Stories_Alone in the Dark

Wer hat Angst vorm grauen Schlumpf?

Andreas Winterer war im Kino. Allein. Und zwar im Dunkeln. Wäre er bloß zu Hause geblieben ... Aber lesen Sie selbst!    04.05.2005

Wer im Kino harte Männer, fiese Monster und reichlich Explosionen zu schätzen weiß, könnte sich beim Durchblättern diverser Kinozeitschriften vielleicht für die Game-Adaption "Alone in the Dark" entscheiden. So wie es meiner Wenigkeit passiert ist.

Warum?

Ich gestehe: Manchmal ist mir diese ganze intellektuelle Kunstkino-Scheiße einfach zu viel. Fieberhaft suche ich dann einen Streifen, wo bloß irgendwas Großes fesch explodiert oder mutierte Glibbermonster binnen zwei Stunden eine Mannschaft wegmampfen. Das kann prima unterhalten. Leider lagen die einschlägigen Alien-Clones schon so oft im Player, daß ich durch die ausgelaugten DVDs bereits durchgucken kann. Blieb nur Kino.

"Alone in the Dark" klang gut, die gleichnamige Spieleserie hatte ich in bester Erinnerung, konsultierte daher keine einzige Filmkritik. Ein schwerer Fehler, festzustellen bereits Sekunden nachdem das Licht ausgegangen war. (Und dies ist dann auch die Lehre, die Ihnen diese freudlose Besprechung mitgeben will: Hören Sie bloß nicht auf, den Evolver zu lesen - sonst widerfährt Ihnen ein Schlamassel wie "Alone in the Dark".)

 

It's never good when the audience starts laughing as soon as the movie begins -- and nothing has happened.

IGN Filmforce

 

Ein erklärender Textvorspann ist bereits peinlich genug, kann aber "Kult" nicht verhindern - das beweisen Streifen wie "Blade Runner". Was dort nicht schlecht ist, kann bei mir nur super sein, hat sich wohl der AitD-Regisseur Uwe Boll gedacht, und einen kilometerlangen Vorspann vor den Film gepappt, neben dem sich sämtliche Star-Wars-Scroller zusammengenommen wie packende Kurzprosa ausnehmen. Ehe man kapieren kann, was das Gebrabbel eigentlich mitteilen soll, trampelt bereits das Abziehbild eines "Mad Scientist" über die Leinwand. Der hat natürlich ein gar fürchterliches Geheimartefakt ausgegraben, ausnahmsweise nicht von den Nazis. Trotz sattsam bekannter abschreckender Beispiele wird auch diese Pandora-Büchse aufschraubt: Kaum geöffnet, hüpft ein nicht näher definiertes Monster heraus und metzelt alle nieder. Bis auf den Mad Scientist. Der wird nämlich am Ende des Films noch mal als Bösewicht gebraucht und lungert bis dahin grundlos in so etwas Ähnlichem wie einem parallelen Handlungsstrang herum.

 

Schnitt auf einen leicht ge-Indiana-Jones-ten Darsteller, Typ einsamer Ermittler, der zuviel Hard-Boiled-Whodunits gelesen hat und sein Muscle-Shirt selten wechselt. (Neben ihm wirkt "Geisterjäger John Sinclair" aus der gleichnamigen Heftchenserie übrigens wie ein gut entwickelter Charakter.) Er soll auch irgendwie Psi-Fähigkeiten besitzen, ist aber eh wurst, weil die ohnehin nie gebraucht werden.

Es folgen Autojagd, Schießerei und Bullet-Time-Einlage, gerade so, als würde man eine Feature-Liste abhaken. Daher kriegt der Held auch ein Zuckerpüppchen an die Seite gestellt: "Zunächst war sie ja als Wissenschaftlerin eingeplant.", sagt Boll in einem Interview, "Weil das nicht so recht paßte, haben wir die Rolle kurzerhand umgeschrieben. Nun ist sie eben die Sekretärin eines Wissenschaftlers." Aha. Deshalb trägt sie auch eine Brille, damit uns blöden Zuschauern klar ist, daß die Dame an der Uni nicht bloß die Urinale poliert. Ehe man sich darüber wundern kann, werden die beiden plötzlich von diversen Dingen gejagt, die zunächst ein bißchen lasche Zombies sind (enttäuschte Fans?), später farblose Computer-Monster (Angstfaktor 0, etwa so wie graue Schlümpfe).

Jede Wette: Bis zu dieser Stelle werden Sie mehrfach versucht haben, das Kino zu verlassen, zum Beispiel per Nickerchen. Was Sie vom Schlaf abhält, ist nur der enorme Radau, den diverse Klischeekämpfer veranstalteten. Die Militärs sehen aus wie beim Pre-Casting von "Alien 2" übrig geblieben und gehören, wie könnte es anders sein, zur streng geheimen Anti-Monster-Spezialeinheit der Regierung. Bevor man nur einen Hauch von Interesse entwickeln kann, drängt sich selbst anspruchslosen Action-Aficionados die Erkenntnis auf, daß auch das nun folgende Getöse die fehlende Spannung nicht kaschieren kann. Das funktioniert vielleicht in anderen Filmen, wo man die Helden mag, die Bösen haßt, die Monster fürchtet oder sich an ein anderes Fitzelchen von Restdrama klammern kann. In "Alone in the Dark" funktioniert es nicht, weil es überhaupt keinen Grund gibt für all die tumbe Knallerei. Weder einen triftigen, noch einen an den Haaren herbeigezogenen. "Überraschende Wendungen" in diesem Film bedeutet: Es passiert zur Abwechslung etwas Sinnvolles, das komplexer ist als "Peng! Peng!".

 

The three stars have seen better days, but I'd like to think they could still do something classier and more dignified than this. Like gay porn.

Flipside Movie Emporium

 

Überraschend ist auch, daß sich die Spezialeinheit nicht selbst wegballert, denn minimale Action-Choreografie würde voraussetzen, daß wenigstens dem Regisseur klar ist, wer wann auf was schießt. Und wozu. Die teils auch mal hübsch gestylte, überwiegend aber nur blöde Ballerei samt biologisch leider nicht abbaubaren Recycling-One-Linern hätte ab Szene eins in einem einzelnen Raum weiterdümpeln können, es hätte storytechnisch überhaupt keinen Unterschied gemacht.

 

As far as the new release is concerned, ALONE IN THE DARK does seem accurate in one respect: It’s likely to describe the experience of anyone who goes to see it after the opening weekend.

Fangoria

 

Uwe Boll ist ein deutscher Regisseur, der sein Geld selbst beschafft und statt drögem Sozialfilmklimbim heftige Action-Knaller zu inszenieren versucht. Das ringt mir augenblicklich viel Sympathie ab. Wirklich dumm kann keiner sein, der eine eigene Investmentfirma aus dem Boden stampft, die mit Hilfe eines Filmfonds Geld zusammenkratzt und sich als "Weltmarktführer in der Verfilmung von Videospielen" (O-Ton Website) positioniert. Wirklich dumm kann keiner sein, der mit diesem Geld eine eigentlich recht ansehnliche Menge von Schießereien, Explosionen und Monstern auf die Beine stellt und in seinen besten Momenten immerhin vermitteln kann, ein billiger Rip-off zwischen "Relikt" und "Starship Troopers" zu sein.

 

Ändert aber nix am wirklich dummen Film. Jede Dialogzeile hat man schon mal passender gehört, jede Szene schon mal besser gesehen. Vielleicht hätte ein echtes Drehbuch das szenenweise stattfindende Gepolter sogar zu einem Film zusammenheften können. So bleibt das einzige Drama während des "Sehgenußes" von "Alone in the Dark", daß man wehrlos zusehen muß, wie die Macher jede Chance auf Spannung verschenken. Fast möchte man Absicht vermuten, doch was für eine sollte das sein? Der Verantwortliche für diesen lahmarschigen Hirnriß kann doch nicht schlechte Filme drehen wollen?! Oder möchte Uwe Boll wirklich zeigen, wie hohl Videospiele und Videospielverfilmungen sind, wie einige Stimmen im Web ironisch behaupten? Dort spaltet er die Audienz inzwischen in Boll-Fans und Boll-Hasser (siehe Link-Section), und schlechte PR ist bekanntlich besser als gar keine.

Angst und Schrecken verbreitet in diesem Film nur die trübe Aussicht, daß uns vom selben Regisseur demnächst "Bloodrayne" (Vampir-Gemetzel), "Hunter - The Reckoning" (Monster-Gemetzel) und "Far Cry" (Soldaten-Gemetzel) erwarten. Ähnlichkeiten mit den lizenznamensgebenden Computerspielen sollte keiner erhoffen, die gibt’s auch im 100% Necronomicon-freien "Alone in the Dark" nicht. Es existiert auch sonst kein Grund, sich den langweilen Käse anzusehen.

Kurzum: Dieser F-Movie-Müll verdient nicht einmal das ehrende Prädikat "Trash" und übertrifft seine gesammelten Schwächen in einer überflüssigen Sexszene sogar selbst. "Alone in the Dark" kam vielleicht nur deshalb ins Kino, um den strapazierten Direct-to-Video-Markt zu warnen: Achtung, bald auch auf DVD!

 

PS: Verbringen Sie die neunzig Minuten lieber allein in der Dunkelheit, das unterhält Sie bestimmt besser!

 

(PPS: Derzeit steht für "Alone in the Dark noch kein österreichischer Starttermin fest. Zum Glück, Anm. d. Red.)

Andreas Winterer

Einer beißt sich durch

Update 1. 2007


Es gibt noch Überraschungen: Allen Unkenrufen zum Trotz hat Uwe Boll einen anständigen Popcorn-Reißer abgekurbelt. Zumindest fast - finden die Herren Fichtinger und Winterer.

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