Print_Robert Hübner – kunst werk bild

Wovon man redet, wenn man "Kunst" sagt

Der Maler und Digitalkünstler Robert Hübner, langjähriger Mitarbeiter der Linzer Kunsthochschule, legt mit seiner ersten Wissenschaftspublikation einen Meilenstein der kontemporären Kunsttheorie vor: eine lange überfällige akademische Neustrukturierung des Kunstbegriffs, quasi als Anpassung an die zeitgenössische Realität.    27.11.2018

Kunst, Kunst, kunnst mir einen Hunderter leih´n? Viele sich verdrehende Augenpaare sind garantiert, wenn ein Kunstbeflissener mit einem mehr oder weniger willigen Gesprächspartner über das gemeinsame Lieblingthema zu fachsimpeln beginnt. Was da nicht alles Kunst wäre, wenn es nach denen ginge! Es deucht einem fast, daß man nur auf ein silbernes Tellerchen urinieren und mit der Kamera draufhalten müßte - und schon möge es allein deshalb Kunst genannt werden, weil die chinesische Geschäftsfrau oder der Scheich dafür einen Preis bezahlen. Falls dem so ist. Wofür wiederum ein hoher Preis zu zahlen ist. Aber dafür sorgen ja die Galeristen, die mit allerlei Tricks auch zu bewerkstelligen wissen, daß "ihre" Künstler im Kurs steigen.

Aber was ist eigentlich Kunst? Wann dürfen wir von Kunst reden und wann nicht? Ist es am Ende doch keine Kunst, dies oder das zu fabrizieren? Wirkt etwas zu künstlich? Erhalten wir Sicherheit durch Kunstfleisch nur auf einem Plattencover der Band Ideal?

Es mag noch irgendwie vertraut klingen, daß es einst, vor langer Zeit, die "schönen Künste" gab, und alles andere, was nur künstlerisch angehaucht war, als "banausisch" verstanden wurde. Aber was hat das mit der heutigen Zeit zu tun, in der sich Cosplay und Prostitution, Malerei und Projektion, reale und virtuelle Welt in einer unüberschaubaren Aufgefächertheit präsentieren? Das kann keiner mehr so richtig sagen.

Keiner?

Doch, einen gibt es. Sein Name ist Robert Hübner, und er hat ein Buch darüber geschrieben, wo der Kunstbegriff herkommt, wie sehr er sich über die Jahrtausende und vor allem in den letzten paar Jahrzehnten gewandelt hat und wie er heute in legitimer Form handzuhaben ist. "kunst werk bild" hat vielleicht auf den ersten Blick ein sprödes Thema, das sich vor allem fürs Akademische anbietet. Aber dem Autor gelingt dank der Kürze seiner Kapitel und der Modernität seines Zugangs doch eine große Kurzweiligkeit, die bei der vorliegenden akademischen Hochgestochenheit auch dringend benötigt wird, um bewältigbar zu bleiben.

Aber nicht so hastig: Das Buch mag flüssig, ja bisweilen "süffig" geschrieben sein, wird aber schnell auch sehr theoretisch und abstrakt. Einige Kapitel verlangen viel Konzentration, um wirklich zu verstehen, was da steht. Auch führt der Autor einige neue Worte in den Sprachgebrauch ein, sogenannte Neologismen, mit denen man sich erst einmal anfreunden muß.

Andernorts liefert das Werk eine sehr schöne Abhandlung über die Begriffe "autographisch" und "allographisch": Mozarts Original-Notenblatt-Handschrift wird da zu einem vergänglichen Fan-Artikel, was wiederum ein lustiges Bild auf den modernen Kunstmarkt wirft. Auch die historischen Hintergründe sind mannigfaltig und packend beschrieben.

Zwischenzeitlich mag Widerstand spürbar werden. Das ist vor allem dann der Fall, wenn der Autor ab und an die Prähistorie bemüht. Archäologie ist eindeutig nicht sein Fachgebiet, wodurch die meisten Bezugnahmen auf die Urgeschichte etwas flach und ohne Quellenangaben ausfallen. Das schadet dem Fokus des Buchs aber keineswegs: Es dreht sich um den Kunstbegriff des Westmenschen im Jahr 2018, nicht um jenen der Sumerer oder gar solcher, die vor der letzten großen Flut existiert haben mögen.

Auch anderswo taucht durchaus Kritikwürdiges auf. Mittelschwer wiegt es wohl dort, wo es um den wahrnehmenden Verstand und seine Bedeutung für das Phänomen Realität geht - auf Seite 264 etwa: Ist es nicht eher das Zusammenspiel aus sechs Sinnen, nämlich Sicht, Geruch, Gehör, Geschmack, Tastsinn und der logisch-geistigen Reflexion, welches die entstehen läßt? Bzw. sind unsere sechs Sinne nicht auch bloß Flaschenhälse, die unsere Wahrnehmung der Realität massiv einschränken, und ist der sechste Sinn nicht bloß das von den anderen fünf Sinnen ausgehende Kratzen an der Oberfläche der unendlichen Welt des Geistes? Wer sich in diese Weltsicht versteigt, landet dort, wo die von Robert Hübner vorgeschlagene Polarität aus Empfinden versus kognitives Verstehen zerfällt.

Man mag schließlich feststellen, daß das Buch - wie die Kunst allgemein - als durchaus eitel verstanden werden darf. Es kreist ein wenig um sich selbst und nimmt sein Thema, ohne das wir problemlos (wenn auch musisch ungeküßt) leben könnten, sehr ernst. Dabei verursacht es auch dem akademisch geübten Leser immer wieder erheblichen Aufwand. Aber durch all die vielen Zeilen auf den mehr als 300 Seiten dringt ein Geist, der dazu fähig ist, auch bei überaus komplexen Sachverhalten den Überblick zu bewahren und die Dinge so zu ordnen, daß ein lückenloses Gesamtbild der möglichen Argumentation entsteht. Anders gesagt: Das Buch ist eine beachtliche Leistung für ein einzelnes Gehirn - eine überaus eloquente noch dazu, die von einer sehr breiten humanistischen Bildung zeugt.

In Summe ist "kunst werk bild" für das zeitgenössische Kunstwesen und den zugehörigen akademischen Kanon ein Meilenstein. An dem darin dargelegten Modell wird sich die Kunst der nächsten Jahrzehnte erklären und messen wollen. Vor allem auch weist es die Halbgebildeten, die Wichtigmacher und Gescheitdaherreder, von denen es auf dem Kunstmarkt Scharen aus aller Herren Länder gibt, in langersehnte und für den ernsten Diskurs bitter nötige Schranken. Keiner kann ab jetzt mehr sagen, dies oder das sei Kunst und dies oder das nicht - es sei denn, es geht konform mit dem Modell dieses Buchs.

Klaus Hübner

Robert Hübner - kunst werk bild

ØØØØØ

Handbuch zur Begriffsbenutzung

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Verlag Bildmanufaktur (Ö 2018)

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