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Schmauchspuren #55

Kleinstädte sind deprimierend. Journalismus ist noch deprimierender. Ein Krimi, in dem es um einen Kleinstadtjournalisten geht, kann daher nur - gut sein. Spannungsexperte Peter Hiess merkt diesmal, daß es auch ohne New York und L. A. geht. Wenigstens eine Zeitlang.    27.06.2016

Peter Hiess

J. J. Preyer - Mörderseele

Gmeiner Tb. 2014

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Der Wolf, um dessen ersten Fall sich "Mörderseele" dreht, ist nicht wirklich ein Rudeltier (wie auf dem Cover abgebildet), sondern ein einsamer, von allem frustrierter Journalist in der österreichischen Provinz. Christian Wolf arbeitet als Redakteur für eine Zeitung in Steyr - dort lebt übrigens auch Autor J. J. Preyer, dessen neues Buch gottlob nicht den üblichen Lokalkrimi-Klischees entspricht. Im Gegenteil: Er beschreibt seinen Protagonisten als deprimierten Witwer kurz vor der (Zwangs-)Pensionierung, dessen Freunde auch alle seltsame Junggesellenleben führen und der an sich, dem Beruf und der Welt zu scheitern droht. Nur einen Fall will er noch schreiberisch aufklären, bevor er sich in den Ruhestand schicken läßt: eine Brandstiftung, bei der etliche Menschen ums Leben kamen. Und während sich daraus eine Mordserie entwickelt, sucht Wolf nach der Wahrheit - in den hinterlassenen Manuskripten seiner verstorbenen Mutter, in der Affäre zwischen seiner Tochter und einem verhaßten Kollegen, in seinem eigenen Innenleben. Preyer gelingt es meisterlich, diesen Mann und seine hoffnungslose Existenz in der Kleinstadt zu beschreiben, auf der Jagd nach dem Mörder falsche Spuren zu legen und die in jeder Hinsicht herbstliche Stimmung seines Plots und der Figuren sprachlich zu vermitteln. Wieder einmal ein Haupttreffer aus Österreich.

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Michael Connelly - Black Box

Droemer 2014

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Auch Michael Connellys Krimiheld Harry Bosch ist alt und gehört eigentlich schon in Pension. Dummerweise empfinden das nicht nur seine Vorgesetzten bei der Polizei von Los Angeles so, sondern seit einigen Büchern auch die Leser, selbst wenn sie früher begeisterte Bosch-Fans waren. Der Ermittler - der nicht umsonst in der Abteilung für "Cold Cases" sitzt - ist leider langweilig geworden. Sein Leben gibt auch im aktuellen Roman "Black Box" nicht wirklich viel her (zumindest für den Verfasser nicht, der die seltenen privaten Augenblicke allzu routiniert und desinteressiert Revue passieren läßt), seine Traumata sind belanglos, und der Fall einer vor mehr als 20 Jahren bei den Rodney-King-Rassenunruhen gewaltsam ums Leben gekommenen dänischen Journalistin rollt auch eher langsam an. Irgendwann besinnt sich Connelly dann auf seine Qualitäten als police procedural-Spezialist und beschreibt die Ermittlungsarbeit des Polizisten recht packend; der Showdown, der ein wenig an "Chinatown" erinnert, fällt aber wieder deutlich ab. Und man wünscht Detective Bosch, daß er seinen Lebensherbst endlich in Ruhe genießen kann.

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Jan & Tibor Zenker - Inspektor gibt’s kan

Ueberreuter 2014

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So weit hat es der Kottan nicht kommen lassen, sondern ist lieber rechtzeitig abgetreten, um zur österreichischen Fernsehkrimi-Legende zu werden. Der Kieberer ("Inspektor gibt´s kan" heißt das Buch von Jan und Tibor Zenker, den beiden Söhnen des Kottan-Erfinders Helmut Zenker) und seine von Peter Patzak wunderbar inszenierten Milieustudien, die gegen Ende hin immer surrealer wurden, gehören zu den wenigen Gründen, warum man hierzulande noch einen Fernsehapparat braucht. Weil: Entweder der ORF wiederholt wieder alte Folgen, oder man schaut sich die eigene DVD-Kollektion von "Kottan ermittelt" an. Was darin alles vorkommt, wer die Protagonisten und ihre Darsteller waren und welche Gschichtln es noch zu erzählen gibt, das steht in diesem Buch. Brabo, Kottan! braa-bo! Brabo.

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George V. Higgins - Die Freunde von Eddie Coyle/Ich töte lieber sanft

Kunstmann Pb. 2014/2013

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Ein (diesmal nicht von Pilch deklamiertes) Bravo gebührt auch dem Verlag Antje Kunstmann, der mit "Die Freunde von Eddie Coyle" und "Ich töte lieber sanft" zwei Kriminalromane des 1999 verstorbenen Autors George V. Higgins veröffentlicht. Ex-Anwalt Higgins, ein Experte für organisiertes Verbrechen, fing erst 1970 zu schreiben an und landete mit seinem Romandebüt um den kleinen Gauner Eddie Coyle, Mafiosi, Waffenhändler, Spelunken und nicht ganz vertrauenswürdige Cops gleich einen Bestseller, der auch (mit Robert Mitchum!) erfolgreich verfilmt wurde. "Cogan´s Trade", so der Originaltitel von "Ich töte lieber sanft", entstand drei Jahre später und versetzt uns ebenfalls in die Bostoner Unterwelt der Seventies, mit dummen Möchtegern-Gangstern und einem sehr ernsten Profikiller. Der Autor treibt die Handlung fast ausschließlich über Dialoge voran; als Leser sollte man also aufmerksam sein und das Buch nicht weglegen, wenn man den Faden nicht verlieren will.

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Greg/William Vance - Bruno Brazil/Gesamtausgabe 1

Ehapa 2013

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Nach soviel Konzentration wenden wir uns abschließend der eher entspannenden Spannung zu - und freuen uns über die Gesamtausgabe der auch in guter Erinnerung gebliebenen Comics um "Bruno Brazil". Was der US-Geheimagent mit seinem "Kommando Kaiman" an Abenteuern in der Welt der Agenten und größenwahnsinnigen Bösewichte erlebt, erinnert (durchaus absichtlich) an James Bond. Nur wußte Bruno rechtzeitig, wann man aufhören muß. Schon deshalb ein Klassiker.

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"Schmauchspuren"


... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

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