Musik_Velvet Revolver - Libertad

Heroin Chic

Auch das zweite Album der Guns-N´Roses-Nachfolgeband um den härteren Drogen nicht abgeneigten Gitarrero Slash besticht wieder durch erdigen, kompromißlosen Rock. Trotzdem wird Sänger Scott Weiland dem Vergleich mit Axl Rose niemals standhalten können.    01.08.2007

"Ganz gleich, was dir irgendjemand erzählt: Eine Welt-Tournee mit einer Heroinsucht zu absolvieren ist wohl eines der quälendsten Dinge, die es gibt." Also sprach Slash, die Rampensau, der Gitarrengott mit der Wuschelmähne.

Zwischen 24. Mai 1991 und 17. Juli 1993 bereisten Guns N´Roses mit ihrem herrlich größenwahnsinnigen Doppelalbumprojekt "Use Your Illusion" die Welt und gaben (zwischen Drogen- und Alkoholeskapaden) 192 Konzerte in 31 Ländern. Slash ließ seinen Sager in der Juli-Ausgabe des englischen "Classic Rock Magazine" los - allerdings erst im Jahr 2007, nur Monate nach dem Ende der ersten Welt-Tournee mit Velvet Revolver, die dabei ihr Debütalbum "Contraband" im Gepäck hatte. Die Veröffentlichung der zweiten Platte "Libertad" stand zu diesem Zeitpunkt unmittelbar bevor.

Auch wenn Velvet Revolver - mit Slash, Bassist Duff McKagan und Drummer Matt Sorum quasi das BZÖ der originalen Gunners - nun etwas kürzertreten müssen als damals, haben sie die Rock´n´Roll-Parolen, die seit jeher die Marschrichtung vorgeben, nach wie vor im Fundus. Daran ist man ja eigentlich schon seit der Band-Gründung gewöhnt: Kurz nachdem Ex-Stone-Temple-Pilots-Sänger Scott Weiland im Mai 2003 zum Velvet-Frontman gemacht wurde, mußte er auf richterliche Anweisung in die Reha-Klinik - und durfte die nur zum Dreh der Debüt-Single "Slither" für neun Stunden verlassen.

 

Mit der neuen Scheibe "Libertad" verfolgen Velvet Revolver textlich wie musikalisch den mit "Contraband" eingeschlagenen Weg weiter. Innerhalb weniger Monate wurde das Werk mit dem Produzenten Brendan O´Brien zusammengezimmert - in einer Zeitspanne also, die ein von Axl Rose engagierter Studiomitarbeiter zum Kaffeekochen brauchen würde, während der Chef mit "seinen" Guns N´Roses das lang erwartete Album "Chinese Democracy" aufnimmt.

Die Mitglieder von Velvet Revolver (neben den obenerwähnten noch Gitarrist Dave Kushner) können auch in ihren Songs aus einem reichen Erfahrungsschatz zitieren. Explizite Drogen- und Gefängnisreferenzen, etwa in den Tracks "Let It Roll" und "Pills, Demons & Etc.", sind in dreckige Gitarrenriffs eingebettet. Einige Songs wie der Halbakustik-Track "The Last Fight" sowie "For a Brother" muten in ihrer textlichen Aufbereitung tragisch an: Die Brüder von Scott Weiland und Matt Sorum starben während der Aufnahmen zu "Libertad" innerhalb weniger Tage - und beide Todesfälle hatten unabhängig voneinander mit Drogen zu tun.

Neben den zu den Textpassagen passenden harten, knackigen Sounds bekommt man - der Tradition von Guns N´Roses und Stone Temple Pilots folgend - auch "catchy tunes" zu hören: Das Jeff-Lynne-Cover "Can´t Get It Out Of My Head" würde sogar einer balladesken Rock-Hymne im Pop-Radio zur Ehre gereichen.

Doch trotz kompromißloser Gitarrensoli sowie rockender und posender Superstars mit authentischer Rock-Attitüde (zu sehen auf der mitgelieferten Bonus-DVD "Tierra Roja, Sangre Roja") hält "Libertad" dem Vergleich mit den Alben der Vorgänger-Bands nicht stand - ja, noch nicht einmal dem mit dem Revolver-Debüt "Contraband". Ohne kreativen Zusammenhang stehen die Stücke nebeneinander; das Gemeinsame im Werk wird genauso verzweifelt gesucht wie die eine musikalische Bombe, die Velvet Revolver auf den Hardrock-Thron schießen könnte.

Schuld daran ist fast ausschließlich die seltsam ausgeleiert klingende Stimme des Sängers. Obwohl "Libertad" wohl eines der besten derzeit erhältlichen Rock-Alben ist - 20 Jahre nach der Veröffentlichung von "Appetite For Destruction", dem phänomenalen Debüt von Guns N´Roses, wünscht man sich die explosive Kraft einer Stimme wie der von Axl Rose zurück. Und die hat man mit Scott Weiland leider nicht gefunden.

David Krutzler

Velvet Revolver - Libertad

ØØØ


RCA/SonyBMG (USA 2007)

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