Musik_The Orb - The Dream

Japanische Träumereien

Die Ambient-Dub-Veteranen geben ein starkes Lebenszeichen von sich. Ihr vor einem Jahr exklusiv für den japanischen Markt erschienenes Album ist nun weltweit erhältlich.    16.06.2008

Die Veröffentlichung eines neuen Orb-Albums ist immer eine spektakuläre Angelegenheit. Das liegt wohl auch daran, daß The Orb die letzten Überlebenden der in England zu Beginn der 90er Jahre entstandenen Ambient-Rave-Bewegung sind. Viele waren mit von der Partie, als es darum ging, Space-Tunes, harmonische Flächen und blubbernde Beats auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die einstigen Helden des Genres - 808 State, Orbital, KLF etc. - sind im Laufe der Jahre langsam in Vergessenheit geraten. Nicht so The Orb.

Das Trio um Dr. Alex Paterson hörte nie auf, alle paar Jahre eine neue Scheibe zu produzieren. Sicher, der Höhenflug, auf dem sich The Orb Mitte der 90er Jahre befanden, ließ sich nicht kontinuierlich fortsetzen. So folgten auf die sphärischen Mega-Erfolgsalben "Adventures Beyond the Ultraworld" (1991), "U. F. Orb" (1992) und "Orbus Terrarum" (1995) eher technoide Ausritte wie "Orblivion" (1997) und "Cydonia" (1999). Das lag zum Großteil an Bandmitglied Thomas Fehlmann, der eine erfolgreiche Zweitkarriere als gefragter Techno-DJ in Deutschland gestartet hatte.

Im Line-up zu The Orbs aktuellem Streich "The Dream" findet sich Fehlmann nun nicht mehr wieder. An Bord des interstellaren Raumschiffs frickeln demnach nur mehr zwei Orbianer: Mastermind und Psychoakustik-Experte Dr. Alex Paterson und sein Langzeitkumpel Martin "Youth" Glover. Das Fehlen Fehlmanns dürfte auch dafür verantwortlich sein, daß "The Dream" viel organischer, analoger und wieder so richtig spacey klingt - im für The Orb klassischen "Ambient"-Sinne.

Doch das ist nur die eine Seite. Die versammelten 15 Songs setzen nicht auf den in den 90ern obligatorischen Heavy-Dub-Ansatz, sondern folgen einem durchwegs linearen Pop-Konzept und zielen in Richtung Tanzfläche. Ja, mehr noch: Berücksichtigt man die Tatsache, daß "The Dream" bereits 2007 exklusiv auf dem japanischen Markt präsentiert wurde, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, The Orb wären angetreten, um dem japanischen Elektronikpublikum eine ordentliche Portion Nachhilfeunterricht in Sachen Brit-Dancefloor zu erteilen. Genau genommen ist "The Dream" nämlich eine wunderbare Anthologie englischer Dancefloor-Stile von Beginn der 90er bis zur Gegenwart.

 

Der Opener "The Dream" beginnt mit antiquiertem Plattenknistern; gehauchte Frauenstimmen mischen sich mit Meeresrauschen und den heißgeliebten Radio-Tapes, während im Hintergund eine für Tierdokus der späten 70er Jahre typische Harmonielinie anhebt: eine typische Orb-Melange, die sofort an "Little Fluffy Clouds" erinnert. Das Zeitfenster ist offen. Der zweite Track "Vuja De" geht schon etwas flotter zur Sache. Heavy-Dub-Baß und flotte Shuffles bringen die Beine zum Wippen. Aki Omuris markante Stimme, die Klavier-Stakkatos à la Mr Fingers: Hier sind wir mittendrin im Nineties-Rave. Nach dem kurzen "Supernatural" erreicht "The Dream" dann seinen ersten Höhepunkt.

"A Beautiful Day" ist ein prototypischer Orb-Track: Astronauten-CB-Funk, die Erde von oben. Tatkräftige Unterstützung bekommen die Orbianer hier von Juliet Roberts (Sängerin von Working Week; Anm. d. Red.). Zwischen den Gesangspassagen ist neuerdings auch viel Platz für Improvisation. Da wird dann aus den alten Synthies alles mögliche herausgequetscht, sphärische Flächen ebenso wie aus alten SF-Filmen bekannte Rausch- und Gurgelgeräusche. Alles fließt ineinander, ergibt ein leuchtend helles Kaleidoskop. "DDD" überrascht mit langsamem Ragga und einem einigermaßen schrillen Refrain von T.Corpral und Andy Caine. Spätestens jetzt beginnnt das Tanzbein zu zucken.

So hangeln sich The Orb von einem Stil zum nächsten. Der R´n´B-Track "The Truth" ist vermutlich der konventionellste. In diesem Song jammt auch Steve Hillage, der ehemalige Gitarrist von System 7, mit. Es ist ein höchst professionelles und vielseitiges Line-up, das The Orb hier zusammengewürfelt haben. Bei "Mother Nature" laufen dann die Turbokompressoren an, das Raumschiff wird gleich auf Warp-Antrieb schalten. Der deftige 2Step (schon wieder Stilwechsel) schiebt mächtig an, der Ragga-Sprechgesang von T.Corpral kontrastiert superb mit Juliette Roberts sanften Lauten. Vielleicht ist das The Orbs späte Antwort auf die karikaturhafte Arabeske "Galvanize", mit der die Chemical Brothers 2004 ein Comeback versuchten.

An die jamaikanische Küste schwemmt uns das gemütliche Geschunkel "Lost and Found". Kryptisch und klandestin klingt hingegen "The Forest Of Lyonesse" mit seiner elegischen Hirtenflötenmelodie. "Katskills" wiederum ist ein kräftiger Dubstep-Dancefloor-Smasher; da wird gemixt und geshufflet, was das Zeug hält. Am Beginn von "High Noon" schießen einige Querschläger, und Steve Hillage profiliert sich an der Westerngitarre. Mit amerikanischer Folklore hat die Nummer freilich nichts zu tun. Vielmehr verwandelt sich "High Noon" zusehends in einen straighten Four-to-the-floor-Track.

"Codes" stellt einen weiteren Höhepunkt auf dieser an denkwürdigen Ambient-Dub-Tracks nicht gerade armen Scheibe dar. Carol Lunas ätherischer Gesang erinnert so wie die Musik frappant an Massive Attack, allerdings wird bei The Orb mehr gefiltert. Fast alle Songs auf "The Dream" haben Überlänge, der kürzeste ("DDD") dauert fünf Minuten und drei Sekunden. The Orb brauchen diese Zeit schon dazu, um all ihre Stilelemente nacheinander auszurollen. Die Tracks wirken allesamt total in Realtime - hier wird nicht gehudelt, im Gegenteil. Die harmonischen Themen haben Platz zum Atmen, Wachsen und Sich-umeinanderwickeln. "Orbisonia" startet mit einem alten Reklame-Jingle, Ping-Pong-Sounds und einigen prähistorischen Radiostimmen, die die Vorzüge von Stereo loben. Plötzlich finden wir uns in einem Teich voller Seerosen wieder, der von The Orb schon früher skizziert wurde (auf "Orbus Terrarum").

Dieser wunderschöne Ambient-Track wäre ein würdiger, atmosphärischer Abschluß des Albums gewesen. Leider folgt darauf der einzige Wermutstropfen der Platte. Aus völlig unerfindlichen Gründen hängt noch ein Bonustrack an dem Album. "Let The Music Set You Free" ist bedauerlicherweise der schlechteste Track der Platte, nicht etwa, weil er übel klingt, sondern weil er ganz eindeutig wie Footage wirkt: ein völlig geradliniger, etwas dümmlicher 08/15-Techno-Track.

Doch dieser Schnitzer kann den hervorragenden Gesamteindruck in keiner Weise schmälern. The Orb bieten auf "The Dream" eine phantastische Reise über die Dancefloors der jüngeren Vergangenheit bis hin zu echten mythischen Ambient-Erlebnissen.

Ernst Meyer

The Orb – The Dream

ØØØØØ

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LSD Records/Stereo Deluxe/edel (GB 2008)

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