Print_Juan Villoro - Das dritte Leben

Harpunierte Taucher, vertonte Fische und vermeintliche Rebellen

Was zwei abgehalfterten Rockmusikern im tropischen Dickicht zwischen Extremtourismus und Guerillas widerfährt, erzählt der mexikanische Autor Juan Villoro in seinem neuen Roman.    18.07.2016

Mario und Tony sind alte Rockmusikerfreunde und haben mit ihrer Band Los Extraditables wilde und drogengeschwängerte Zeiten hinter sich. Jetzt sind sie in La Pirámide tätig - einer gläsernen Hotelpyramide mit Blick aufs karibische Meer.

 

 

Juan Villoros zeichnet in seinem neuen Roman "Das dritte Leben", vor kurzem bei Hanser erschienen, das Bild eines ungewöhnlichen Hotels. Es bietet seinen Gästen ein unkonventionelles Freizeitprogramm, inclusive Nervenkitzel und Adrenalin-Kick; dazu gehören auch vorgetäuschte Entführungen und Ausflüge ins Guerillagebiet.

"Heute wollen Touristen etwas, was andere noch nicht gesehen haben (...) Extremtourismus. Das hier ist Guerillagebiet. Ab und zu geraten die Touristen an vermeintliche Rebellen. Sie kommen mit dem Schrecken davon, und alles geht wieder seinen gewohnten Gang (...) Mag sein, es sind beschissene Perverslinge, oder es ist das ewige Tier in ihnen. Jedenfalls brauchen sie den Kitzel der Jagd, des Verfolgtwerdens."

Mario ist der Manager und Tony einer seiner Angestellten. Als Sound-Tüftler wandelt Tony die Bewegungen der Fische im Aquarium in Klänge um - bis eines Tages der Tauchlehrer Ginger Oldenvilles mit einer Harpune im Rücken tot auf dem Boden des Aquariums aufgefunden wird. Und bald gibt es einen weiteren Toten ...

 

Villoro erzählt in "Das dritte Leben" aus der Sicht von Tony, der in dieser bizarren Hotelpyramide sein Musikerleben und seine Drogenvergangenheit Revue passieren läßt. "Einen Teil meines Gehirns hatten die Drogen zerfressen (...) Wir landeten am Ende in La Piedad, das seinem frommen Namen spottete, da es im Umkreis von zwei Kilometern nach Schwein stank. Wir spielten vor Landwirten, angehenden Priestern und Schustern, die sich daran berauschen wollten, Dezibel um die Ohren gehauen zu bekommen. Ich hatte diese Auftritte aus dem Gedächtnis gestrichen, weil ich mir auf der Tournee in die Hosen machte und Nacht für Nacht fast in der eigenen Kotze erstickte."

Trotz einer Handverstümmelung, die er sich mit sechzehn selbst zugefügt hatte - er wollte einer jungen Frau imponieren und ließ einen Feuerwerkskörper in seiner Hand explodieren - war Tony ein grandioser Bassist geworden.

Auch die kleine Liebelei mit der Hotelangestellten Sandra, einer Ashtanga-Yoga- und Kung-fu-Trainerin - läßt ihn den Verlust seiner großen Liebe zur Literaturstudentin Luciana nicht vergessen, den er sich durch seine Drogenaffinität, bzw. einen Rückfall - er war eine Zeitlang "nur" auf Schlaftabletten und Schmerzmitteln gewesen - selbst zuzuschreiben hatte. "Luciana ertrug meinen Rückfall nicht; sie tat, was sie tun mußte: sie kehrte nach Guadalajara zurück."

Es ereignete sich auf dem Höhepunkt von Los Extraditables, als sie als Vorband von Velvet Underground spielen sollten. "Lou Reed und John Cale hatten beschlossen, eine Art Garagenkonzert bei uns im D. F. abzuhalten, in der Stadt, in der William S. Burroughs seine Frau umgebracht hatte (...) Luciana, Velvet, das war zu viel für mich. Die Summe der Seligkeiten ließ mich nach mehr verlangen (...) Wir trafen bei den Betonkabinen, die als Umkleidekabinen dienten, aufeinander. Niemand rauchte, denn das hatten Velvet verboten. Die ehemaligen Herolde des Exzesses waren zu Gesundheitsaposteln geworden. Lou Reed war ein Knochenmann mit getönter Brille, der einem Totenaltar entsprungen zu sein schien. Lou, der Großartige, spielte in der Major League des Jenseits. Statt sich zum Singen herabzulassen, zermahlte er die Wörter wie überirdische Kekse. Lou, der Diskriminierende, sah mich an, als wäre ich Abschaum, der als nächstes an die Reihe kam. Ich war so idiotisch, es als Ehre zu betrachten."

Der aus Mexico City stammende Autor Juan Villoro - einer der bekanntesten Schriftsteller seines Landes - hat mit "Das dritte Leben" einen schwülen und abgeklärten Roman geschrieben. Er begibt sich mit seiner stellenweise etwas prätentiösen Sprache auf dünnes Eis, bricht aber glücklicherweise nicht ein. Seine Helden sind desillusioniert, aber nicht verzweifelt. Sie alle haben noch ihr individuelles Ziel im Auge, bevor der Vorhang endgültig fällt. Wohin Villoro seine Figuren in ihrem dritten Lebensabschnitt führen will - insbesondere Mario, der seinen Freund aus Kindertagen in dieses dritte Leben einweihen möchte -, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Und dann sind da ja auch noch die zwei Morde, die es aufzuklären gilt. Unterhaltsam und lesenswert ist das Ganze allemal.

Jörn Birkholz

Juan Villoro - Das dritte Leben

ØØØØ

(Arrecife)

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Hanser-Verlag (D 2016)

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