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Hermann Neuretter - Der Untergang von Morgentau | Literatur

Kommune der Unseligen

Was passiert in einem geschlossenen System? Wie interagieren Menschen, die so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt haben? Was kommt, wenn zivilisierte Umgangsformen und Menschlichkeit verschwinden und sich Machtverhältnisse pervertieren? Der österreichische Autor hat eine solche Welt beschrieben ...

Mittelpunkt des Romans ist der fiktive Ort Morgentau, eine Mischung aus Kommune und sozialtherapeutischem Projekt. Ein Ort, an dem Patienten und Klienten, die aus welchem Grund auch immer aus der Bahn geworfen wurden, auf ein normales Leben "draußen" vorbereitet und Langzeitarbeitslose saisonweise beschäftigt werden. Und wo Außenseiter und Grenzgänger dauerhaft leben, denen die "normale" Welt zu eng und kleinkariert ist.

Wie für solche Projekte üblich, werden in Morgentau Basisdemokratie, Wir-Gefühl, Selbstverwirklichung und Gewaltfreiheit gepredigt und gelebt. Die Ansprüche der Gemeinschaft sind groß; doch die Decke der Zivilisation ist dünn.

"Schreiben tu ich, seitdem ich einen Stift in der Hand halten kann", erzählt Hermann Neuretter. Früh hat er damit begonnen, Comics zu zeichnen, die mit Katzen, Hunden, Hasen, Strichmännchen und Menschen bevölkert waren. Als 15jähriger begann er dann richtig zu schreiben. Gelernt hat er aber etwas gänzlich anderes: Neuretter war Bäcker und Buchhändler und ist seit 20 Jahren in diversen sozialen Bereichen (Landesnervenklinik Gugging, Psychosozialer Dienst, Caritas Sozialberatung und aktuell in einem Pflegezentrum) tätig.

Dennoch hat ihn das Schreiben nie losgelassen: "Aus mir fallen permanent Geschichtsbrocken heraus. Es passiert einfach. Ich bin dann mitten in einem Film und schreibe mir das auf". Im Schnitt schreibt er zehn Jahre in willkürlicher Reihenfolge an einem Roman. Seine beiden ersten, "Novembertag" und "Der Untergang von Morgentau", hat er rund 30 bis 40 Verlagen angeboten. Weil das zu nichts geführt hat, gründete der engagierte Autor 2010 den Verlag Hoerminat, in dem er auch die Vertriebsarbeit, den Satz und die Covergestaltung selbst erledigt. Beim Lektorat unterstützen ihn Freunde.

"Der Untergang von Morgentau" ist inhaltlich sehr von Neuretters Tätigkeiten im sozialen Bereich beeinflußt. Er berichtet, in seinem Metier durchaus brutale Erfahrungen im Umgang mit Menschen erlebt, seltsame Hierarchiegefüge beobachtet und geschlossene Systeme mit mitunter gefährlichem Eigenleben für die Beteiligten kennengelernt zu haben.

Er selbst verortet seinen Roman im Bereich "Social Fiction". Damit verbindet er Orte, die es eigentlich nicht gibt und die Verhältnisse abbilden, die es in der Realität nicht beziehungsweise nicht in der geschilderten Art und Weise gibt. Und auch wenn der Autor betont, die ganze Story sei völlig überzogen und überzeichnet, so möchte man sich nicht ausmalen, was davon Anleihen aus der selbst erlebten Realität sein könnten.

Das Projekt Morgentau liegt in den letzten Zügen. Im Laufe der Jahre haben sich die Ideale verflüchtigt und verflüchtigen sich weiter: Die feministischen und humanistischen Grundsätze verschwinden zusehends, die lockere Moral weicht, zuvor verpöntes Spießertum macht sich breit, die Saisonarbeiter werden ausgebeutet und Gewalt und Korruption nehmen zu.

Da taucht ein Neuer auf. Nick, dessen Part an der Handlung als Ich-Erzählung gebracht wird, befindet sich schon seit längerem auf Wanderschaft, als ihn der Zufall nach Morgentau verschlägt und ein Unfall an das Dorf bindet. Er ist seit langer Zeit der erste, der neu in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Das allerdings nur, weil der "Chef" von Morgentau und sein Hofstaat Nick als Objekt einer gelungenen Resozialisierung an Presse und Politik verkaufen wollen.

Doch das ist nicht die einzige Ungeheuerlichkeit, die das Dorf zu bieten hat: Sex, Gewalt, Alkohol, Drogen, Geld, Machtkämpfe, Machtmißbrauch, der Tod und ein Panoptikum seltsamer und unsympathischer Antihelden sind die Komponenten der Story, die sich mehr und mehr radikalisiert.

Das ist spannend, bindet den Leser, liest sich zumeist sehr flüssig und hat manch unerwartete Wendung. Sehr schön ist auch die Vielfalt an handelnden Personen mit völlig unterschiedlich ausgeprägten Charakteren.

Weil es die Freunde mit dem Lektorat nicht ganz so ernst zu nehmen scheinen, tauchen mitunter Beistrich- und Grammatikfehler auf. "Ganz fehlerfrei werden beide Bücher nie sein. Ist auch OK für mich", so der Verlagsinhaber. Mitunter ist die Sprache etwas zu gekünstelt: "Ich labte mich an ihrem leicht arroganten, leicht lasziven Blick." Da weiß man dann nicht, ob das eine Fortsetzung der inhaltlichen Überzeichnung ist oder nicht. Und stellenweise ist die Story auch ausufernd, einige Passagen wurden wohl aus Freude am Schreiben geschrieben.

Fazit? Durchaus lesenswert. Eine mit vertretbaren Abstrichen recht feine Sache!


Martin Zellhofer

Hermann Neuretter: Der Untergang von Morgentau

BEWERTUNG: ØØØ

Hoerminat (Ö 2011)

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stand: 22.05.2012 : 13.56