Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive
ØØ
Eine Typengeschichte des Kriminalromans
KBV (D 2009)
Mehr als 1000 Seiten stark ist das Nachschlagewerk "Gangster, Opfer, Detektive - Eine Typengeschichte des Kriminalromans".
Marcel Feige hat es kritisch unter die Lupe genommen.
08.03.2010
Um mit dem Positiven zu beginnen: der Autor Jochen Schmidt ist ein Experte, was die Anfänge des Genres betrifft. Ausführlich informiert er über die Krimi-Klassiker von Chandler über Ellroy bis Sjöwall/Wahlöö - um nur einige wenige zu nennen - und erläutert ihr Werk ebenso wie die Entstehungsgeschichten. Sehr schön. Allerdings kennen wir das alles bereits von der Erstausgabe des Buches, die vor 20 Jahren erschien.
Problematisch sind gerade die Aktualisierungen, die Schmidt vorgenommen hat. Das beginnt bereits im Vorwort "Das Genre im Kreuzverhör". Die Historie der Kriminalliteratur ist lang, und konsequent listet Schmidt hier Sophokles' "Ödipus" genauso auf wie Schiller, Kleist, Hoffmann, Fontane oder Dostojewski - nicht zu vergessen die üblichen Verdächtigen von Doyle über Chandler bis Hammett. Doch dann sinniert er über Krimis im allgemeinen, über die Detektive und Kommissare, ihren besonderen Reiz, und fragt sich zu guter Letzt, "warum die Mimi einen Krimi liest".
Stimmt, "Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett" war eine lustige Komödie aus den 60ern, doch vor diesem Hintergrund die Faszination am Kriminalroman zu erörtern erscheint ebenso eigenwillig wie der Schlußsatz "Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein".
Mit Verlaub, aber seit Mimis Nachtlektüre hat sich das Genre ganz erheblich verändert. Viele Autoren haben dem Krimi (und dem Thriller; da verschwimmen die Grenzen nahtlos) inzwischen neue Impulse verliehen. Schmidt geht auf diese Entwicklung mit keinem Wort ein. So wundert es denn kaum, daß reihenweise moderne - und zu Recht erfolgreiche - Verfasser fehlen: Weder Lee Child, Harlan Coben, Jason Starr oder Thomas H. Cook tauchen auf, ebensowenig wie Charlie Huston, John Connolly, Jeffery Deaver oder Liza Marklund; ja, nicht einmal Stieg Larsson - was vielleicht der größte Patzer ist.
Zugegeben, einem Nachschlageband sind Grenzen gesetzt, und man kann nicht Alles und Jeden aufführen. Trotzdem hätten die genannten Autoren in einem Werk wie diesem erwähnt werden müssen. Andererseits: Ein großer Verlust ist es nicht, denn über jene Autoren der Gegenwart, die Schmidt aufführt, erfährt der Leser sowieso nichts. Es finden sich lediglich seitenweise Inhaltsangaben der Romane; aber die kann man inzwischen in jeder halbwegs ordentlichen Amazon-Rezension nachlesen. Braucht man dazu noch ein Lexikon?
Was die deutschsprachigen Krimiautoren betrifft, offenbart Schmidts Nachschlagewerk erst recht große Lücken. Dabei hat sich gerade in Deutschland in den letzten zehn Jahren eine rege Krimiszene entwickelt, die längst nicht mehr nur für Eingeweihte schreibt. Doch etwa von einem Sebastian Fitzek, Horst Eckert oder Wolfgang Brenner scheint Schmidt - wie vom deutschen Krimi allgemein - nicht viel zu halten, und daraus macht er auch keinen Hehl.
Bemüht er sich bei den alten Klassikern des Genres noch um Interpretationen und Erklärungen, so wird keiner der deutschen Autoren in einen Kontext zu seinem Werk und den jeweiligen gesellschaftlichen, kulturellen oder politischen Entwicklungen gesetzt. Stattdessen werden kapitelweise Autoren zusammengefaßt, die nicht zusammengehören, beispielsweise Felix Huby, Ulrich Ritzel, Robert Hültner, Oliver Bottini sowie Andrea Maria Schenkel unter "Auf der Alb, da gibt's a Sünd". Ja, mag sein, daß die fünf alle in Süddeutschland leben oder ihre Werke diesseits des Weißwurst-Äquators spielen. Aber ansonsten haben sie nichts miteinander zu tun, nicht einmal stilistisch.
Die erfolgreichsten deutschsprachigen Krimiautorinnen sind für Schmidt nur "Brigittes Lieblinge". Mit Erwähnung dieser Frauenzeitschrift schwingt schon in der Kapitelüberschrift eine gehörige Portion Verachtung mit. Im Text selbst teilt Schmidt dann richtig böse aus: Ingrid Noll, Doris Gercke, Petra Hammesfahr, Christine Grän - alles überschätzte Autorinnen. Und überhaupt, Ingrid Noll stapfe "wie ein schwerfälliger Ackergaul durch die Tiefen und Untiefen der menschlichen Existenz. Psychologisch hakt ihre Geschichte an alle Ecken und Kanten".
Nun sei dem Verfasser eine solche Meinung durchaus unbenommen. Wenn er aber an anderer Stelle zu seinen Urteilen schlüssige Argumentationen liefert, so bleibt sein Verdikt bei den deutschen Autorinnen einfach im Raum stehen. Abgewatscht, fertig.
Gilt leider auch für Schmidts "Gangster, Opfer, Detektive". Schade.

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