Theater an der Wien

Links:

Hamlet

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Oper in 24 Szenen von Anno Schreier

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Solisten: Jochen Kowalski, Bo Skovhus, Andrè Schuen, Marlies Petersen, Theresa Kronthaler, Kurt Streit u. a.

 

Regie: Christof Loy

 

Arnold Schoenberg Chor

ORF Radio-Symphonieorchester Wien/Michael Boder

 

Theater an der Wien

 

Premiere: 14. September 2016

Reprisen: 16., 18., 21. und 23. September 2016

 

(Photo: Monika Rittershaus)

Links:

"Zu Ehren des 125. Geburtstags von Sergei Prokofjew"

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Festkonzert

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Werke von Sergei Prokofjew

 

Denis Matsuev, Klavier

 

Mariinsky-Orchester/Valery Gergiev

 

Konzert am 18. September 2016 im Wiener Konzerthaus

Links:

Dido und Kleopatra

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Orchesterkonzert

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Werke von Georg Friedrich Händel, Antonio Sartorio, Christoph Graupner u. a.

 

Anna Prohaska, Sopran

 

Il Giardino Armonico/Giovanni Antonini

 

Konzert am 24. September 2016 im Theater an der Wien

Links:

Bob Larbey: Schon wieder Sonntag

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Komödie

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Regie: Helmuth Lohner

 

Besetzung: Otto Schenk, Harald Serafin, Hilde Dalik u. a.

 

Wiener Kammerspiele

 

(bis inkl. 28. Oktober 2016)

 

(Photo: Erich Reismann)

Links:

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