Print_David Simon - Homicide

Teures Vergnügen

Als das Buch im August 2011 in deutscher Übersetzung erschien, überschlugen sich die Kritiker vor Begeisterung: "Ein True Crime-Meilenstein!"
Ach, wirklich?    11.03.2012

1988 gelang David Simon der Coup: Ein Jahr lang durfte er den Detectives der Mordkommission Baltimore auf Schritt und Tritt folgen. Er fuhr mit ihnen raus zu den Leichenfunden, spürte mit ihnen die Tatorte auf, überführte die Mörder, trank mit den Cops auf den Erfolg, oder teilte ihre Enttäuschung, wenn ein Fall trotz nächtelanger, wochenlanger Bemühungen ohne Verfahren oder Verurteilung zu den Akten gelegt werden mußte. In "Homicide" breitet Simon die Erlebnisse und Erfahrungen der Polizisten auf mehr als 800 Seiten episch aus.

Keine Frage, Bücher wie dieses sind richtig und wichtig, denn sie halten uns vor Augen, daß der Polizeialltag in Wahrheit nicht ausschaut wie die ritualisierten, melodramatischen, meist glücklich endenden Krimifiktionen im Fernsehen (und natürlich auch in der Literatur).

Tatsächlich ist die Mördersuche eine zähe Sisyphusarbeit, die in den seltensten Fällen von einem Happy-End gekrönt wird. Viel mehr ist sie geprägt von den internen Konflikten einer Polizeibehörde, wo die Chefs, die keinen Fuß auf die Straße setzen, sich kaum oder gar nicht für das erlittene Leid der Opfer, die Möglichkeiten der Verbrechensbekämpfung oder die Schwierigkeiten ihrer Ermittler interessieren, sondern ihre Personalentscheidungen einzig an der Statistik beziehungsweise an ihrem öffentlichen Bild messen. Traurig, aber wahr.

Doch bei aller Bedeutsamkeit, die die Kritiker "Homicide" beimessen – vier Punkte trüben den "Homicide"-Lesegenuß:

 

1. Der Handlungsort

Baltimore mag für US-Leser durchaus von Interesse sein, zumal die Stadt als eine der ruppigsten und mörderischsten von ganz Amerika eingeführt wird. Aber trotzdem steht außer Frage: Mit dem Alltag der Mordermittler in deutschen Großstädten hat die Arbeit der Detectives und Sergeants rein gar nichts zu tun. Wer einen Überblick über die Tätigkeit einer Mordkomission hierzulande bekommen möchte, geht leer aus.

 

2. Die Handlungszeit

Seit 1988 ist viel Blut die Straßen Baltimores hinuntergeflossen, was zwangsläufig dazu führt, daß die Arbeit der Cops in "Homicide", nun ja, nostalgisch anmutet, wenn sie zum Beispiel erst einmal ein Münztelefon suchen müssen, sobald sie ihre Kollegen um Verstärkung bitten wollen. Wer wissen möchte, wie Verbrechensbekämpfung in Zeiten moderner, technischer Ermittlungsmethoden ausschaut, erfährt nichts.

 

3. Der Handlungsumfang

Simon begleitete die Cops ein Jahr lang. Er schildert nicht nur Fälle, deren Aufklärung oder deren ernüchternder Verbleib in offenen Akten, sondern erzählt auch die Werdegänge seiner Detectives, ihre Gespräche, Gedanken, Gefühle. Das ist durchaus lobenswert, aber bei fast 20 Protagonisten hat das Buch phasenweise Längen, zumal ja auch ständig irgendwelche, sich wiederholende Mordfälle im Drogenmilieu oder Todesfälle bei häuslichen Auseinandersetzungen im Detail ausgebreitet werden. Hier und da hätte das Lektorat durchaus den Rotstift ansetzen dürfen.

Woraus sich Punkt 4 ergibt:

 

4. Das Lektorat

Zugegeben, in einem Buch von über 800 Seiten kann das Lektorat durchaus einmal einen Tippfehler übersehen. Aber durch "Homicide" ziehen sie sich en masse. Oder Namen, die wiederholt falsch geschrieben werden. Oder Sätze, denen bei der Übersetzung jeglicher Sinn verloren gegangen ist. Das trübt das Lesevergnügen ganz erheblich, zumal der Preis dafür (Euro 24,90) kein geringer ist.

 

Bleibt das Fazit: Ende der 80er-Jahre mag "Homicide" durchaus bedeutsam gewesen sein, weil es die Schwierigkeiten dokumentierte, mit denen die Cops der Verrohung in den nordamerikanischen Großstädten kaum noch Herr wurden. Heute ist das Buch längst überholt und daher ein zäher, dank der deutschsprachigen Bearbeitung obendrein unerfreulicher Lesegenuß.

So, und jetzt sehe ich mir die erste Staffel von "The Wire" an, die von Kritikern hochgelobte Krimifernsehserie, für die David Simon mit "Homicide" die Vorlage geschaffen hat. Schauen wir einmal ...

Marcel Feige

David Simon: Homicide - Ein Jahr auf mörderischen Straßen

ØØØ

Homicide – A Year on the Killing Streets

Leserbewertung: (bewerten)

Kunstmann (D 2011)

Links:

Kommentare_

Armin - 28.06.2014 : 13.26
Ich kam über die absolut gelungene TV-Serie "The Wire" (Klasse, aber meine Lieblingsserie im neuen Jahrtausend ist noch immer "24") zu dem Buch.
Es ist zugegeben nicht leicht zu lesen, weil es eben keiner gängigen Storyline folgt. Dafür bietet es jedoch viele Einblicke in einen Bereich, über den die meisten wohl viel zu selten nachdenken:
An einer Stelle wird über mehrere Seiten dargelegt, wie Verdächtige trotz der Miranda-Warnung (Das aus Krimiserien der 1980er bekannte "Sie haben das Recht zu schweigen. Wenn Sie auf dieses Recht verzichten ..." - seltsam, dass diese Miranda-Warnung in modernen Krimiserien kaum noch erwähnt wird ...) mit psychologisch-rhetorischen Taschenspielertricks von den Polizeiermittlern manipuliert werden, was dazu führt, dass diese Verdächtigen alles mögliche erzählen, obwohl sie es gar nicht müssten, was letzten Ende zu ihrer Verurteilung führt.
Auch sonst zeichnet das Buch ein reichlich düsteres Bild von Polizeiinstitutionen und Ermittlertätigkeit - wüßte man nicht, worum's geht, könnte man auch meinen, man würde hier eine reichlich düstere Utopie lesen.
Dass das Buch von einem Außenseiter geschrieben wurde, ist es doch deutlich kritischer geraten als diverse vergleichbare Publikationen, beispielsweise von John Douglas.

Print
Michael Connelly - Götter der Schuld

Der schmale Grat

"Götter der Schuld" werden die zwölf Geschworenen genannt, die im Gerichtssaal über die Schuld eines Angeklagten entscheiden. Nur was, wenn der unschuldig ist, die Beweise dafür aber fehlen? Marcel Feige klärt auf.  

Print
Katja Bohnet - Messertanz

Kleine Welt

Das Romandebüt der deutschen Autorin ist vieles: ein Thriller, ein Familiendrama, eine Rachestory. Vor allem ist es jedoch unbedingt lesenswert, wie Marcel Feige findet.  

Print
Stephen King - Basar der bösen Träume

Königliches Gemenschel

Hat´s der Schöpfer von Klassikern wie "The Shining", "Carrie" oder "Misery" nach all den Jahrzehnten immer noch drauf? Marcel Feige hat sich in seine neue Kurzgeschichtensammlung vertieft.  

Print
Michael Robotham - Der Schlafmacher

Mut und Konsequenz

Mit einem Robotham kann man für gewöhnlich nichts falsch machen, findet Marcel Feige. Sein neuer Roman ist allerdings eine Ausnahme.  

Print
John Grisham - Anklage

Seifenblase

Das muß einem Autor erst einmal gelingen: einen Roman schreiben, in dem nichts passiert. John Grisham hat es geschafft.  

Print
Greg Iles - Natchez Burning

WTF?

Der Rassenwahn in den Südstaaten Amerikas ist ein Thema, das den US-Autor Greg Iles nicht zum ersten Mal beschäftigt - diesmal allerdings ambitioniert und (fast) ohne Kompromisse.