Literatur_Jilliane Hoffman - Mädchenfänger

Zufallsgesteuerte Teeniejagd

"Cupido" war ein Meilenstein unter den Serienkiller-Thrillern. Mit ihrem neuesten Roman versucht die US-Autorin, an den Erfolg ihres Debüts anzuknüpfen. Leider vergeblich.    31.07.2010

Vor sieben Jahren hat sie die Meßlatte für Nachfolger ziemlich hochgelegt: "Cupido" ist eine äußerst spannende Geschichte mit ungeahnter Grausamkeit. Seitdem ist eine Menge Blut die Druckmaschinen hinuntergeflossen; inzwischen wird kaum noch ein Thriller veröffentlicht, in dem kein Cop ins Visier eines brutalen Killers gerät, und keine Ekelszene die Leser noch mehr zu schockieren versucht.

Schon mit dem Folgeband "Morpheus" (2005), der inhaltlich an ihren Debütroman anschloß, konnte Jilliane Hoffman jenen Standard nicht mehr ganz halten; über ihren dritten Thriller "Vater unser" (2007) breiten wir lieber gleich den Mantel des Schweigens. Jetzt ist mit "Mädchenfänger" Hoffmans vierter Roman erschienen.

Die Autorin bleibt ihrem Genre treu: Ein Serienkiller treibt sich in Internetforen herum, wo er mit jungen, hübschen Mädchen chattet, die er - sobald sie sich auf ein reales Treffen mit ihm einlassen - entführt, foltert und tötet. Ihm auf der Spur: Detective Robert Dees, ein hochgeschätzter Experte in Sachen Kindesentführungen, der - wenig überraschend - selbst an einem Trauma knabbert. Vor einem Jahr ist nämlich seine Tochter Katy spurlos verschwunden. Befindet sie sich in der Gewalt des "Mädchenfängers"?

 

Ganz ehrlich - schon nach 100 Seiten interessiert einen die Antwort nicht mehr. Denn obwohl der Killer ein Mädchen namens Katy in seinem Verlies gefangenhält, wird dem Leser schnell klar, daß es sich dabei nicht um Dees' Tochter handelt. Überhaupt legt Hoffman ständig falsche Fährten, die aber so durchschaubar sind, daß es fast schon an Leserbeleidigung grenzt: Oder warum ist zum Beispiel jeder Verdächtige zufällig auch Hobbymaler - so wie anscheinend der Täter, der die Polizei mit Aquarellen seiner Greueltaten herausfordert?

Ohnehin kommt die ganze Geschichte um diesen ach so schrecklichen Serienkiller nur durch ständige Zufälle in Gang. Oder ist es glaubhaft, daß die Cops anhand der Aquarelle innerhalb weniger Sekunden herausfinden, wo genau in Miami sie entstanden sind, und deshalb sofort die dort abgelegten, verstümmelten Leichen finden?

Die Grausamkeiten des Mörders (die Hoffman in Folge natürlich detailliert beschreibt) wirken mehr wie eine Pflichtübung der Autorin - oder wie ein schlichtes Mittel zum Zweck. Der größte Fremdkörper im Roman ist dabei der "Mädchenfänger" selbst: Eingeführt als religiöser Fanatiker, wird er im Verlauf der Story zum notgeilen Internet-Teeniejäger, bevor er sich zum pinselschwingenden Künstler wandelt, der mit grausigen Bilderbotschaften sein Spiel mit der Polizei treibt. Und gegen Ende taucht als neues Motiv auf, daß er noch eine Rechnung mit Detective Dees zu begleichen hatte.

Ja, was denn nun? Warum hat der Mädchenfänger, der Picasso - oder wie immer er auch genannt wird - die Morde jetzt eigentlich begangen? Hoffman bleibt die Antwort schuldig. Stattdessen zwingt sie dem Roman ein Happy End auf, das den Leser vollends kopfschüttelnd zurückläßt.

 

Dabei birgt das Grundthema - die Unbedarftheit junger Menschen im Internet - durchaus Potential für einen guten Thriller. Auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Schicksal vieler Ausreißerkinder in einer zunehmend anonymen Gesellschaft hätte eine spannende Geschichte ergeben können. Aber die hier seitenweise eingefügten Hintergrundinformationen (die sich wie Auszüge aus Wikipedia lesen) können den Roman auch nicht mehr retten - zumal die haarsträubenden Dialoge klingen, als hätte Hoffman ihn unter enormem Zeitdruck verfaßt.

Marcel Feige

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Jilliane Hoffman: Mädchenfänger

Ø

Pretty Little Things

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Wunderlich (D 2010)

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