Musik_Orchester-Entdeckungen in Grafenegg

Verborgene Schätze

Aus diversen Gründen fiel die Grafenegg-Saison 2018 des EVOLVER-Klassikexperten relativ kurz aus. Wettermäßig waren die Abende recht daneben - der Großteil der besuchten Veranstaltungen fand "indoor" statt. Dafür gab es künstlerisch hochinteressante Neuentdeckungen. Man kann dem Grafenegg-Team dankbar dafür sein, daß es solche Künstler aufs Podium brachte.    08.10.2018

2018 ist ja ein großes Gedenk- und Bedenkjahr - wobei man ja sowieso bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an die große Erbsünde Nr. 2 erinnert wird. Nun hat man in Grafenegg die Gelegenheit genutzt, mit Brittens "War Requiem" ein monumentales und nicht bombastisches Werk zum Gedenken aller (Kriegs-)Toten aufzuführen.

Das Requiem hat eine interessante Besetzung: ein großes Orchester und dazu einen großen Chor und einen Kinderchor; dazu kommt noch ein zwölfköpfiges Kammerorchester. In dem Stück singen die Chöre und die Sopransolisten die liturgischen Worte des Requiems, während das Kammerorchester Tenor und Bariton zu Texten des britischen Dichters Wilfred Owen begleitet. Owen war nicht nur Dichter, sondern auch Soldat, der ergeben der britischen Armee diente. Fatalerweise fiel er bei einer Schlacht exakt eine Woche vor Beendigung des Krieges.

Das Werk wurde 1962 in Großbritannien uraufgeführt, als meisterhafter Komponist zeichnete Benjamin Britten für die Musik verantwortlich. Daß er einer der besten Instrumentierer und Techniker war, kann man bei seinen Opern und symphonischen Werken immer wieder bewundernd feststellen. Doch in all die Perfektion hat sich ein gewisses Maß an Distanziertheit eingeschlichen. Man kann Brittens Technik und seine Kunst nur bewundern - ob er die Hörer aber tatsächlich emotionell berührt, muß jeder für sich entscheiden.

Die Grafenegger Festivaleröffnung 2018 war jedenfalls ein voller Erfolg. Die Tonkünstler brillierten unter ihrem Chef, die Chöre sangen meisterhaft, und bei den Solisten waren die Herren großartig, während die Sopranistin leider manchmal recht schrill erklang. Übrigens war dem Requiem eine Fanfare mit Trompeten (hinter dem Podium) als Uraufführung des "Composers in Residence" Ryan Wigglesworth vorangestellt, die man während des Einzugs des Publikums einfach abspielte. Ob ungeschickt geplant oder aufgrund sonstiger "Sachzwänge" - als Komponist könnte man sich dadurch schon etwas mißachtet vorkommen ...

 

Ein Orchester, das man immer wieder im Radio hören kann und trotzdem viel zu wenig beachtet, sind die Bamberger Symphoniker. Heuer waren sie erstmals zu Gast in Grafenegg, und man merkte, was das Ensemble für ein verborgener Schatz ist.

Mit ihrem sympathischen Chef Jakob Hrusa spielten die Bamberger ein deutsch-slawisches Programm. Das Violinkonzert von Johannes Brahms bekommt man zwar oft zu hören, aber selten in so einer begeisterungswürdigen Produktion. Der großartige Geiger Nikolaj Znaider (u. a. Schüler von Boris Kuschnir am Wiener Konservatorium) zelebrierte geradezu das musikalisch und technisch extrem schwierige Werk. Mit seiner traumhaft klingenden Guarneri ließ er die berührenden Kantilenen von Brahms durch den Saal fließen. Nach dem Konzert bedankte er sich für den kräftigen Applaus mit einem Bach - "zur Abkühlung", wie er sagte.

 

 

Nach der Pause ließ der tschechische Maestro Hrusa Musik aus seiner Heimat erklingen. Bei den ersten vier Teilen aus Smetanas "Mein Vaterland" hörte man voller Begeisterung, wie sehr Orchester und Dirigent aufeinander eingehen. Das Ensemble ist in jeder Gruppe hervorragend besetzt; selten noch hat man Smetanas symphonisches Hauptwerk so farbig und mitreißend gehört. Wenn an dem Konzert etwas auszusetzen war, dann vielleicht, daß die letzten beiden Teile von Smetanas Werk fehlten. Sie hätten wahrscheinlich den zeitlichen Rahmen gesprengt ... aber wenigstens hatte noch der letzte "Ungarische Tanz" von Brahms Platz als Zugabe.

 

Tatsächlich den zeitlichen Rahmen sprengte am Tag danach die "Bernstein-Gala". Schuld daran war einzig und allein der zu 90 Prozent entbehrliche "Moderator" Christoph Wagner-Trenkwitz. Ein leicht selbstverliebter und vor allem von seinem eigenen Humor (?) begeisterter Vielplauderer dehnte das Konzert zu einer unerträglichen Länge und ließ das Orchester und den Dirigenten immer wie Schulkinder warten.

Konzerte zu moderieren ist wahrlich eine Kunst. Einerseits will man dem Publikum auf lockere Weise Informationen näherbringen, andererseits aber sollte das so komprimiert erfolgen, daß die Aufmerksamkeit der Zuhörer nicht nachläßt. Noch dazu herrscht die Gefahr, daß der Redner leicht in Peinlichkeiten abrutscht.

Und das ist Wagner-Trenkwitz leider oft genug passiert. Natürlich brachte er interessante Informationen zu den aufgeführten Werken - aber wer braucht dazu eine Art "Seitenbühne-Getuschel"? Und noch dazu eine unnötige, aber politisch gefällige Anti-Trump-Äußerung? Viele derartige Moderatoren (auch Barbara Rett) sollten vielleicht einmal genau zuhören, wie Alfred Eschwé zum Jahreswechsel seine Konzerte moderiert. Pointiert, straff, gehaltvoll und mit sympathischem Humor wird da im Publikum eine positive Stimmung erzeugt.

Musikalisch hätte man den Jubliar Leonard Bernstein aber nicht besser würdigen können. Das niederösterreichische Hausorchester unter seinem Chef Sado brachte ein wunderschönes Panoptikum der Werke des amerikanischen Musikgenies, angefangen von der brillanten (und extrem schwierig zu spielenden) "Candide"-Ouvertüre über die Suite aus "Waterfront" bis hin zu einem Potpourri aus Bernsteins Magnum Opus "West Side Story". Das Orchester war in absolut blendender Form, ebenso wie Elisabeth Kulman und der ausbaufähige Tenor Peter Kirk; brillant auch Patricia Petibon. Keinesfalls vergessen darf man an dieser Stelle den exzellenten Cellisten Leonard Elschenbroich, der die "Meditations" richtig zelebrierte.

 

Das letzte Konzert der Saison fand wetterbedingt ebenfalls im Auditorium statt, was aus akustischen Gründen ein großer Vorteil war - sonst hätte man das Violinkonzert von Sibelius mit der phantastischen Hillary Hahn nie so unmittelbar und akustisch "unbehandelt" hören können. Die von Lorin Maazel entdeckte Amerikanerin ist die wahrscheinlich größte Geigerin der Gegenwart. Es ist geradezu unglaublich, mit welcher Emotion, Technik und welch berührenden Klängen sie die Musik des finnischen Komponisten dem Publikum zum Vortrag brachte. Hahn begeisterte die (ansonsten mit Applaus sparsamen) Zuhörer so sehr, daß sie sogar zwei (!!) Zugaben spielte - natürlich von J. S. Bach. Auch hier zeigte sich ihre unschlagbare Größe.

Eine ebensolche Größe bewiesen der oft witzige Dirigent Mikko Franck und das Orchestre Philharmonique de Radio France. Die Franzosen überraschten genauso wie die Bamberger Symphoniker mit einer nachahmenswerten Orchesterkultur. In allen Stimmgruppen überzeugten die Musiker, während sich Franck als meisterhafter Einstudierer erwies, der jede Klangnuance auslotete. Man wird sich noch lange an das sanfte Flirren erinnern, mit dem das Sibelius-Konzert begann. Ravels "Tombeau" und die oft abgedroschene Fünfte von Beethoven waren ebenso auf einem hohen meisterlichen Niveau gespielt. Und mit der Zugabe von Sibelius´ "Valse triste" erwies der finnische Maestro seinen Musikern eine Reverenz, da dieser Walzer eigentlich eher französisch klingt als finnisch.

Man darf sich auf den nächsten Grafenegger Sommer freuen.

Herbert Hiess

Benjamin Britten - War Requiem

ØØØØ 1/2

Festivaleröffnung

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Solisten: Anna Samuil, Lucas Meachem, Christian Elsner

 

Wiener Singverein, Wiener Sängerknaben

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich/Yutaka Sado (Yukari Saito: Dirigentin des Kammerorchesters)

 

Konzert am 17. August 2018 im Wolkenturm

Links:

Bamberger Symphoniker

ØØØØØ

Orchesterkonzert

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Johannes Brahms: Konzert für Violine und Orchester in D-Dur op. 77

Friedrich Smetana: "Mein Vaterland" (Teile 1-4)

 

Nikolaj Znaider, Violine

 

Bamberger Symphoniker/Jakub Hrusa

 

Konzert am 24. August 2018 im Auditorium/Grafenegg

Links:

Bernstein-Hommage

ØØØØ 1/2

Orchesterkonzert

Leserbewertung: (bewerten)

Werke von Leonard Bernstein

 

Patricia Petibon, Elisabeth Kulman, Peter Kirk - Gesang

Leonard Elschenbroich - Violoncello

 

Christoph Wagner-Trenkwitz, Moderation

 

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich/Yutaka Sado

 

Konzert am 25. August 2018 im Auditorium/Grafenegg

Links:

Hilary Hahn & das Orchestre Philharmonique de Radio France

ØØØØØ

Orchesterkonzert

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Werke von Maurice Ravel, Jean Sibelius und Ludwig van Beethoven

 

Hillary Hahn, Violine

 

Orchestre Philharmonique de Radio France/Mikko Franck

 

Konzert am 30. August 2018 im Auditorium/Grafenegg

Links:

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