Print_Veronika A. Grager - Gnadenlos

Katharsis Unchained

Auch in diesem Thriller taucht das schmerzhaft-beliebte Thema der Entführung und des Mißbrauchs von Kindern auf. In den Medien ist zwar seit Jahren von nichts anderem mehr die Rede, doch die Autorin versucht sich an einer anderen Methode der Aufarbeitung - über den Umweg der Kunst und der wünschenswerterweise daraus resultierenden Katharsis.    29.07.2013

Kommissarin Andrea Rhomberg und ihr Kollege Sebastian Koller haben es mit einem brutalen Verbrechen zu tun: Florian Müller wird mit mehreren Stichwunden in seinem Haus in der idyllischen Hinterbrühl aufgefunden. Der oder die Täter, die für das brutale Massaker verantwortlich sind, haben sich mehr als bemüht, einen beinahe klinisch sauberen Tatort zu hinterlassen. Rhomberg und Koller geben jedoch so schnell nicht auf. In der Garage des Opfers werden Fingerabdrücke gefunden, die auf ein Kind schließen lassen - sie stimmen mit den Abdrücken der zehnjährigen Lilo Breitenbach überein, die seit einem Jahr spurlos verschwunden ist.

Von diesem Augenblick an weiß Rhomberg, daß sie einer monströsen Wahrheit auf der Spur ist, die ihr Gerechtigkeitsempfinden auf eine harte Probe stellen wird. Im Zuge der Ermittlungen taucht eine Verbindung zu der zum Zeitpunkt ihres Verschwindens ebenfalls zehnjährigen Carmen Illes auf. Dieser Fall liegt allerdings schon einige Jahre zurück. Ein unappetitliches Video mit Carmen ist nur der Beginn einer Reihe ungeheuerlicher Entdeckungen, die zur Auffindung eines Verlieses hinter Müllers Garage führen.

Carmens Verhaftung und die Tatsache, daß sich ihre Finderabdrücke auf der Tatwaffe befinden, lösen eine tumultartige Berichterstattung aus, die wenig an einer Aufklärung interessiert ist und die junge Frau in eine weitere tödliche Gefahr bringt. Die Entführer, mit denen sie jetzt konfrontiert ist, kennen kein Mitleid. Hier geht es nicht mehr um die verschwitzten Phantasien eines verklemmten Kleinhäuslers, sondern schlicht und einfach um Leben und Tod.

Der Kommissarin bleibt nicht mehr viel Zeit. Sie wird all ihre Routine und Gewitztheit aufbringen müssen, um dem Wahnsinn ein Ende zu machen. Und so dreht sich die Spirale des Schreckens weiter bis zu einem gnadenlosen blutigen Finale.

Die Bezüge zum Fall Natascha K. und anderen Entführungs– und Mißbrauchsopfern sind in diesem Kriminalroman offensichtlich. Veronika A. Grager spart auch nicht mit schmerzhaften Details, um ein lebendiges Bild der Situation der Opfer zu erzeugen. Ihr Ziel ist es jedoch nicht, voyeuristische Neugier zu befriedigen, sondern Empathie und Aufmerksamkeit auszulösen. Gewalt gegen Schwächere darf niemals gesellschaftlich akzeptabel sein - oder, wie die Autorin im Nachwort selbst schreibt:

"Ich glaube nicht daran, daß Schriftsteller mit dem, was sie schreiben, die Welt verändern werden. Doch man kann betroffen machen, Verdrängtes ins Bewußtsein rufen. Und das hoffe ich durch Schilderungen von Vergewaltigung, Entführung und Mißbrauch von Kindern zu erreichen. Doch solange die Mehrheit schweigt, Mißbrauch vertuscht wird, Opfer zu Tätern gemacht werden, wird sich nichts ändern. Nicht hier, nicht im Krieg, nicht in den Familien, nirgendwo auf der Welt."

Der 2012 im Resistenz-Verlag erschienene Roman ist trotz aller Geduld, die Papier nachgesagt wird, eine wichtige Stimme für die Widerstandsfähigkeit in diesem Land und gegen die Feigheit, sich wieder einmal hinter Kirchenmauern oder der berüchtigten Einzeltätertheorie zu verstecken. Schließlich ist niemand davor gefeit, der Schwächere zu sein - und wenn es sich bei dem Gegenüber um einen Zug der ÖBB handelt.

Claudia Jusits

Veronika A. Grager – Gnadenlos

ØØØØ

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Resistenz Verlag (D 2012)

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