Angry Young Men

Können Sie sich noch erinnern an Hits wie "Fred vom Jupiter", "Kebabträume" oder "Kaltes Klares Wasser"? Dann sind Sie in Jürgen Teipels Buch bestens aufgehoben. In ausführlichen Interviews erzählen die ehemaligen Protagonisten des deutschen Punk und New Wave die Geschichte ihrer Bands und bieten damit gleichzeitig ein detailreiches Bild der Underground-Szene der siebziger und achtziger Jahre.

Berlin und Hamburg waren in den späten Siebzigern die Hauptstädte des deutschen Punk. Als "The Clash" in England ihr Debutalbum veröffentlichten, stürzte für viele Hippies das gesamte Weltbild zusammen. Revolution war angesagt, und friedliches Vor-Sich-Hin-Kiffen plötzlich völlig out. In Deutschland schlossen sich in kürzester Zeit unzählige junge Männer zu losen Bands mit ständig wechselnden Mitgliedern zusammen und traten unter solch klingenden Namen wie "Kriminalitätsförderungsclub" oder "Deutsch-Amerikanische Freundschaft" auf.

Anders als heute war die Bezeichnung "Underground" in den Siebzigern und Achtzigern auch noch tatsächlich Programm. Blixa Bargeld von den "Einstürzenden Neubauten" wohnte beispielsweise in einem dreckigen, finsteren Keller und kopierte wie besessen erste Aufnahmen von Kassette zu Kassette. Gudrun Gut, später bei "Malaria", betrieb den legendären Laden "Eisengrau" und verkaufte Gewand und frühe Punk-Singles. Andere wiederum lebten größtenteils im einzigartigen Szene-Lokal "Ratinger Hof" und prügelten sich täglich mit rivalisierenden Bands und anderen Gang-Mitgliedern.

So endeten auch Live-Auftritte von Punk-Vorreitern wie "Male", "ZK" (später "Die Toten Hosen") oder S.Y.P.H. jedes Mal unweigerlich in Massenschlägereien mit einigen teilweise schwer Verletzten. Als sich diese "Scheiß-Drauf"-Philosophie der Hardcore-Szene abzunutzen begann, entwickelte sich parallel dazu die Kunstversion des deutschen Underground, die Labels wie "Zickzack" oder "Ata Tak" hervorbrachte. Andreas Dorau wurde zum ersten NDW-Star komplett mit Fernsehauftritten und Videoclips, "Der Plan" entwickelte sich zu etwas ähnlichem wie den deutschen Residents, und Major-Labels begannen das Potenzial solcher Künstler zu erkennen und boten "DAF", "Palais Schaumburg" oder "Ideal" Plattenverträge an, bei denen auch eine Menge Geld im Spiel war.

Genau das führte bei vielen auch zu großer Frustration, denn oft verkauften sich naive junge Musiker den Plattenfirmen mit Haut und Haar. Einige schafften den Sprung zum Popstar, andere zerbrachen an den knallharten Geschäftsbedingungen und schworen sich, nie wieder in ihrem Leben Musik zu machen.

Jürgen Teipel führte im Vorfeld dieses Buches über 1000 Stunden lang Interviews mit fast allen damals beteiligten Musikern. Er stellt die verschiedenen Meinungen kommentarlos gegenüber und präsentiert somit unzählige verschiedene Versionen der Wahrheit. Interessant sind auch noch heute anhaltende Animositäten zwischen ehemaligen Musikerkollegen und die weiteren Entwicklungen so mancher von der Bildfläche verschwundener Künstler. Bedingt durch die Tatsache, daß das gesamte Buch in Form von Interviews gehalten ist, kann man sich auch gut ein eigenes Bild von den verschiedenen Bands machen und so mancher früher Abgelehnte wird einem nach der Lektüre durchaus sympathisch, so mancher Ex-Hero outet sich dafür als politisch rechter Vollidiot.

Teipel hat mit diesem Werk eine große Lücke in der Geschichte der unkommerziellen Musik gestopft. Vielleicht sind einige Passagen zu lang geraten; es ist wohl nicht immer relevant, von zehn verschiedenen Seiten zu hören, wer wen am öftesten von der Bühne aus angerotzt hat, aber oft führen gerade die unterschiedlichen Blickwinkel der einzelnen Leute zu einem homogenen Ganzen, daß es bisher noch nie dokumentiert gegeben hat.

Spaß macht die Lektüre allemal. Oft vermisst man selbst den revolutionären Wind, der damals (wenn auch in stark abgeschwächter Form) auch in Wien geweht hat. Heute werden ja oft brave Musikstudenten als der neue Underground verkauft, Indie-Plattenläden schauen aus wie kleine Filialen von Ketten wie Saturn oder Media-Markt, bei Konzerten wird prinzipiell geklatscht, egal, wie schlecht die Darbietung auch war, und Punks, Teds, Popper, Waver und wie sie alle heißen sind sowieso ausgestorben. H & M rules und die Oma geht mit ihren 15-jährigen Enkerln gemeinsam auf Konzerte geklonter Boy-oder Girl-Groups.

Doch wer weiß: auf jeden Trend folgt ja bekanntlich nach einiger Zeit auch wieder das genaue Gegenteil, und vielleicht gibt es in Wien mal wieder so etwas wie das ehemalige Why Not oder Konzerträume wie das alte U4 oder die legendäre Ägidigasse. Wünschenswert wäre es in jedem Fall...

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Über den Autor:
Jürgen Teipel wurde 1961 in Kulmbach, Deutschland geboren. Durch sein Interesse an Musik wurde er zuerst Sammler und Fan diverser Underground-Bands, heute arbeitet er als Journalist für diverse deutsche Zeitschriften. "Verschwende Deine Jugend" ist seine erste Publikation in Buchform.