Fortsetzung...

Der Roman glänzt natürlich auch durch seine schillernden Figuren: den genialen Mathematiker und Kryptoanalytiker Lawrence Waterhouse, der ganz nebenbei aus einer Orgel den ersten Computer bastelt; Alan Turing, seinen nicht weniger beschlagenen Studien- und Arbeitskollegem, dem diese Erfindung eigentlich zugeschrieben wird; den durchgeknallten, lebensfrohen Corporal Bobby Shaftoe, der die allierte Verschleierungsabteilung 2702 anführt; den undurchsichtigen Prediger Enoch Root; den jungen und idealistischen Hacker und Unix-Spezialisten Randy Waterhouse; seinen Freund Avi, Mitinhaber der Epiphyte Corporation; den japanischen Tunnelgräber und Überlebenskünstler Goto Dengo - und den brutalsten Zahnarzt der Gegenwart mit dem Spitznamen "der Dentist". Durch sie bekommt "Cryptonomicon" einen ganz eigenen Reiz und schafft es, die verschiedenen Handlungsstränge im wahrsten Sinne des Wortes zusammenfließen zu lassen. Ganz nebenbei gewährt der Autor uns noch Einblicke in die Musikszene von Seattle, wo er heute wohnt. Er beschreibt lässig die Entstehung eines neuen Stils, des Grunge, ohne Cobain, Nirvana und Courtney Love dabei auch nur einmal mit Namen zu nennen - wir wissen ja eh alle, von wem er da spricht.

Quicksilver

Daß der "Hacker-Hemingway" ("Newsweek") vor Erzähllust und -wut gar nicht zu bremsen ist, belegen schon der Umfang von "Cryptonomicon" und Stephensons verblüffende Detailkenntnisse, besonders aus Mathematik, Physik, Computerkultur, Kryptographie und der Zeit des 2. Weltkriegs. Am Rand fallengelassene Kleinigkeiten wie das Verschlüsseln von Informationen mittels eines Satzes Spielkarten weisen ihn als profunden Kenner der Materie aus. Es gibt - abgesehen vom Medaillon des Predigers Enoch Root, auf dem "Ignoti et quasi occulti" ("unbekannt und teilweise verborgen") eingraviert steht - zwei Schlüsselstellen in "Cryptonomicon": die Stelle, wo Alan Turing zwei einst vergrabene Silberbarren wieder bergen will, doch die Anweisungen, wo sie versteckt sind, so gut verschlüsselt hat, daß er sie selbst nicht mehr findet; und dann die Passage gegen Schluß, als der gealterte Enoch Root im Gefängnis von Manila den Computerfreak Randy Waterhouse trifft: In einem sozial-philosophisch-phänomenologischen Nachtgespräch versucht Root Randy seine (also Stephensons) Weltsicht zu erklären.

"Gut", sagt Randy. "Sie wollen also eindeutig darauf hinaus, daß es ein universelles Muster von Ereignissen geben muß, das, nachdem es durch die Sinnesorgane und Nervenstränge primitiver, abergläubischer Menschen gefiltert wurde, in deren Bewußtsein geistige Repräsentationen entstehen läßt, die sie mit Göttern, Helden etc. gleichsetzen."
"Ja. Und die können über verschiedene Kulturen hinweg erkannt werden .."
"Sie wollen mir also weismachen, Enoch, daß diese Götter - die eigentlich keine Götter sind, aber das Wort ist so schön prägnant - alle genau deswegen gewisse Dinge gemein haben, weil die äußere Realität, die sie erzeugt hat, über die Kulturen hinweg übereinstimmend und universell ist."
"Genau..."


Und wieder geht es um das Erkennen, im Sinne des Entschlüsselns und Verstehens.

Wahrscheinlich hat Stephenson mit "Cryptonomicon" sein literarisches Sinnbild und Leitmotiv schlechthin gefunden: eingraben - ausgraben, ver- und entschlüsseln, kodieren - dekodieren, verschleiern - entschleiern, ver- und entzaubern, den Sinn hinter den Zeichen entdecken, in den Gesichtern, Gefühlen, Bildern, Metaphern und Lebensweisheiten, ihn auffächern und unbedarften Lesern näher bringen. Und das ist eine Leistung, die man ihm gar nicht hoch genug anrechnen kann.

Wie man aus den USA hört, ist der Mann, den Bruce Sterling als "einzigen wirklichen Erneuerer auf dem Gebiet der modernen Science Fiction" bezeichnet, gerade dabei, sein neuestes Werk "Quicksilver" abzuschließen. Es spielt 300 Jahre vor "Cryptonomicon" und - um es vorsichtig auszudrücken - "korrespondiert" mit seinem Vorgänger. Wir sind mehr als gespannt...



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