Musik_Portishead - Third

Scratch is dead

Das mehr als zehn Jahre erwartete dritte Album des nach einer englischen Hafenstadt benannten Trios bietet alles mögliche - nur nicht das, was sich der ausgehungerte Fan erwartet hat ...    03.06.2008

Mit großer Spannung wurde Portisheads drittes Album herbeigesehnt. Das ist auch kein Wunder, erscheint es doch erst nach einer mehr als zehnjährigen Pause. Während dieser Zeit hat sich Sängerin Beth Gibbons an einer Solokarriere versucht, die nicht so recht vom Fleck kam. Nun wieder vereint, paßt scheinbar alles zusammen. Wer sich jedoch vertraute Melodien, langsame Beats und das für TripHop so typische Scratchen erwartet, sei gewarnt: Auf "Third" ist von diesen Stilbausteinen nichts mehr vorhanden.

Anders gesagt: Vom TripHop ist nur mehr der Trip übrig, und der hat es gewaltig in sich. Gleich der Opener "Silence" ist ein experimentelles Popstück par excellence. Auf das portugiesische Intro folgen nuschelnde Beats, die auch Tricky gut zu Gesicht stünden. Sanfte E-Gitarren-Akkorde und die seit Neneh Cherrys Zeiten ach-so-beliebten (Synth?-)Streicher heben an. Beth Gibbons ätherische Stimme setzt erst in der Pause ein. Zerbrechlich und voller Schmerzen beklagt sie eine zerbrochene Romanze. Die süßlichen Streicher und Gibbons´ überirdische, nasale Stimme stellen die einzigen Bindeglieder zu früheren Portishead-Releases dar. Das Grundtempo der ersten Nummer ist überraschend flott, die Harmonien kreisen mäandernd um sich selbst, ohne je eine Auflösung zu finden. Passend dazu darf auch Beth Gibbons nicht auf Erlösung hoffen.

Mit "Hunter" schlittern Portishead wohl nicht ganz unabsichtlich ins Fahrwasser einer Band, die sich die Sechziger auf ihr Banner gepinselt hat: Der Track klingt stark nach einem Song der aus Birmingham stammenden Broadcast, deutlich erkennbar an der mit Beserln gespielten Snare, der gezupften Akustikgitarre sowie den dunklen E-Gitarren-Drones. Auch das Glockenspiel kommt dem Hörer sehr bekannt vor. "Nylon Smile" bringt endlich Erinnerungen an ältere Portishead-Zeiten und überzeugt uns erfreulicherweise, daß Beth und ihre Mitstreiter nicht an einer Persönlichkeitsspaltung leiden. Doch auch diese Nummer ist angereichert mit Sounds, die man aus den späten 60ern oder gar frühen 70ern kennt: Tablas, Gongs und indianischen Trommeln. Darüber schwebt kristallen und wie in Trance die unvergleichliche Stimme der Beth Gibbons.

 

Spätestens ab "The Rip" machen sich allerdings erste Ermüdungserscheinungen in den Ganglien des Hörers breit. Die gezupfte Gitarre ist nun wahrlich nicht geeignet, jedem Song den glänzendsten Anstrich zu verleihen. Der Song springt plötzlich in die Elektronikecke und auch damit wieder ins Lager der genialen Broadcast. Schade. Waren Portishead früher mit Leichtigkeit in der Lage, eine völlig eigenständige Klangwelt zu erschaffen, tun sie sich nun damit hörbar schwer.

Das liegt zum Teil auch daran, daß die Musiker ganz bewußt auf die genrebildenden Stilmittel verzichtet haben. Wer erinnert sich nicht an die magisch in fast jeden Portishead-Song eingebundenen Scratches? Auf dem gesamten neuen Album kommt dieser Trick nun nicht mehr vor.

Wirklich mühsam wird es dann mit "Plastic": Beth sollte ihre Stimme besser einzusetzen wissen. Das süßlich-harsche Gejammer erreicht nun seinen Höhepunkt. Ah! Und da nudelt auch schon wieder die Akustikgitarre dazu. Schnell weiter.

"We Carry On" ist wahrscheinlich der bislang flotteste Portishead-Song. Endlich variiert Gibbons auch die Tonhöhe ihres Gesangs - zumindest ein bißchen, denn auf "Third" sorgt auch ihre stets gleichklingende, metallische Stimme für ein nicht zu unterschätzendes Maß an Monotonie.

Sie klingt seltsam dünn und zerrinnend, was ist da passiert? Und immer dann, wenn die Elektronik in den Vordergrund drängt, laufen Portishead Gefahr, verwechselbar zu werden - zumindest bei oberflächlichem Hinhören. Trish Keenan, die Frontfrau der bereits erwähnten Broadcast, verfügt jedoch über ein einerseits reineres, andererseits aber auch flexibleres Organ.

Demgegenüber ist Beth Gibbons kaum in der Lage, eine andere Emotionalität als zerstörte Liebe, gepaart mit Zukunftsangst, auszudrücken. Keine Spur von Humor geschweige denn Ironie ist auf "Third" zu finden. Man spürt in jedem Track förmlich den ungeheuren Leistungsdruck, der sich der Band bemächtigt hat. Der erweist der Musik dann auch keinen guten Dienst. Viele Passagen sind zu schnell oder verhudelt, schlicht unscharf. Der Zenit der Unzulänglichkeit wird auf "Deep Water" erreicht. Das lächerliche Zupf-Banjo und Gibbons´ zitternde Stimme machen diese gottlob kurze Exkursion in US-Folklore nahezu unhörbar.

"Machine Gun" ist ein Song über den Krieg. No na! Daher imitiert der Drumcomputer auch - wenig originell - ein Maschinengewehr. Unverständlicherweise ist dieser Track auch die erste Single-Auskopplung. Skurril und behäbig quält er sich über nahezu fünf Minuten. Das Drum-Pattern wird überhaupt nicht variiert. Wozu auch, erwarten sich die Musiker doch sicherlich, daß die Fans schon alleine vor dem Namen Portishead in Ehrfurcht erstarren. Weit gefehlt. Da hilft auch der Einsatz von digitalen Effektgeräten nicht. Und schon gar nicht die Keyboard-Sounds, die von Vangelis oder John Carpenter gestohlen sind ... Also wieder schnell weiter zum nächsten Track.

"Small" ist eine passable Ballade und der einzige Moment auf der Scheibe, in dem Beth Gibbons versucht, ihre Stimme etwas zu senken. Interessant ist hier der Einsatz des Cellos; schade, daß es immer nur einen langgezogenen Ton spielen darf. Das ist ja genau das Problem mit der Platte: Weil die Musik nicht ausreicht, paßt auch die Stimme nicht, alles wirkt irgendwie abgespeckt und leer. Und schon setzt die Hammondorgel ein - wieder ein Ausflug in die 70er. Uff. Wenn es um die Reinkarnation der damaligen Psychedelia-Strömung geht, gibt es heute einfach deutlich bessere Bands. Das einschlägige Angebot reicht von den mehrfach zitierten, genialen Broadcast bis zu den Dukes of Stratosphear.

Wohin die Reise von Portishead letzlich gehen soll, kann man aufgrund dieses sonderbaren Albums nicht abschätzen. Fest steht nur: Die alten Zeiten sind unwideruflich vorbei. Man kann nicht einmal behaupten, daß das schade wäre, da sich ja jeder weiterhin die alten Portishead-Platten anhören kann. Und "Dummy" war in Wahrheit ohnehin nie zu toppen.

Ernst Meyer

Portishead – Third

ØØØ

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Island/Universal (GB 2008)

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