Stories_Bauhaus - Geschichte eines Stils

Vampire leben länger

Die Gründerväter des Gothic-Rock präsentieren nach 25 Jahren Pause ihr fünftes Studioalbum "Go Away White". Ernst Meyer begibt sich zu diesem Anlaß auf Zeitreise.
   05.05.2008

England 1976: Punk traf die sedierte Musikindustrie, die mit schaumgebremstem Softrock-Gedudel und lieblichen Kindermelodie-Hits die existentiellen Probleme der britischen Arbeiter kaschieren wollte, wie eine Napalmbombe. Plötzlich war es möglich, mit ungestimmten Gitarren unvorbereitet ins Studio zu gehen - mehr noch: die Gitarren absichtlich zu verstimmen, je kaputter, desto besser. Auch die Texte veränderten sich. Statt eintönigen Herzschmerz-Karikaturen gab es plötzlich beinharte Politpropaganda, Gesellschaftskritik und vor allem: manischen Hedonismus.

Der Flächenbrand, den Punk auslöste, sollte jahrelang anhalten. Und so vielfältig, wie die Flammen züngelten, führte diese Initialzündung in weiterer Folge zu unterschiedlichen, neuartigen Musikrichtungen, präziser: steigerte die dissonante Aggression die Akzeptanz und Wahrnehmung der musikkonsumierenden Jugendlichen. Wo viel Feuer, da viel Schatten - überall, wo Punk nicht hinreichte, breitete sich folgerichtig die "Grauzone" aus. Im Jahresrhythmus wurden neue Stile geboren, auf Punk folgte Wave, später Synth-Pop. Doch an den Übergängen dazwischen finden auch heute noch nicht nur Musiksoziologen so manch ungeschliffene Perle ungestümer Konformitätsverweigerung. Hier, in dieser "grey area" liegt die Geburtsstunde des Industrial (Throbbing Gristle), der experimentellen Elektronik (Cabaret Voltaire) und des Gothic Wave.

 

Man kann trefflich darüber streiten, wer zuerst die Verzweiflung, die Isolation und die Depression, die England wie ein Fieber heimsuchten, in Songs verpackte. Waren es Joy Division, The Cure oder die heute fast vergessenen Bauhaus? Diese Frage wird man wohl nie restlos beantworten können - aber wer den Gothic Wave/Rock erfand, steht fest. Während sich Joy Division noch als Warsaw formierten, gab es daneben eine Reihe anderer Bands, die zwar nie so berühmt wurden oder aber zu kurz existierten, um von einer größeren Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen zu werden.

Kein Mensch erinnert sich heute noch an Bands wie The Craze, The Submerged Tenth oder Jack Plug and the Sockets. Diese kurzlebigen Club-Acts waren die Kopfgeburten zweier Brüder, Kevin und David J. Haskins. Später kam als Verstärkung Daniel Ash an der Gitarre hinzu. Doch das Tüpfelchen auf dem i fehlte noch. Die Nachwelt hat es Daniel Ash zu verdanken, der sich an seinen dandyartigen, etwas düsteren Schulfreund Peter Murphy erinnerte und ihn kurzerhand anrief.

Und damit war das Quartett Bauhaus geboren, Die Band berief sich unmißverständlich auf die deutschen Architekten, deren Credo einst lautete: "Weniger ist mehr." Daniel und Peter ergänzten einander perfekt und hatten schon nach einem Wochenende die Songs "Dark Entries", "In The Light", "Boys" und "Harry" skizziert. Kevin und David gaben den Liedern den letzten Schliff.

Der erste Live-Auftritt zu Silvester 1978/79 geriet zu einem denkwürdigen Ereignis. Tiefe Drums, brutale Bässe und unzählige Gitarren-Sounds, gepaart mit Murphys exaltiert-vampireskem Habitus ließen Kritiker wie Besucher schier in Verzückung geraten. Die 80er Jahre standen vor der Tür - und Bauhaus waren erschienen, um dieser dunklen Dekade den Weg zu ebnen.

Bald danach spazierte die Gruppe ins Studio und nahm einen Song auf, der auch heute noch zum Standard-Repertoire jedes guten Gruft-DJs gehört: "Bela Lugosi´s Dead". Kennt garantiert jeder, aber mit Sicherheit kommt es nur einmal in 100 Jahren vor, daß eine No-Name-Band eine derart grandiose Nummer buchstäblich aus dem Nichts heraus - einfach so - live im Studio einspielt. "Bela Lugosi´s Dead" wurde im August 1979 veröffentlicht. Ein extremes Debüt, gewiß, aber es waren auch extreme Zeiten damals (man erinnere sich an The Pop Group, Gang of Four etc.). Auch heute noch, fast 30 Jahre danach, verdient dieser Track besondere Beachtung, vor allem, wenn man ihn im zeitlichen Kontext sieht. Während sich die meisten Wave-Bands abmühten, knapp dreiminütige Single-Tracks einzuspielen, dauert "Lugosi" satte neun Minuten. Aufgebaut auf einem flotten, straighten Beat knacken Rimshots im Samba-Rhythmus, der Baß spielt einen nach unten ziehenden Tritonus. Die übersinnliche Spannung jedoch entsteht durch die psychotronische Bearbeitung der Rimshots mittels Flanger und Echo, die Space-Gitarre setzt gleich von Anfang an markante Akzente. Es dauert, bis endlich Murphys Stimme einsetzt. Lachen ist verboten. Maskulin und herrisch treibt er die tanzenden Kreaturen der Nacht vor sich her, die sich eingefunden haben, um Bela Lugosi die letzte Ehre zu erweisen (der allerdings schon 1956 verschieden war - eine späte Huldigung).

 

Bauhaus´ 1980 erschienenes erstes Studioalbum "In the Flat Field" geht noch einige Schritte weiter. Hier gelangt die totale Reduktion zu ihrem ersten Höhepunkt. Einen stärkeren Opener als "Double Dare" kann man sich nicht vorstellen: Diatonische Archaik stößt auf schlitternde Pogo-Rhythmen, Murphys exaltierter Gesang und die allgegenwärtig negativen Harmonien ziehen den Hörer auch heute noch in die sich öffnende frische Erde des Friedhofs. Murphy beschwört seine Muse: "I dare you to be real". Haarsträubend und dissonant. "In The Flat Field" enthält neben dem rockigen Titeltrack auch sonst noch einige außergewöhnliche Stücke (z. B.: "St. Vitus Dance", "God In An Alcove"). Völlig neu war damals die ungeheure emotionale wie mythologische Intensität, das Kommando zum Exzeß, der brachiale Wille, geltende Normen zu brechen.

"Mask", das zweite Album (1981), tendiert deutlich stärker in Richtung Rock; Pogo-Enthusiasten kommen nicht mehr ganz auf ihre Rechnung. Es sind die ruhigeren Stücke, die betören ("Hollow Hills"), die rockigeren Tracks erinnern hörbar an andere legendäre Songwriter der damaligen Zeit, etwa David Bowie. Umso mehr überrascht es aus heutiger Sicht, daß sich Bauhaus auf dem ein Jahr später erschienenen Album "The Sky´s Gone Out" (1982) wieder ihrer Anfänge besinnen. Wie schwarze Granit-Obelisken glänzen Hits wie "Third Uncle", "Silent Hedges" und "Swing the Heartache". Hier präsentieren Bauhaus sämtliche ihrer Stärken: Atonalität, Experiment, Punk und Progressive - alles fließt ineinander und bildet ein Amalgam, das Generationen von Gothic-Musikern und Fans beinflussen sollte.

Das nachfolgende Album "Burning From The Inside" (1983) enthält die denkwürdige Single "She´s In Parties", aus dem Standardrepertoire eines Gothic-DJs ebenfalls nicht wegzudenken. Es ist die ruhigste LP der stets schwarzgekleideten Boygroup. Trotz interessanter Stücke wie "Antonin Artaud" oder "Slice of Life" kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, in burleske Musical-Abgründe einzutauchen. Exemplifiziert wird diese Befürchtung durch "Who Killed Mr Moonlight?", das wohl eher auf den harten Brettern eines kleinen Theaters zu Hause ist als auf dem Friedhof. Selbstverständlich sind die Lyrics genauso anspruchsvoll wie eh und je.

 

Es ist nicht eindeutig geklärt, warum sich Bauhaus auf dem Zenit ihres Schaffens auflösten. Zeitzeugen berichten, die Chemie zwischen den einzelnen Musikern sei schon immer etwas labil gewesen, vor allem im Studio. Davon ist auf ihren Alben gottlob nichts zu merken.

Peter Murphy startete hernach zunächst Dali´s Car, später eine Solokarriere als Sänger, wobei ihm nie der ganz große Wurf gelang. Die restlichen Band-Mitglieder konnten mit ihrer neugegründeten Rockband Love and Rockets eine Handvoll veritabler Charterfolge einfahren ("Ball of Confusion", "Is There a Heaven Above?"), doch keines der Splitterprojekte kam je an den Kultstatus von Bauhaus heran.

Dieser Kult ist die Ursache, warum sich Bauhaus´ Alben auch noch nach deren Auflösung konstant weiterverkauften, ja, mehr noch, die Nachfrage bis heute nicht abgerissen ist. Auch wenn es keine Live-Auftritte mehr gab, mußte ihr Hauslabel Beggars Banquet Jahr für Jahr den gesamten Backorder-Katalog nachpressen. Dieses äußerst seltene Phänomen bewegte die Band 1998 (!), sich abermals für eine Welttournee zusammenzuraufen. Unnötig zu betonen, daß die zu einem fulminanten Erfolg geriet. Von einem neuen Album - das erst 2008 mit "Go Away White" das "Licht" der Welt erblicken sollte - war damals allerdings noch nicht die Rede. Lediglich eine Live-Platte ("Gotham") wurde den dürstenden Fans aufgewartet. Die war - ebenso wie das neue Album - eine einzige Zeitreise. Nicht umsonst freuen sich alte und neue Fans in aller Welt, ihr Idol Peter Murphy - den schönsten Vampir, den es je gab - so gut bei Stimme und kraftvoll wie in seiner Jugend zu Gesicht zu bekommen.

Ernst Meyer

Bauhaus - Go Away White

Leserbewertung: (bewerten)

Cooking Vinyl (GB 2008)

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Musiker - 24.02.2014 : 21.49
Genau genommen ist es eine kleine Terz und kein Tritonus. Macht aber nix. Schöner Text.

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