Print_Print-Tips-Spezial

Schmauchspuren #56

Geht das Krimigenre den richtigen Weg, wenn es sich einerseits in berechenbaren Hollywood-Mustern verliert und andererseits so tut, als wäre es ohnehin keine "billige" Unterhaltungsliteratur? Ja, das tut es, meint Peter Hiess - und findet auch diesmal wieder ein paar Perlen.    30.09.2016

Peter Hiess

Robert B. Parker - Die Tote in Paradise / Eiskalt

Pendragon Tb. 2014

Leserbewertung: (bewerten)

Wer von Robert B. Parker bisher nur die - zugegebenermaßen guten, aber gegen Ende qualitativ leider etwas abfallenden - Spenser-Krimis kannte, hat eindeutig was versäumt. Der amerikanische Thrillerkönig hat nämlich auch eine Serie um den Kleinstadtpolizisten Jesse Stone geschrieben, die jetzt dankenswerterweise vom Pendragon-Verlag in deutscher Sprache veröffentlicht wird. Stone war nicht immer in der Provinz aktiv, sondern vormals Mordermittler beim LAPD, bis er seine Karriere versoff und in Paradise, Massachusetts Polizeichef wurde. Eine ruhige Kugel schiebt er aber auch dort nicht, wie die korrupten Dorfschranzen gleich zu Beginn der Reihe feststellen müssen.

In den Romanen "Eiskalt" und "Die Tote in Paradise" hat er es mit reichen, arroganten Serienmördern bzw. dem Mord an einem High-School-Mädchen zu tun - und trotz seiner Ruhe und liebenswerten Coolness klärt er diese Fälle mit viel Spürsinn und Beharrlichkeit. Nebenbei schafft er es noch, sich mit seiner Ex, diversen neuen Geliebten, Therapeuten und seiner Trunksucht herumzuschlagen, weitab von einschlägigen Klischees und zur Freude der Leserschaft. Verfilmt wurden die Jesse-Stone-Krimis übrigens erstaunlich sehenswert mit Tom Selleck. Also schlagen Sie zu - gleich auch bei den ersten Bänden "Das dunkle Paradies" und "Terror auf Stiles Island".

 

 

Links:

Eyre Price - Road Kill

Heyne Hardcore Pb. 2014

Leserbewertung: (bewerten)

Obwohl die Stone-Romane in der Gegenwart spielen (also von Ende der Neunziger bis zum Tod Parkers), erinnern erzählerischer Stil und Stimmung wohltuend an die schreiberische Professionalität früherer Jahrzehnte. Eyre Prices Roman "Road Kill" ist ein typisches Beispiel dafür, wie Krimis heute gemacht werden: schnell geschrieben, rasant erzählt, immer mit einem Auge auf Hollywood (daher leicht Tarantino-verseucht) mit vielen Bezügen auf die Popkultur, damit auch der Soundtrack paßt, und am besten überhaupt gleich als Roadmovie konzipiert. So geht´s auch in dem Plot um einen abgehalfterten Musikpromoter zu, der sich von einem Russenmafioso Geld ausborgt - und dann in Begleitung zweier Killer seine eiserne Reservemillion aus dem Safe holen soll. Aber die ist weg, und der Protagonist macht sich auf eine Rätselrallye durch die Musikgeschichte der USA, von Blues über Motown bis Grunge. Ist ja auch eine witzige Idee und durchaus spannend, aber irgendwann werden es der Handlungsstränge zu viele, und dem eigentlichen Krimi geht vor lauter Buddy-Movie und US-Pop die Luft aus. Trotzdem: schnell konsumierbar, schnell zu vergessen.

Links:

Elissa Wald - The Secret Lives of Married Women

Hard Case Crime (Titan Books) 2013

Leserbewertung: (bewerten)

Gleich vergessen kann der Pulp-Freund Elissa Walds Beitrag zur an sich meist guten Reihe Hard Case Crime. Weil "The Secret Lives of Married Women" ungefähr so interessant ist wie der Titel: gar nicht. Ein schwerverdauliches Gebräu aus Stalker-Pseudoproblemchen, den Schicksalen zweier Zwillingsschwestern (die eine unterdrückt, die andere mit - gähn - einst ausgelebter Sexualität), einer Prise S/M-Blabla (gääääähn) und schwüler Erotik. 50 Shades of Öd, sozusagen. Muß nicht sein.

Links:

Elisabeth Florin - Commissario Pavarotti trifft keinen Ton

Emons Pb. 2013

Leserbewertung: (bewerten)

Wer Donna Leon längst aufgegeben hat, wird bei einem Titel wie "Commissario Pavarotti trifft keinen Ton" erschreckt zusammenzucken, weil ja in Wahrheit kein Mensch noch einen verfressenen, kulturbeflissenen italienischen Polizisten braucht, der in unglaubwürdigen Mordfällen ermittelt. Das sollte einen aber nicht davon abhalten, Elisabeth Florins hocherfreulichen Roman zu lesen. Der spielt nämlich erstens in Meran - und Südtirol ist uns Österreichern ja sehr nahe, worauf auch die Handlung Bezug nimmt, in der es unter anderem um die politisch heißen "Bombenjahre" geht - und handelt zweitens von den Problemen des italienischen Kommissars und Tenor-Namensvetters, dem die deutschsprachigen Bewohner Merans partout nichts über den ermordeten Unternehmer verraten wollen wollen. Also versichert er sich der Mitarbeit einer deutschen Touristin, mit der er dann alte Familien- und Regionalgeheimnisse aufdeckt. Und das weit besser, als man es vom üblichen Lokalkrimi kennt.

Links:

Daniel Woodrell - In Almas Augen

Liebeskind 2014

Leserbewertung: (bewerten)

Zum Schluß noch ein paar Worte zu Daniel Woodrell: Den hat der erfahrene Krimileser schon vor "Winters Knochen" geschätzt - und bevor die Kultureulen von Welt und Spiegel ihn mit blöden Feuilleton-Formeln wie "Woodrell meißelt seine Sätze in Stein" ins Manche-Thriller-sind-ja-doch-Literatur-Eck drängen wollen. Und er wird ihn auch nach "In Almas Augen" - dem Geständnis einer alten Frau, die ihrem Enkel nach Jahrzehnten über die Hintergründe eines Großbrands mit 42 Opfern erzählt - noch schätzen, obwohl auch der Verlag Woodrell nicht mehr als Krimischreiber verkaufen will. Andererseits wurde das Werk von Peter Torberg wieder einmal wunderbar übersetzt, also sagen wir den Klugscheißern aus den "Qualitätsmedien" nur: Go! The! Fuck! Away!

 

Links:

"Schmauchspuren"


... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Stories
Paul LaViolettes Superwelle Pt. 2

Galaktische Leuchtfeuer

Ob die deutschen Pop-Eintagsfliegen Juli mit ihrem Hit "Die perfekte Welle" auf die Thesen Paul LaViolettes anspielten, ist höchst zweifelhaft. Umso spannender sind die Ausführungen des amerikanischen Physikers zum Thema "galaktische Superwellen".  

Stories
Paul LaViolettes Superwelle Pt. 1

Surfin´ Apocalypse

In unserer Galaxis geht es keineswegs so gemütlich zu, wie die Astronomen uns weismachen möchten. Der amerikanische Physiker Paul LaViolette postuliert die Existenz "galaktischer Superwellen", die alle paar Jahrhunderte aus dem Zentrum der Milchstraße auf unser Sonnensystem zurasen und die Erde an den Rand der Vernichtung bringen.  

Kolumnen
Unerwünschte Nebenwirkungen

Materialkunde

Dr. Trash verordnet: Stöbern Sie Ihre alten Archive durch. Wenn Sie darin nichts finden, das auch heute noch von Interesse und der Zeit voraus ist, dann haben Sie irgendwas falsch gemacht. In diesem Fall verdienen Sie kein Mitleid, aber immerhin die Chance, Versäumtes nachzuholen - mit einer Publikation, für die der Abenteurer Rokko seine Schatulle des extrem-subkulturellen Irrsinns geöffnet hat.  

Print
Print-Tips-Spezial

Schmauchspuren #58

Nach der jährlichen Kriminummer der BUCHKULTUR darf sich unser Kolumnist stets etwas abseitigeren Themen zuwenden - nur um dabei herauszufinden, daß es sowieso immer und überall um Verbrechen, Schuld und Detektivarbeit geht. Peter Hiess erweitert kurz den Horizont.  

Kolumnen
Unerwünschte Nebenwirkungen

Unkultur

Dr. Trash verordnet: Brennen Sie alle Brücken hinter sich ab. Anläßlich einer ungeheuer blöden Literaturnobelpreis-Verleihung wollte der Doc mit der Ideologie- und Kultur-Diktatur der 68er abrechnen - und fiel der Feigheit vor dem Feind zum Opfer. Die folgende Kolumne wurde von der Zeitschrift BUCHKULTUR wortlos zensuriert, womit eine jahrelange gedeihliche Zusammenarbeit endete. "Immer radikal, niemals konsequent", wie es so schön heißt ... aber eventuell werden die Verordnungen des Doktors exklusiv im EVOLVER weitergehen.  

Kolumnen
Unerwünschte Nebenwirkungen

Dopplerstrategie

Dr. Trash verordnet: saufen. Muß auch nicht mit Maß und Ziel sein. Hauptsache, Sie werden dabei nicht zu einem dieser Weinexperten, die einem mit ihrem sinnlosen Geplapper und den stinkenden Zigarren den besten Vollrausch verderben können. Setzen Sie daher lieber auf Quantität statt auf Qualität - und suchen Sie sich Ihre Weine nach literarischer Originalität aus.