Literatur_Jörg Vogeltanz, T. Ballhausen - Anger Diary #3: Inmates

Steirische Explosion

Der Grazer Comic-Zeichner hat die dritte Folge seiner "Anger Diaries" herausgebracht: eine düster-beschwingte und mit einer ordentlichen Prise Paranoia abgeschmeckte Geschichte. Als Texter mit in der Küche stand Thomas Ballhausen.    16.03.2007

Die Knarre sieht echt aus, ist aber aus Plastik. Gott sei Dank - obwohl Jörg Vogeltanz ohnehin nicht den Eindruck erweckt, er würde zu später Stunde gern auf bewegliche Ziele anlegen. Sollten ihn dennoch diesbezügliche Wünsche plagen (was für einen der steirischen Lokalpolitik ausgesetzten Menschen nicht ganz unverständlich wäre), hätte er andere Munition einstecken. Vogeltanz kreuzt die Klingen mit Neoliberalen und anderen Zeugen Jehovas gern im Cyberspace. Er ist bekannt für seine Kommentare, und zwar zu allem, was man kommentieren kann, für seine Newsletter, von denen einer "The Lie" heißt, und für seine künstlerischen Statements, die in allen möglichen medialen Kleidern daherkommen. Und nicht zuletzt schätzt und liebt ihn der Grazer Bürgermeister Nagl für seine Comic-Edition prequel, wo die nicht ganz alltäglichen "Erinnerungen des J. F. Sebastian" erscheinen. Die sogenannten "Anger Diaries" sind neurotisch-düstere Bilderwelten mit Stories über Leute, die irgendwo in der Austastlücke zwischen Weltverschwörung und David Bowie zu Hause sind; schöne, kräftige Geschichten und Szenarien, die wohl am Set von "Blade Runner" abhanden gekommen sein müssen. Gelegentlich sieht ein Protagonist seinem Grazer Schöpfer mehr als nur ähnlich - und bei näherem Hinsehen stellt sich die Frage, wer da eigentlich wem ähnlich sehen will ...

 

Stoff für Comic-Anfänger sind die Erinnerungen des J. F. Sebastian, der im neuen Band "Inmates" gerade wieder zu einer Tour de force durch alle nur denkbaren Verschwörungstheorien - von Aleister Crowley bis Robert Anton Wilson - angetreten ist, definitiv nicht. Nach "Der Cityoen" (Anger Diary #1/bd. 1) und "Funkschatten" (Anger Diary #5/bd. 2) ist "Inmates" die dritte Bestandsaufnahme einer bis zu den Hühneraugen paranoiden Welt. Vogeltanz, im zweiten Leben gelernter Bühnenbildner, sieht die "Anger Diaries" als Grundstein für "ein als Lebenswerk angelegtes Comic-Epos". Die Zutaten jedenfalls stimmen und machen das Projekt aus Graz international salonfähig: eine irrlichternde Handlung mit Schauplätzen zwischen Schloßberg und der Arktis, jede Menge schillernder Figuren und ein solider, kraftvoller Stil, der sich nicht hinter seinen US-Vorbildern verstecken muß.

Den textlichen Rahmen von "Inmates" lieferte übrigens Thomas Ballhausen nach seiner eigenen Kurzgeschichte "Dreifaltigkeit". Dementsprechend stärker ausgeprägt als in den anderen "Anger Diaries" ist auch die literarische Wolke, auf der Sebastian durch das Geschehen schwebt, getragen von einem Pulk ausgesuchter Zitate. Zusätzlich liefert Vogeltanz eine handverlesene Musikauswahl zur Lektürenbeschallung als Playlist mit (bzw. kann sie bei ihm erfragt werden). Aus heutiger Sicht fast zu visionär, um dafür Worte zu finden, ist zum Beispiel das Rolling-Stones-Cover "Rot & Schwarz" von Karel Gott (... da sage noch einmal einer, das politische Lied wäre tot).

 

Jörg Vogeltanz, der im wirklichen Leben ein ziemlich netter Mensch ist, hält sich für "einen Skeptiker in allem und jedem". Ständig in Schwarz gekleidet und mit Freimaurer-Insignien am Revers, verwischt er die Grenze zwischen Comic und Tagesgeschäft (das auch einen Lehrauftrag für Freies Zeichnen am Institut für Industrial Design am FJ Joanneum Research beinhaltet). In Graz gibt es vermutlich nicht viele, die eine handfeste Verschwörungstheorie genauso unterhaltsam finden wie er - und die selbst so viele davon kennen. Daß man bei solchen Interessen auch ein Nachtsichtgerät im Auto hat, ist klar, irritiert aber trotzdem überraschend viele Neoliberale und Farbenblinde.

 

Die Comic-Edition prequel gründete Jörg Vogeltanz, weil ihm "nichts zu uninteressant scheint, um unbeachtet zu bleiben" und ihn die "hehre Kunst nur mehr langweilt". Durch diese Einstellung ist prequel zu einem der interessantesten Comic-Projekte in Österreich geworden ist und alles andere als fad. Watch out for J. F. Sebastian!

Chris Haderer

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Jörg Vogeltanz, Thomas Ballhausen - Anger Diary #3: Inmates

ØØØØ

retrospective glance: die erinnerungen des j. f. sebastian


Edition prequel (Graz 2006)

Links:

Sound & Vision


Einige ausgesuchte Radio- und Videoclips, in denen gesagt und gezeigt wird, was zuvor fast noch nirgends zu hören oder zu sehen war.

 

(zur Linken: vom Künstler "überarbeitete" Zigarettenpackung)

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