Auf leisen Sohlen

Hans-Joachim Roedelius gilt als einer der Pioniere experimenteller Klangforschung, als einer der Gründersväter dessen, was je nach Erfordernis gern als Ambient oder New Age (ab)klassifiziert wird. Größen wie David Bowie bezeichnen seine Projekte wie Cluster oder Harmonia als wesentliche Einflußquelle. Er hat in seiner Herangehensweise Legionen von Jungproduzenten geprägt. Und nicht zufällig wird derzeit gerade andernort (nämlich in Köln) Ambient zu Pop ausgerufen (vgl. "Pop Ambient"-Reihe auf Kompakt).

Es scheint mal wieder an der Zeit, sich etwas ausführlicher über das Verhältnis von visuellem Design (sprich Plattencovergestaltung) und dazugehörender musikalischer Ausformulierung - über eventuelle Deckungen oder Antagonismen zwischen Bild und Ton, Verpackung und Inhalt - Gedanken zu machen. Denken wir nach über ästhetische Verstärkung, konzeptionelle Stringenz und bewußte Irreführung.

Da es für die popkulturelle Bildersprache zum Glück kein allgültiges Regelwerk zu geben scheint, ist in der Realisierung dann auch alles erlaubt, was gefällt oder eben nicht gefallen, weil verstören oder verwirren soll. So kann sich hinter einem breitformatigen Landschaftsbild auf dem Plattencover wahlweise schüchterner Elektro-Pop, hemdsärmliger Riffrock, Grenzgängerbeatforschung oder flatteriger Heimorgelfunk verbergen - alles lediglich eine Frage der Interpretation. Was das alles jetzt bitte mit dem soeben auf dem feinen Wiener Experimental-Elektronik-Label Klanggalerie erschienenen Roedelius-Album "Evermore" zu tun haben soll? Nun, das vom österreichischem Künstler Herbert Starek gestaltete Coverdesign zeigt eine Anordnung von türkisfarbenen Ornamenten, die durchaus etwas von einem Tapetenmuster haben. Ein Schelm, wer da jetzt vorschnell Rückschlüsse auf den musikalischen Inhalt zieht.

Hans-Joachim Roedelius als eine der bahnenbrechenden Kräfte im Dienste experimenteller Soundforschung zu adeln, ist wohl nicht allzu übertrieben oder vermessen. Im Jahre 1934 in Berlin geboren und seit nun etwa 20 Jahren in Baden südlich von Wien residierend, kann Roedelius dabei auf ein weit mehr als 100 Veröffentlichungen umfassendes Gesamtwerk zurückblicken. Pophistorische Kapazunder wie David Bowie, The Edge oder William Orbit (ja, sogar der...) bezeichnen ihn als Einflussquelle und berufen sich hierbei u. a. auf die wegweisenden Arbeiten von Cluster (mit Dieter Moebius), Harmonia (mit Moebius, Michael Rother und Brian Eno himself) oder Plus/Minus.

Die fabelhafte Klangwelt des Hans-Joachim Roedelius baut sich auch bei "Evermore" aus dem Moment und Augenblick auf und besitzt dabei stets diese typische spielerische Neugier und uneingeschränkte Unberechenbarkeit, für die er bekannt ist und geschätzt wird. In Kooperation mit Hiroshi Nagashima, Fabio Capanni, Felix Dorner und Robin Storey a.k.a. Rapoon (der das Album gemastert und dabei noch einen exquisiten Remix beigesteuert hat) versetzt Roedelius in charmanter Weitläufigkeit seine schemenhaft geschnittenen Soundfragmente in einen sich atmosphärisch verdichtenden Fluß, ohne daß er sich dabei in formalistische Strenge verläuft. Bedächtig und meditativ gesetzte Akkorde verschieben Schwerpunkte, pflanzen seine in Musik übersetzte Poesie in ätherische, bunt rauschende, hypnotisch-bizarre Höhenlagen (was z. B. im in Zeitlupen-Spookyness getränkten "Kyrielle" besonders hervortritt).

Nennen wir es Elevator Music, Music For Airports, meinetwegen auch Musik For Liebeslauben, Whirlpools oder Lichttherapien. Von mir aus und in Anlehnung an des Coverdesign auch Klangtapete oder Klangteppich. Übrig bleibt allerdings die Aufgabe, zu erkennen, wieso es bestimmten Menschen wie Roedelius vorbehalten oder auferlegt zu sein scheint, uns in Regelmäßigkeit mit Momenten zu überraschen, von denen wir gedacht hatten, daß es sie schon lange zuvor gegeben haben muß.

Vorliegenden Kommentar ansehen

evermore
(roedelius, 15.02.2002 12:47)