Fortsetzung...

Schlagartig wurde er mit "Snow Crash" in der digitalen Community bekannt und verehrt - der Cyberspace hatte einen neuen, genialen Fürsprecher und Geschichtenerzähler gefunden. Spätestens mit "Diamond Age oder Die illustrierte Fibel für die junge Dame" (1995) legte er ein auch literarisch beachtetes Meisterwerk vor und entfernte sich, ebenso wie die anderen beiden Ikonen am Himmel der SF-Literatur, William Gibson ("Neuromancer", "Iduro", "Futurematic") und Bruce Sterling ("Schweres Wetter", "Zeitgeist"), vom angestammten Genre. Sie alle sind längst in der Jetztzeit angekommen, obwohl sie von den Verlagshäusern weiterhin als SF-Autoren vermarktet werden. Ihre Plots allerdings sind, wie Gibson und Sterling im Gespräch sagen, "nur noch einen Steinwurf von der Gegenwart entfernt, greifbar, wenn wir die Augen öffnen", und von der Gattung her wohl am besten mit dem Begriff "Gegenwartsliteratur" zu umreißen.

Der Hauptdarsteller in "Diamond Age" - das in einer Phase erschien, als die Welt dem Internet geradezu huldigte - ist ein Buch, besser gesagt, eine elektronische Fibel. Zufälligerweise fällt einem kleinen Mädchen namens Nell diese Fibel, die das gesamte Wissen der Welt in sich trägt (die wunderbare Vorstellung, das Internet könnte diese Funktion eines Tages für uns einnehmen, schimmert hier durch jede Zeile), sprechen kann und sich auf den jeweiligen Benutzer einstellt, in die Hände. Nell wächst mit der Fibel heran und löscht ihren Wissensdurst.

"Diamond Age" spielt im Zeitalter der Nanotechnologie, in dem alles - Essen, Kleidung usw. - vom "Maker" zu Hause oder an der nächsten Ecke in Sekundenschnelle erzeugt werden kann. Die Gesellschaft ist in diesem Roman klar in Volksstämme aufgeteilt: einige herrschen, jede auf ihre Weise, viele Gruppierungen dienen. Vom Kind wird Nell zur jungen Erwachsenen, und was sie im Lauf der Jahre mit und durch die Fibel lernt, erschüttert schließlich das gesamte Gesellschaftssytem. Nichts wird so bleiben, wie es ist. Mit ihrem eigenen Tribe (auch wieder eine starke Metapher aus der stammesorientierten Computer- und Netzkultur) revolutioniert sie die Werte und Regeln der Gesellschaft.

Stephenson hat seine hervorragend erzählte Geschichte über Erwachsenwerden, Lernen und Verstehen, die tiefe Zuneigung von Menschen zu- und das Verständnis füreinander, über das Brückenbauen zwischen Rassen, Völkern und Religionen, sowie über die Liebe, die uns erst menschlich macht, in einen Nanotech-Kontext gestellt, der die Hacker-Gemeinde zuerst irrierte und schließlich begeisterte. "Village Voice" kürte den heute 42jährigen dafür zum "Quentin Tarantino des Cyberpunk", und er wurde mit der höchsten SF-Auszeichnung bedacht, die in Amerika verliehen wird - dem "Hugo Award". Alles braucht eben seine Zeit.

Höhere Mathematik

So war´s auch mit Stephensons nächstem Roman "Cryptonomicon", und damit ist nicht die Wartezeit auf die deutsche Fassung gemeint. Allein die Lektüre der fast 1200 Seiten beansprucht einiges an Muße. Da hilft es auch nicht viel, wenn man ratlos die amerikanische Ausgabe durchblättert, denn auch dort wimmelt es von komplizierten mathematischen Formeln, Unix-Befehlen, einem Perl-Skript und im Anhang dem algorithmischen Verschlüsselungsprogramm "Solitaire" von Bruce Schneider. All dies ist für Nicht-Mathematiker keine leichte Nuß - rückt jedoch ab Seite 200, wenn die Handlungsstränge ineinanderzugreifen beginnen, ganz und gar in den Hintergrund.

In "Cryptonomicon" geht es, wie dem Titel unschwer zu entnehmen ist, um Kryptographie, also die Verschlüsselung von Informationen und Daten, besonders solchen, die via Medien über weite Strecken weitergegeben werden. Dabei siedelt der eingefleischte Unix- und Linux-Fan Stephenson seine Handlung auf zwei Zeitebenen an: einmal im 2. Weltkrieg, als die damals überlebenswichtige Verschlüsselungstechnologie zu einer bis dahin nicht gekannten Blüte gelangte, und dann in der Gegenwart, in der es mit dem Internet ein weltweites Kommunikationsnetz gibt, das jedoch noch Lücken, Unsicherheitsfaktoren und damit natürlich geschäftliche Chancen aufweist. Eine dieser Chancen ist die Verlegung neuer Unterseekabel in Gebiete, die außerhalb jedes kontrollierten oder staatlichen Zugriffs liegen - sogenannte Datenhäfen.

Natürlich stellen diese Kabel und Leitungen, da sie für das Internet wie "Nervenstränge" fungieren, auch die eigentliche Achillesferse da - sie sind jederzeit verletzbar oder von außen angreifbar. Unweigerlich laufen in "Cryptonomicon" die beiden Zeitstränge aufeinander zu, und Stephenson jongliert dabei mit alten und neuen Metaphern. Da geht es etwa um "Gold", die wertvollste, komprimierteste Währung der Welt, Deckungs- und Verdeckungreserve gleichzeitig, die verborgen wird und gefunden werden soll. Oder um "Information" als (Börsen-) Geldwert, die übermittelt, dekodiert und verstanden werden möchte. Außerdem findet der Leser eine "Krypta" als Hort der freien Information, die sich jeder Regulierung entzieht; ein "Tunnelsystem" als komplexen Ort des Verborgenen, der seine Erbauer gleich mitbegraben soll; die Göttin "Athene" als Sinnbild von Stephensons gesamter Weltsicht; und die immer wiederkehrenden Begriffe "ein-" und "ausgraben" (= null und eins) für die heutige Digitalität und den Umgang mit Daten.



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Stephenson-Buchtips

"Cryptonomicon"
(US-Ausgabe):
Avon Books
(New York 1999)

"Cryptonomicon"
(dt. Ausgabe)
Manhattan/Goldmann-
Verlag (München 2001)

"In the Beginning ... Was the Command Line"
(Sammlung von Reportagen und Aufsätzen zur Entwicklung der Computerkultur und dem Stand der Digitalität)
Avon Books
(New York 1999)

"The Diamond Age or, A Young Lady´s Illustrated Primer"
(Original)
Bantam Books
(New York 1995)

"Diamond Age -
Die Grenzwelt"

(dt. Ausgabe)
Goldmann-Verlag
(München 1996)

"Snow Crash"
(Original)
Bantam Books
(New York 1992)

"Snow Crash"
(dt. Ausgabe)
Goldmann-Verlag
(München 1994)

"Zodiac: The Eco Thriller"
(Original)
Atlantic Monthly Press
(New York, 1988)

"Volles Rohr"
(dt. Ausgabe)
Goldmann-Verlag
(München 1989)

"The Big U"
(Stephensons
Highschool-Roman;
Original)
Harper Perennial
(New York 2001)