Musik_Beachtenswertes Grafenegg-Academy-Projekt

Holpriger Start

Die Tonkünstler als Hausorchester legten mit ihrem ersten Grafenegger Sommerkonzert für 2018 einen etwas holprigen Start hin. Neben einem uninteressanten Chopin-Klavierkonzert hörte man die Wunschkonzertmelodien aus "Peer Gynt" - aber nicht wirklich berauschend. Die Grafenegg Academy wiederum wäre prinzipiell ein interessantes Projekt, doch organisatorisch gibt es noch einiges Lernpotential.    07.09.2018

Im zwölften Jahr seines Bestehens gebar das Management des großartigen Musikfests in der Kamp-/Donauregion ein neues Projekt namens "Grafenegg Academy". Das eigens dafür gegründete Orchester setzt sich aus jüngeren Musikern aus der ganzen Welt zusammen. Sie bekommen hier die Gelegenheit, mit anerkannten Dirigenten interessante Werke einzustudieren.

 So weit die ursprünglichen Intentionen - aber was auf dem Papier gut klingt, ist in der Umsetzung doch etwas überarbeitungswürdig. Das wirklich phantastische Orchester wurde von Campus-Chef Leon Botstein und seinen Assistenten brillant präpariert und einstudiert. Da hätten sich die Musiker ein breiteres Publikum verdient. Es war eigentlich noch nie der Fall, daß der Wolkenturm nicht einmal zur Hälfte besucht war. Das Projekt "Humanismus in der Musik - Das künstlerische Gewissen" wurde mit vielen interessanten Konzerten und Vorträgen/Workshops fast philosophischer und politischer Natur gestaltet. Nur stellt sich hier die Frage, ob das für das Grafenegger Publikum nicht doch zu "sophisticated" ist; die Antwort gibt da (leider) die magere Besucheranzahl des Abschlußkonzerts.

 Darüber hinaus stellt man das Orchester hier in direkte Konkurrenz zum European Youth Orchestra, das in Grafenegg mit viel "gängigeren" Programmen auftreten darf. Schade - die Musiker des Academy Orchesters hätten es verdient, einem viel größeren Personenkreis vorgestellt zu werden. Eine Möglichkeit wäre, wirklich prominente Dirigenten dafür zu engagieren. Das 1988 in Wien gegründete Festival "Wien Modern" konnte letztlich nur durch seine Gründungspersönlichkeit Claudio Abbado florieren. Ebenso prominente "Zugpferde" wären in Grafenegg notwendig.

 Mit Neeme Järvi wäre wenigstens ein wirklich prominenter Dirigent zu sehen gewesen. Nur gab es da (höflich gesagt) einige Ungereimtheiten. Bis zum Konzert vermeinte das nicht-internetlesende Publikum, es hätte die Dirigenten Neeme Järvi und Leon Botstein vor sich. Obwohl der neue Geschäftsführer sogar einleitende Worte zum Konzert und vor allem über das Academy Orchester sprach, erwähnte er mit keinem Wort, daß Neeme Järvi NICHT auftreten (wirklich schade!) und die Dirigentin Rebecca Miller den ersten Teil des Konzertes dirigieren würde.

 Das Konzert war dann wenigstens hochinteressant und hervorragend gespielt. Hartmanns "Miserae" und vor allem die Vertonung von Gottfried Kellers Versfolge "Lebendig begraben" waren eine Bereicherung des Konzertalltags. Hartmanns Stück ist eine musikalische Umsetzung der Angst, des Aufbegehrens und der Ungerechtigkeit im NS-Regime.  Othmar Schoecks Vertonung der Gedichte seines Schweizer Landsmanns Gottfried Keller ist eine Lautmalerei und musikalische Retrospektive auf viele Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts. Hier hört man immer wieder Mahler, Richard Strauss, Zemlinsky, den spätromantischen Schoenberg usw. heraus. Die 14 Gesänge wurden vom ungarischen Bariton Michael Nagy hervorragend interpretiert. Die Gesänge, die nahtlos ineinander übergehen, sind für einen Bariton sehr tief komponiert; es war phantastisch, wie Nagy das (manchmal allzu) lange Werk durchhielt. Die Fünfte von Schostakowitsch am Schluß, ein Höhepunkt für die musikinteressierten Konzertbesucher, wurde dann von Botstein sehr brav und umsichtig dirigiert. Das Werk hätte sich viel mehr Sarkasmus, Schwärze, Trauer etc. verdient. Hier sollte ein Maestro ans Werk, der das symphonische Wechselspiel der Gefühle mit interpretatorischer Tiefe auslotet. Leider kratzte der anwesende Dirigent nur an der Oberfläche, obwohl das Orchester hier hervorragend war.

 

Beim Eröffnungskonzert unter dem Titel "Norwegische Träume" bewiesen die Tonkünstler wieder einmal mehr, wie sehr ihre Qualität vom Dirigenten abhängt. Der in Deutschland geborene Jun Märkl ist ein umsichtiger Kapellmeister mit einer hervorragenden Schlagtechnik. Nur ist diese Technik manchmal so übergenau, daß sie den musikalischen Fluß regelrecht stört. Das war vor allem bei Debussys "Prélude" und Griegs "Peer Gynt"-Suiten zu hören. Gerade "Wunschkonzertmelodien" wie die "Morgenstimmung" oder die "Halle des Bergkönigs" waren da nicht wirklich eine großartige Referenz.

 Auch bei Chopins Klavierkonzert standen Pianist und Dirigent einander im Weg. Das führte öfters zu gewissen Unstimmigkeiten. Der tschechische Pianist Ivo Kahánek verließ sich viel zu oft auf das Pedal, was bekannterweise verwaschene Klänge produziert. Als Zugabe bedankte sich der Pianist dann mit Chopins "Fantaisie-Impromptu", das hierorts bereits 2017 vom Klaviergenie Daniil Trifonov gegeben wurde. Hier zeigte sich fast brutal, welche Welten zwischen den beiden Pianisten liegen.

 

Unter dem Titel "Somewhere Over the Rainbow" bescherte das überaus exzellente BBC Concert Orchestra unter Richard Balcome dem Publikum einen interessanten Abend mit Sinatra/Garland-Nummern unter anderem aus den Filmen "Girl Crazy" und "Wizard of Oz". Auch vom Jubilar Leonard Bernstein waren ein paar Nummern aus "On the Town" zu hören.

So exzellent die Sänger Louise Dearman und Graham Bickley waren - sie sind halt weder eine Judy Garland noch ein Frank Sinatra. In Filmen mag die Musik recht nett sein, im Konzert sind die mehr als zwei Stunden doch etwas ermüdend. Für das superbe Orchester hätte man ein "gehaltvolleres" Programm kreieren können.

Die Sommerkonzerte endeten für den EVOLVER-Klassikexperten mit dem in Grafenegg zur Tradition gewordenen Konzert des Europäischen Jugendorchesters. Das Orchester wurde 1974 in London gegründet, nahm aber erst 1978 mit seinem damaligen Mentor Claudio Abbado so richtig Fahrt auf. Mittlerweile hat es schon einige "politische" Krisen überstanden, da die EU ein paar Mal die Förderungen streichen wollte und das Orchester vor der Schließung stand. In Grafenegg ist das großartige Ensemble ein gern gesehener Gast und konnte bei seinem jüngsten Konzert beweisen, welches Potential in ihm steckt.

 

"Klangrausch und Opern-Duette" hieß das Programm, bei dem die berühmteste Konstellation Schwiegervater/Schwiegersohn der Musikszene auftrat. In familiärer Vertrautheit sangen Thomas Hampson und Luca Pisaroni Arien und Duette von Mozart, Rossini, Bellini, Verdi und Donizetti.

Hier zeigte sich allzu deutlich, daß Alter offenbar nicht wirklich einen Einfluß auf die Qualität hat. Während der "alte" Hampson (trotz gesundheitlicher Indisposition) bis auf ein paar Schwächen (in den Höhen) so richtig brillierte, war des Schwiegersohns Auftritt nicht wirklich beeindruckend. Pisaroni, der sich gern als Baß sieht, ist mehr ein dunkel gefärbter Bariton mit (leider) fehlender Tiefe. Beim Duett Philipp-Posa aus Verdis "Don Carlos" war das schmerzlich zu vernehmen. Noch dazu hörte man deutlich, daß Hampson begeistert interpretierte, während man bei Pisaroni manchmal (vor allem bei Mozart) das Gefühl hatte, daß er aus dem Telefonbuch vorlas. Trotzdem waren die Gesangsnummern eine Freude; der Höhepunkt war die Zugabe mit einem Duett aus Donizettis "Don Pasquale", bei dem die beiden einander übertrafen.

Großartig war das Orchester nicht nur bei den Opernszenen, sondern vor allem bei der "Rosenkavalier-Suite" und den "Pini di Roma". Honeck setzte hier nicht so wie früher auf oberflächliche Klangeffekte, sondern musizierte begeistert mit den netten jungen Leuten. Man konnte hier phantastische Musiker ausmachen, ob Soloklarinette oder das erste Horn oder noch mehr den hervorragenden Paukisten. Den Burschen sollte man sich merken - und sich gleichzeitig fragen, warum in vielen berühmten Orchestern dieses Instrument so langweilig gespielt wird. Vielleicht könnten einige der langjährigen Profis einmal bei den jungen Leuten Unterricht nehmen.

Herbert Hiess

Norwegische Träume

ØØØ 1/2

Orchesterkonzert

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Claude Debussy: "Prélude à l'après-midi d´un faune"

Frédéric Chopin: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 in e-moll

 

Edvard Grieg: Peer Gynt-Suiten Nr. 1 und Nr. 2.

 

Ivo Kahánek, Klavier

 

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich/Jun Märkl

 

Konzert am 30. Juni 2018 im Wolkenturm

 

Photo: Millot Jean Baptiste

Links:

Das künstlerische Gewissen

ØØØØ

Grafenegg Academy

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Karl Amadeus Hartmann: "Miserae" Poème Symphonique für Orchester

 

Othmar Schoeck: "Lebendig begraben" - Vierzehn Gesänge nach der gleichnamigen Gedichtfolge von Gottfried Keller für Bariton und Orchester op. 40

 

Dmitri Schostakowitsch: Symphonie Nr. 5 in d-moll op. 47

 

Michael Nagy, Bariton

 

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor

 

Dirigenten:  Rebecca Miller (Hartmann)

                  Leon Botstein (Schoeck, Schostakowitsch)

 

Konzert am 8. Juli 2018 im Wolkenturm

 

Photo: Matt Dine

Links:

Somewhere Over the Rainbow

ØØØØ 1/2

Orchesterkonzert

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Musiknummern aus den Filmen "The Wizard of Oz", "Girl Crazy" etc.

 

Louise Dearman, Graham Bickley - Gesang

 

The BBC Concert Orchestra/Richard Balcombe

 

Konzert am 28. Juli 2018 im Wolkenturm

Links:

Klangrausch und Opern-Duette

ØØØØØ

Symphoniekonzert

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Werke von R. Strauss, W. A. Mozart, G. Rossini, G. Verdi, V. Bellini und O. Respighi

 

Solisten: Thomas Hampson und Luca Pisaroni

 

European Youth Community Orchestra/Manfred Honeck

 

Konzert am 4. August 2018 im Wolkenturm

Links:

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