Print_Print-Tips Frühling 2015

Kellerkinder

"Es märzelt!" meinte Karl Farkas einst, wenn der Frühling nach Österreich kam. Wir bleiben ebenfalls im Lande, nähren uns redlich und führen uns drei frische Bücher aus heimischer Wortschmiede zu Gemüte. In denen wird A. gern gestorben und B. noch lieber in den Keller/Untergrund gegangen ...    01.04.2015

Thomas Fröhlich

Andreas Gruber - Todesurteil

ØØØØ 1/2

(Goldmann 2015)

Leserbewertung: (bewerten)

"Hol eine Decke aus dem Wagen. Otto, sieh dir nur ihren Rücken an. O Gott, fast der ganze Rücken!" Die Stimme der Frau klang entsetzt. "Ich habe so etwas noch nie gesehen. Was um Himmels willen ist mit ihr geschehen?"


Die zehnjährige Clara, ein Jahr zuvor spurlos verschwunden, taucht völlig verstört am nahegelegenen Rand des Wienerwalds wieder auf. Ihr gesamter Rücken ist mit Motiven aus Dantes "Inferno" tätowiert - und sie spricht kein Wort. Einiges deutet darauf hin, daß sie in einem Keller gefangengehalten wurde. Doch zu welchem Zweck? Zur selben Zeit nimmt der holländische Profiler Maarten S. Sneijder an der Akademie des BKA für hochbegabten Nachwuchs in Wiesbaden mit seinen Studenten ungelöste Mordfälle durch. Seine beste Schülerin Sabine Nemez entdeckt einen Zusammenhang zwischen mehreren Fällen, die auf das Werk eines Serienmörders hindeuten - doch das Arbeitspensum des raffinierten Killers ist offenbar noch lange nicht beendet. Die Spur führt nach Wien, wo die kleine Clara anscheinend die einzige ist, die den Mörder je zu Gesicht bekommen hat ...

Sneijder ("mit S!") ist wieder da! Eine der charismatischsten Ermittlerpersönlichkeiten der deutschsprachigen Thriller-Literatur - arrogant, besserwisserisch, politisch höchst unkorrekt und Freund nicht ganz legaler, dafür sanft bewußtseinsverändernder Substanzen - begibt sich wieder einmal auf Mörderhatz. Sein geistiger Vater, der Schriftsteller Andreas Gruber, schickt ihn diesmal in seinem nach "Todesfrist“ zweiten Fall buchstäblich durch die Hölle (nicht nur die von Dante). Mitunter bekommt man den Eindruck, daß er sich eine einfache Fahrkarte dorthin eingehandelt hat, auch wenn ihm seine Assistentin Sabine Nemez nach Kräften zur Seite steht.

Grubers Thriller-Mär hat sich im wahrsten Sinne des Wortes gewaschen (und damit ist nicht nur Wasser gemeint) und ist auch für Menschen geeignet, die das Wort Serienkiller eigentlich nicht mehr hören oder lesen können. Nach einem schön grauslichen Beginn, der sich - noch dazu für einen Roman, der ein großes Mainstream-Publikum erreichen soll - echt nichts scheißt, baut Gruber die Spannung zunehmend mit immer subtileren, dafür nicht weniger wirksamen Mitteln auf. Und darin, nämlich im Umgang mit Suspense, macht ihm sowieso keiner was vor; da zählt der Autor wohl zu den wenigen Schreibern unserer Breiten, die internationale Thriller-Profis nicht nur beerbt haben, sondern in der Zwischenzeit auch übertreffen. Gruber nimmt sich Zeit für die Entwicklung seiner Charaktere und hetzt nicht nur von einem Tatort zum nächsten. Obwohl klar verortet (Wiesbaden, Wien), haben wir es bei "Todesurteil" Gott sei Dank nicht mit einem der zahllosen Lokalkrimis zu tun, bei denen die erwähnten Sehenswürdigkeiten und ein Übermaß an ach-so-pittoreskem Lokalkolorit für fehlende Plot-Ideen herhalten müssen. Die Storyline ist komplex, die Wendungen sind zahlreich, und die Welt, in der Sneijder, Nemez und eine mit dem Fall Clara betraute Wiener Staatsanwältin leben, arbeiten und ermitteln, ist sowieso unsagbar schlecht.

Was wiederum sehr, sehr gut ist - für den Leser.

Der Österreicher Andreas Gruber, der bis jetzt 90 Prozent seines Erfolgs in Deutschland verbuchen durfte, hat auf jeden Fall einen Pageturner reinsten Wassers abgeliefert. Zwar kommen die Dialoge im Mittelteil des Buches punktuell ein bissl hölzern daher - doch spätestens im letzten Drittel ist das alles wieder vergessen, und die Achterbahn nimmt erneut Fahrt auf, um in einen ziemlichen Knalleffekt zu münden sowie einen vielversprechenden Hinweis auf einen dräuenden dritten Fall des Herrn Snejder zu liefern. Wir freuen uns schon drauf und wünschen Gruber, daß ihm auch hierzulande endlich jene Akzeptanz zuteil wird, die er im Rest der deutschsprachigen Welt schon längst besitzt - nämlich schlichtweg als Österreichs bester Thriller-Autor.

Ohne Wenn und Aber.

Links:

Thomas Raab - Still

ØØØ 1/2

(Droemer 2015)

Leserbewertung: (bewerten)

Der Tag, an dem Karl starb, war ein guter Tag.


Während Andreas Grubers "Todesurteil" großes Kino ist, verhält sich Thomas Raabs "Still" dazu wie eine Indie-Produktion: intimer, deswegen jedoch nicht weniger perfid, und sprachlich von einer Brillanz, die selbst "Metzger"-Verweigerer wie den Schreiber dieser Zeilen in den Bann zu ziehen vermag.

Letzteres ist vielleicht auch gleich die Crux bei dem Ganzen ...

Aber der Reihe nach: Mit "Chronik eines Mörders" ist das Buch untertitelt - und genau eine solche erwartet die p. t. Leserschaft. Der Protagonist Karl Heidemann, mit extrem gutem Gehör gesegnet und noch mehr verflucht, wächst im halbwegs ruhigen Keller des Hauses seiner Eltern auf. Doch nur eines verschafft ihm letztendlich Erlösung von der unendlichen Qual des Lärms dieser Welt: die Stille des Todes. Im Laufe der Zeit hinterläßt er, beginnend in seinem Heimatdorf, eine ausgesprochen blutige Spur. Durch sein unfaßbar sensibles Gehör hat er gelernt, sich seinen Opfern lautlos wie ein Raubtier zu nähern und ihnen nach Belieben das "Geschenk des Todes" zu bringen. Und doch findet er nie, wonach er sich sehnt: Liebe. Bis er nach Jahren des Mordens tatsächlich auf einen Schatz stößt. Einen Schatz aus Fleisch und Blut. Einen Schatz, der seine Sehnsucht stillen könnte. Doch ist ihm nicht nur der Ermittler Schubert auf den Fersen. Liebe macht unvorsichtig - und Karl beginnt Fehler zu machen ...

Auf etwa 360 Seiten erstreckt sich eine Art Entwicklungsroman, der eines klarmacht: Raab wollte hier nicht "nur einen Krimi" schreiben, sondern ein durchkomponiertes Stück Literatur, das sich weit über die Genregrenzen erhebt. Und genau das ist auch das Problem von "Still". Einige der Wortspielereien und erzählerischen Barockismen künden eher von einer nicht nur leichten Verliebtheit des Autors in sein eigenes Talent, als daß sie der Story durchgehend dienlich wären. Und manches - vor allem der Mittelteil - ist schlichtweg zu lange geraten, um den anfangs vorhandenen Spannungsbogen zu bewahren. Erst im letzten Drittel, in dem Erzählen und Erzählung erneut (so wie zu Beginn der Geschichte) zur Deckung gelangen, zeigt Raab, wie mitreißend das ganze Buch hätte sein können, wenn er nicht ein wenig zu oft Form über Inhalt gestellt hätte.

Wahrscheinlich wäre "Still" eine nahezu perfekte Kurzgeschichte (oder Novelle) geworden. So ist halt ein in Summe "nur" recht guter Roman entstanden, dessen Vision größer ist als seine Umsetzung. Und das ist doch auch schon was.

Links:

Thomas Ballhausen - In dunklen Gegenden

ØØØØ 1/2

(Edition Atelier 2014)

Leserbewertung: (bewerten)

Angesichts der täglichen Zumutungen hatten wir keine andere Wahl, als eine gänzlich andere Wahrheit und Wirklichkeit zu erschaffen. Was ist Geschichte, was ist Realität? In diesen Tagen lernten wir der Gesellschaft zu mißtrauen, wir eigneten uns an, mit den grausamen Kräften in uns zu jonglieren, ohne wirklich kriminell zu werden. Auf das Ungestüme und das Unerwartete konnten wir immer setzen.


Ein altes, leerstehendes Haus wird zum Grab einer vergangenen Jugend, ein Chefkartograph erzählt von seinem letzten großen Auftrag, und ein Geschichtsschreiber findet sich in einer scheinbar ausweglosen Situation unter der Erde wieder. Immer wieder wird ein verloren scheinender Krieg gegen die Eisenmänner erwähnt, immer wieder wird von seltsamen Mensch-Tier-Mutationen gesprochen. Und immer wieder kann man sich als Leser nicht ganz sicher sein, ob die jeweilige Geschichte die Wirklichkeit spiegelt oder nur im Kopf des Ich-Erzählers stattfindet. Und wenn wir es mit Wirklichkeit zu tun haben - dann mit welcher? Gedanken und Beobachtungen scheinen exakt aufgezeichnet, dennoch ist ihnen eine verführerische Rätselhaftigkeit zu eigen, die in manchen Momenten an den gebrochen "verzauberten" Realismus des 2013 verstorbenen britischen Phantastik-Autors Joel Lane erinnert.

Der österreichische Kulturwissenschaftler, Autor und Filmkritiker Thomas Ballhausen hat einen Erzählband verfaßt, den man getrost als Science Fiction bezeichnen kann. Allerdings ist die darin beschriebene Zukunft eine, die eher an die imaginierte Zukunft der Vergangenheit gemahnt. Handys oder iPhones etwa gibt es in dieser Welt gar nicht und scheint es auch nie gegeben zu haben. Die geschilderte Endzeit ist am ehesten in einer Art Retro-Future beheimatet, die allerdings mit diversen "angesagten" Steampunk-Szenarien gar nichts zu tun hat. Das wirkt, als hätte Tarkowski eine "Doctor Who"-Folge gedreht - und John Carpenter mit den Gebrüdern Strugatzki das Buch zum Film verfaßt. Oder so.

Wer Action erwartet, ist hier prinzipiell eher fehl am Platz. Wer jedoch atmosphärisch ausgereiften, sprachlich wunderschön strukturierten inneren Monologen, die zu Stories werden (und umgekehrt), etwas abgewinnen kann, darf sich hier schon einmal ans Kaufen (oder Zu-Ostern-beschenken-lassen) machen.

Man darf ja geteilter Meinung darüber sein, ob Genreliteratur gleichsam, wie hier, zu sogenannter seriöser Literatur "hochakademisiert" werden soll. Bei Ballhausen klappt das allerdings im Gegensatz zu anderen - wie immer - vorzüglich.

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