Georg Friedrich Händel - Jephta
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Oratorium in drei Akten
Theater an der Wien
Les Arts Florissants/William Christie
Besetzung: Kurt Streit, Kristina Hammarström, Katherine Watson u.a.
Konzertante Aufführung am 17. November 2011
Im heurigen Händel-Schwerpunkt brachte das Theater an der Wien konzertante Aufführungen des Oratoriums "Jephta" und der Oper "Giulio Cesare in Egitto". Während die Vertonung von Cäsars Geschichte eine Sternstunde war, wirkte "Jephta" bis auf den Hauptdarsteller seltsam lahm - trotz prominenter Besetzung. Doch das alles war noch um einiges besser als Lera Auerbachs musikalischer Einbruch in Gogols Gehirn. 12.12.2011
Mit der Uraufführung von Lera Auerbachs Oper "Gogol" hat die Intendanz des Theaters an der Wien dem Bildungsauftrag soweit Genüge getan, daß zumindestens ein paar tausend Menschen das musikalische Verwirrspiel um des Schriftstellers Psychosen erleben konnten. Daß die Aufführung ein reiner Kunstgenuß war, werden nicht alle bestätigen, die sie gesehen und gehört haben. Beeindruckend war wenigstens die Performance der Solisten, Tänzer und Statisten sowie des ORF-Orchesters mit Vladimir Fedoseyev am Pult.
Als wenig berauschend erwiesen sich hingegen Komposition und Umsetzung. Dabei sollen die Fähigkeiten der 38jährigen russischen Komponistin nicht in Frage gestellt werden: sie beherrscht die Instrumentationstechnik aus dem Effeff. Doch leider beschränkt sich ihr Können auf das Tontechnische ...
Auerbachs Oper "Gogol" kann man im besten Fall noch expressionistische Ausdrucksmusik nennen; der Wahrheit näher käme aber eine Betrachtung der Musik als sequentielles Abspulen einzelner Phrasen (nicht einmal Motiven!). Die ersten beiden Akte waren größtenteils Leerläufe, gerade im dritten Akt waren die ersten beiden Szenen ("Vor sich selbst davonlaufen", "Der Brautmarkt") recht packend, und auch die dritte Szene ("Totentanz") begann recht eindrucksvoll, um dann in einem geschwätzigen und unpassenden Schluß auszuklingen.
Christine Mielitz ist eine faszinierende und intelligente Frau, der "verquere" Ansichten aber scheinbar immer wieder so dazwischenkommen, daß sie viele Inszenierungen in den Sand setzt. Für den EVOLVER-Klassikexperten war die Produktion weniger eine Oper als eine langweilige Revue. Trotzdem konnte ein hervorragendes Sängerensemble wenigstens die interpretatorische Qualität hochhalten (vor allem Martin Winkler und Otto Katzameier als Gogol sowie Natalia Ushakova mit ihrem glasklaren Sopran). Ein spezielles Lob gilt dem 14jährigen Florian Lienhardt von den Grazer Sängerknaben. Fulminant, wie der Bub die schwierige Partie souverän brachte.
260 Jahre früher komponierte Georg Friedrich Händel sein Oratorium "Jephta". Das Werk erzählt die Geschichte von der Befreiung der Israeliten und ist vom Komponisten sehr "akademisch" angelegt. Im Vergleich zu seinen anderen Stücken ist es oft sehr eintönig komponiert, was durch die Interpretation bei der Aufführung noch übermäßig betont wurde.
Ein seltsam blasses Barockensemble Les Arts Florissants unter seinem Dirigenten William Christie und eine (bis auf Kurt Streit) ebensolche Sängerschar wußten nicht zu begeistern. Nur der kanadische Tenor Streit legte all seine Emotionen in die Partie und brillierte mit seiner wunderschönen Stimme; er interpretierte jede Phrase und jedes Wort. Das kann man von seinen Kollegen nicht behaupten - hier dürfte die unausgesprochene Desvise eher "wortundeutlich und langweilig" gelautet haben, wie an der mangelhaften Leistung der jungen Rachel Redmond als Engel zu bemerken war: Eigentlich hätte sie ja eine Jubelbotschaft zu verkünden gehabt (nämlich, daß Jephtas Tochter Iphis überleben darf), doch man hatte vielmehr den Eindruck, sie lese die Bedienungsanleitung eines Elektrorasierers vor.
Völlig konträr dazu wußte die musikalische Erzählung von Julius Cäsars Erlebnissen in Ägypten mit seiner Geliebten Cleopatra vom ersten Ton an zu überzeugen. Bei der konzertanten Aufführung der Händel-Oper "Giulio Cesare in Egitto" boten zwei Kanadierinnen ein großes künstlerisches Erlebnis: Marie-Nicole Lemieux mit einer Altstimme von Weltklasse als Cäsar und Karina Gauvin als Cleopatra lieferten eine Lehrstunde in Technik, Musikalität und Interpretation. Lemieux hat eine Stimme wie seinerzeit Marilyn Horne und brillierte vom ersten bis zum letzten Takt; ganz grandios war ihre "Pastoralarie" im zweiten Akt (zweite Szene). Im Dialog mit der Solovioline zauberte sie mit unendlicher Tiefe und exzellenten Koloraturen ein musikalisches Landidyll. Übrigens hat diese G-Dur-Arie viele Ähnlichkeiten mit em Hauptthema des ersten Satzes von Ludwig van Beethovens 6. Symphonie in F-Dur ("Pastorale"), die mehr als 80 Jahre später uraufgeführt wurde.
Im Gegensatz zu seinem "Jephta" legte der Komponist in diese Komposition über den römischen Feldherrnall sein ganzes Können. Ob in der Arie mit Solohorn oder den speziellen Fagottstimmen - Händel bewies, wie man mit bescheidenen Mitteln ein Klangerlebnis zaubern kann.
Schade war nur, daß Dirigent Alan Curtis offenbar eine "Sparvariante" für diese Aufführung wählte; vor allem die zwei Hörnerpaare fehlten sehr. Trotzdem holte der Maestro ein Maximum an Klangpracht aus seinem Ensemble. Von exzellenter Qualität waren auch die anderen Sänger, wie etwa Filippo Meneccia, Romina Basso, Emöke Baráth, Johannes Weisser und Milena Storti. Mit diesem Konzert kam Cäsar, sah und siegte - nicht nur in der Geschichte!

Georg Friedrich Händel - Jephta
ØØ
Oratorium in drei Akten
Theater an der Wien
Les Arts Florissants/William Christie
Besetzung: Kurt Streit, Kristina Hammarström, Katherine Watson u.a.
Konzertante Aufführung am 17. November 2011

Georg Friedrich Händel - Giulio Cesare in Egitto
ØØØØØ
Oper in drei Akten
Theater an der Wien
Il Complesso Barocco/Alan Curtis
Besetzung: Marie-Nicole Lemieux, Karina Gauvin, Filippo Meneccia u.a.
Konzertante Aufführung am 23. November 2011

Lera Auerbach - Gogol
Ø 1/2
Oper in drei Akten
Theater an der Wien
ORF-Radiosymphonieorchester/Vladimier Fedoseyev
Arnold Schoenberg Chor, Grazer Kapellknaben, Mozartknabenchor Wien
Regie: Christine Mielitz
Besetzung: Martin Winkler, Otto Katzmeier, Ladislav Elgr, Natalia Ushakova, Florian Lienhart u.a.
Uraufführung: 15. November 2011
Aufführungen: 18., 21., 24. und 26. November 2011
Im Theater an der Wien wurde Ambroise Thomas' Opernversion der Shakespearschen Tragödie "Hamlet" aufgeführt, bei der Marc Minkowski, der in Frankreich lebende Stardirigent mit polnischen Wurzeln, sein fulminantes Debüt gab. Die Oper zeichnet sich zwar nicht durch eine markante Musik aus, wurde aber von Regisseur Oliver Py und seinem musikalischen Team zum echten Ereignis gemacht!
Wenn man sich die diversen Veranstaltungsprogramme anschaut, gilt auch 2012 offenbar wieder die Devise "Auf jedem Misthaufen ein Sommerfestival". Nur gibt es gar nicht so viele gute Künstler wie Veranstaltungen. Deswegen muß man auf die exquisitesten zurückgreifen - und die sind in Niederösterreich die Opernfestspiele in Gars am Kamp und die zwei Sommerzyklen in Grafenegg. Dort kommen Musikfreunde voll auf ihre Rechnung.
Im Frühling blühen nicht nur Bäume, sondern auch die Neuerscheinungen in den Tonträgerkatalogen. Heuer beglücken die Plattenfirmen nicht mit belanglosen Kompilationen, sondern bieten dem anspruchsvollen Musikfreund zwei ganz besondere Opernproduktionen sowie zwei herausragende Konzert-CDs an.
Anläßlich des heurigen "Osterklang"-Festivals wurde eindrucksvoll bewiesen, daß ein Konzert mit einem Meisterorchester und relativ prominenter Besetzung weitaus belangloser sein kann als eine Veranstaltung mit einem schwächeren Orchester. Die Wiener Philharmoniker scheiterten an der Akustik des Hauses an der Wien, während ein englisches Ensemble drei Tage später ebendort brillierte.
Der EVOLVER-Klassikexperte besuchte die zweite Aufführung der lang erwarteten "Hoffmann"-Serie und erlebte, wie eine erstklassige Regie und wenigstens die Hälfte der Hauptrollen-Besetzung diese Aufführung rettete. Ein paar Tage zuvor wurde mit Händels Oratorium "Theodora" wieder ein geniales Werk der Barockzeit ebenso genial aufgeführt.
Im Theater an der Wien konnte man die szenische Aufführung einer Gluck-Oper und zwei konzertante Produktionen von Purcell und Händel erleben. Leider überzeugte nur Purcells "The Fairy Queen". Glucks "Telemaco" war zwar musikalisch exzellent, was man vom Stück aber nicht behaupten kann - und Händels "Ariodante" eher ein fragwürdiger Erfolg.
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