Print_Stephen King - Mr. Mercedes

Return of the King?

Ein labiler Ex-Cop, ein durchgeknallter Killer - der neue Roman des Horrorkönigs folgt konventionellen Thriller-Pfaden. Denoch weiß er zu unterhalten.    15.09.2014

Ex-Cop Bill Hogdes versauert auf seiner Wohnzimmercouch, auf der er sich viel Fast Food und noch mehr Daily Talk reinzieht und dabei mit der Knarre seines verstorbenen Dads liebäugelt. Warum nicht endlich dem tristen Leben ein Ende bereiten?

Die Antwort flattert mit der Post ins Haus: Der Mercedes-Killer hat ihm geschrieben - ein Psychopath, der vor genau einem Jahr, wenige Wochen vor Hogdes´ Ruhestand, mit einem gestohlenen Mercedes durch die Menschenmenge vor der City Hall pflügte, hunderte arbeitsloser Frauen und Männer, die auf den Start der Jobbörse warteten, die ihnen Hoffnung versprach. Stattdessen kam der Tod auf vier Rädern.

Bis heute hat Hodges nicht verwunden, daß Mr. Mercedes, wie sich der Killer nennt, unerkannt entkommen konnte. Mit seinem Brief weckt er die Lebensgeister Hodges´, der fortan alles in Bewegung setzt, um den durchgeknallten Spinner aufzuspüren.

 

 

Schau einer an: King kann auch ganz anders. "Mr. Mercedes" kommt nämlich ganz ohne Hokuspokus aus. Eigentlich ist der Roman ein lupenreiner Thriller, der zwar wenig Überraschungen bietet, weil King sowohl in die Haut seiner Helden als auch in die des kranken Killers schlüpft, aber gerade das macht einen echten Stephen King eben auch aus: das einzigartige Talent, seine Figuren nicht nur zum Leben zu erwecken, sondern sie schnurstracks ins Herz der Leser zu schreiben. Und natürlich die vielen Anspielungen auf seine früheren Werke - eine wahre Freude für eingefleischte King-Fans.

Zum Beispiel die Cops, die ihre Streifenwagen direkt nebeneinander an der hinteren Stoßstange der großen grauen Mercedes-Limousine abstellen, als würden sie erwarten, »das Ding könnte von alleine anspringen wie dieser alte Plymouth in irgendeinem Horrorfilm und die Flucht ergreifen«.

Oder die Gummimaske auf dem Beifahrersitz, bei deren Anblick sich die Cops fragen: »Gruselig wie die Hölle. Hast du mal diesen Fernsehfilm gesehen, in dem ein Clown in der Kanalisation haust?«

Ansonsten allerdings hat die Geschichte nur eines gemein mit den anderen King-Klassikern: sie ist bevölkert von einer Schar illustrer Gestalten, die aus verschiedensten Gründen mit ihrem Leben hadern - bis sie sich neuen Herausforderungen stellen müssen.

"Mr. Mercedes" ist deshalb mehr als nur ein schnöder Thriller, sondern ein Gesellschaftsbild, ein Drama, eine Tragödie, mit der uns King vor allem eine Botschaft ans Herz legen möchte: daß es nämlich niemals zu spät ist für einen Neuanfang. Man muß sich nur trauen.

 

Marcel Feige

Stephen King - Mr. Mercedes

ØØØØ

(Mr. Mercedes)

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Heyne (D 2014)

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