Stories_AQVOX - Phono 2CI

Einer für alle

Phonovorstufen gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Doch in der Preisklasse um 700 Euro bietet keine soviel innovative Technologie wie diese. Ernst Meyer testet den Überflieger.    22.03.2006

Die deutsche Firma AQVOX tummelt sich schon seit einigen Jahren erfolgreich im Grenzbereich zwischen Studiotechnik und High-End-Komponenten. Zur Produktpalette gehören ein von Musikstudios als Abhör- und Masterwandler gern eingesetzter externer USB D/A-Wandler sowie ein hochgelobter Mikrophonverstärker. Alle Geräte werden in einem 19-Zoll-Case geliefert, sind ideal also für Studio- und Home-Anwendungen.

 

Der Phonovorverstärker 2 CI ist AQVOXs neueste Schöpfung. Neben einem dualen Mono-Class-A-Aufbau und professionellen XLR-In/Outs (!) besitzt er auch noch eine mittels Neumann-Zeitkonstante erweiterte RIAA-Entzerrung. Ein symmetrischer Schaltungsaufbau im gesamten Signalweg versteht sich von selbst. Sämtliche Verstärkerstufen sind als Einzeltransistoren volldiskret ausgelegt; es liegen kein Transistorschalten, keine Über-Alles-Gegenkopplung und keine OP-Verstärker-ICs im Signalweg. Darüber hinaus verfügt der 2 CI über die von Carlos Candeias entwickelten LEF-Kondensatoren sowie das CI (Current-Injection)-Prinzip.

Was als Geheimtip begann, hat sich nach kurzer Zeit wie ein Lauffeuer über die deutsche High-End-Gilde ausgebreitet. In Österreich hat man davon noch nicht Notiz genommen - Grund genug, sich das gute Stück einmal genau zur Brust zu nehmen.

 

Schnell ist das schmale Case aus der Verpackung geschält. Das auf Funktionalität ausgerichtete No-Nonsense-Gehäuse besteht aus zusammengeschraubten Aluplatten. Es greift sich dank seiner schlanken Figur gut an und ist erstaunlich leicht. Schmal, wie es ist, läßt es sich bequem in jede Anlage integrieren. Da das Case aus Aluminium besteht, sollte der 2 CI logischerweise nicht auf Endverstärker oder Komponenten gestellt werden, die über ein massives Netzteil verfügen, kurzum: Die Aufstellung im Bereich starker elektromagnetischer Streufelder ist zu vermeiden.

An der Rückseite befindet sich eine wahre Batterie an Mäuseklavieren (=Dip-Schalter), vielmehr eine richtige Mäuseorgel. Dies ist die Steuerungszentrale für den Anschluß des jeweiligen Tonabnehmers. Kanalgetrennt findet man Dip-Schalter für Gain (+6 dB für High-Output-MC- bzw. MM-Systeme sowie +20 dB für Low-Output-MC-Systeme), Eingangsimpedanz (100 Ohm für die meisten Low-Output-MC-Systeme bzw. 1 kOhm für High-Output-MC-Systeme). Diese Rasterung mag etwas grob erscheinen, jedoch bewegen sich die meisten MC-Systeme in genau dieser Bandbreite.

Auch für Freunde klassischer elektromagnetischer Abnehmer (MM) gibt es eine tolle Überraschung: Der Phono 2 CI bietet zudem Lastkapazität-Dipschalter (additiv 47, 100, 220, 470PF), um den Frequenzgang des Hochtonbereichs des jeweiligen MM-Systems auszurichten. Diese Kalibrierungsmöglichkeit ist ein ganz exzellenter Einfall, der seinesgleichen sucht. Man kann nach Lust und Laune am 2 CI solange herumschrauben, bis die optimale Klanganpassung erreicht ist.

Des einen Freud ist des anderen Leid - für Plug-and-Play-Puristen, die bekanntlich Phobien vor zu vielen Schaltern, Potentiometern und anderen vermeintlich sinnlosen Knöpfen haben, ist der 2 CI sicher nicht geeignet. Für Sound-Tüftler hingegen, die gern etwas Zeit ins Experimentieren zwecks optimaler Anpassung investieren, ist der 2CI schlichtweg ideal.

Ein Blick auf die Front lohnt ebenfalls. Dort sind – Puristen, aufgepaßt! – abermals zwei Potentiometer (für jeden Kanal eines) zu finden. Diese dienen nicht etwa als Kleiderhaken, sondern ermöglichen eine effektive Output-Steigerung. Hier können auch etwaige seltene nadelherstellerbedingte Schwankungen zwischen den einzelnen Stereokanälen nivelliert werden.

 

Besitzt man ein MC System, kann man aber auch gänzlich auf das Herumschrauben verzichten und es direkt mit den XLR-Eingängen verbinden; vorausgesetzt, der Tonarm ist symmetrisch ausgelegt, wie fast alle Tonarme, ausgenommen REGA. Der Vorteil der XLR-Ins liegt klar auf der Hand: Sie sind von vornherein absolut symmetrisch und basieren auf dem oben erwähnten Current-Injection-Prinzip. Das heißt, die Inputs wirken selbstverstärkend und liefern permanent den optimalen Stromfluß. Wie das genau funktioniert, entnehme man bitte den reichhaltigen Tech-Infos auf der Hersteller-Homepage - uns interessiert ja nun endlich, wie der 2 CI klingt.

 

Zunächst soll der 2 CI zeigen, was er im asymmetrischen Betrieb mit einem superben MC-System (Benz Micro MC Gold) so alles draufhat. Flugs ist das Mäuseklavier gespielt, alle Einstellungen - wie im Manual empfohlen - getätigt. Kabel rein und einschalten. Sofort beginnen an der Front zwei kleine blaue Lichter zu leuchten; eines zeigt an, daß das Gerät läuft, und das andere, daß die Chinch-Buchsen belegt sind. Es dauert etwa eine Minute, bis der 2 CI klickt, dann ist die Maschine betriebsbereit. Sollte es nun tatsächlich brummen, gibt es auf der Hinterseite sogar noch einen "Ground Control Switch". Es brummt aber nicht.

 

Signal liegt an: Nach einem kurzen Belastungstest für die Nachbarn (z. B.: "Dig Your Own Hole" von den Chemical Brothers) dürfte der 2CI Betriebstemperatur erreicht haben. Nun folgt das eigentliche Probehören: Jeder Schallplattenfan hat seine eigenen Referenz-Scheiben. Thomas Dolbys "The Flat Earth" (1985) ist eine optimal ausgesteuerte DMM-Pressung und eignet sich ausgezeichnet zum kritischen Beurteilen eines klanglichen Spektrums. So auch beim AQVOX: Das Fundament ist wohlgeformt, die Baßkonturen sauber und klar. Die Mittenzeichnung ist durchsichtig und kohärent. Doch der Höhenverlauf ist durch die "erweiterte" RIAA-Kurve besonders interessant: Durch die "Neumann-Zeitkonstante" weisen die wahrgenommenen Höhen einen hörbaren Unterschied zu anderen Phono-Vorstufen auf. Einfach gesagt, heben sie sich noch kontrastreicher ab, was der gesamten Dynamik zugute kommt. Hier gibt es keine Pseudobässe und im oberen Bereich kein Übersprechen oder S-Zischen.

Summa Summarum: Eine feine Sache. Der 2 CI liefert bereits im asymmetrischem Betrieb ein erstklassig-dynamisches Klangbild ohne jedwede Verzerrung. Auch das Stereo-Imaging bestreitet er - gemäß dem dualen Aufbau - souverän. So weit, so gut.

 

Im zweiten Probelauf läuft der 2CI symmetrisch. AQVOX liefert für solche Testzwecke gerne Chinch-auf-XLR-Stecker mit, damit man nicht sofort seine Phonostecker umlöten muß. Einmal verkabelt, erkennt der 2CI sofort, daß die XLR-Inputs belegt sind, ein anderes blaues Licht beginnt auf der Vorderseite zu leuchten. Nun muß man gar nichts mehr einstellen. Die Stromverstärkung erfolgt automatisch (Current Injection) und soll in der Lage sein, das Beste aus jedem MC-System herauszuholen. Schon nach ein paar Minuten (wieder Thomas Dolby, Cranberries: "Songs For The Faithfully Departed", Tori Amos: "Boys for Pele", Beatles: "Revolver") wird klar, daß der Hersteller nicht zuviel versprochen hat. Im symmetrischen Betrieb gewinnen sämtliche Konturen des Spektrums noch etwas an Straffheit hinzu, die Bässe springen knackig aus den Boxen, das gesamte Klangbild erhält einfach mehr Durchsatz oder gesteigerte Präsenz. Anregend und dennoch gediegen. Noch ein Vorteil: Im XLR-CI-Betrieb lassen sich kompromißlos alle MC-Systeme anschließen, auch "exotische" Medium-Output-MCs.

 

Zu guter Letzt wird auch noch die asymmetrische MM-Übertragung ausprobiert. Es kommt ein Low-Budget-MM-System zum Einsatz, dessen Klang schon viele Generationen von Vinyl-Enthusiasten begeisterte: Sumikos "Black Pearl". Nach dem Anhören einiger schwarzer Scheiben (natürlich wieder Thomas Dolby, Autechre: "Basscadet", Tori Amos: "Boys for Pele") stellt sich nunmehr eine echte Überraschung ein: Es ist wirklich ganz erstaunlich, was man mit dem 2 CI aus seinem MM-System alles herausholen kann. Da sich die Höhen individuell regulieren lassen, ist es möglich, sein Lieblings-MM-System optimal an seine Hörvorlieben (und den Verstärker) anzupassen. Das Klangbild ist wie bei den teureren MC-Systemen kohärent, solide im Baß und überzeugt in jeder Tonlage leichtfüßig.

Der AQVOX Phono 2 CI ist ein veritables Schweizermesser - aus Hamburg. Mit dem an der Vorderseite anzusteuernden Subsonic-Filter lassen sich auch noch tiefe Baßrumpler (etwa bei gewellten Schallplatten) rausfiltern. Entdecke die Möglichkeiten ...

 

Fazit: In AQVOXs Phono 2 CI stecken so viele technische Innovationen, daß der Verkaufspreis fast wie ein Understatement wirkt. Um 700 Euro wird man etwas ähnliches vergeblich suchen. Vor allem, wenn man seine Phantasie spielen läßt und ausprobiert, wofür man den 2CI noch verwenden kann. Aufgrund des Subsonic-Filters und der Tatsache, daß man, zumindest bei MM-Systemen, die Höhen "regulieren" kann, lassen sich mit diesem Schweizermesser auch Schallplatten "sauber" digitalisieren. Wer keine adäquate Soundkarte besitzt, kann sich auch hier auf AQVOX verlassen: Die Firma bietet ja auch einen USB-D/A Wandler an.

Ernst Meyer

AQVOX - Phono 2CI


 

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