Texte_Berlinale 2010 / Journal II

Die große Leere

Der Wettbewerb gewinnt in der zweiten Hälfte an Schwung, die Jury prämiert ohne große Überraschungen, und im Arthauskino zeichnet sich eine Vorliebe für Genre-Filme ab:
Michael Kienzl berichtet von der Berlinale.    01.03.2010

Nach einem reichlich unspektakulären Auftakt konnten doch noch einige Film das Gesamtniveau dieser gewohnt mittelmäßigen Berlinale-Auswahl anheben. Von Ärgernissen blieb man aber trotzdem nicht verschont: absoluter Tiefpunkt war der deutsche Episodenfilm Shahada über Glaubenskonflikte verschiedener Muslime. Was ein Film mit Handlungssträngen wie aus einer Vorabendserie und derart haarsträubend dilettantischen Dialogen im Wettbewerb zu suchen hat, weiß wohl nur Festival-Chef Dieter Kosslick selbst.

Ansonsten herrschte die übliche Auswahl an durchschnittlichen Arthausfilmen und soliden Werken müder Altmeister. Umso gespannter konnte man auf den neuen Film von Koji Wakamatsu sein. Immerhin hatte sich hier ein Regisseur ins Programm gemogelt, der mit seiner Vergangenheit als Regisseur von Pinkfilmen - japanischen Sexfilmen - viel zu anrüchig für diesen Wettbewerb scheint.

 

Nach "United Red Army" macht sich Wakamatsu in Caterpillar zum zweiten Mal daran, ein dunkles Kapitel japanischer Geschichte aufzuarbeiten. Diesmal stehen die Greuel des chinesisch-japanischen Krieges im Mittelpunkt - oder besser gesagt, wie sie bis ins heimische Schlafzimmer vordringen. Ausgangspunkt der Handlung ist eine Kurzgeschichte von Edogawo Rampo, dem japanischen Edgar Allen Poe. Ein Soldat kehrt als gefeierter Kriegsheld zu seiner Frau zurück; allerdings hat er im Gefecht Arme, Beine und Stimme verloren. Während seine Frau nach dem ersten Schock versucht, ihren ehelichen Pflichten nachzugehen, wird sie im Folgenden mehr und mehr von Ekel und Rachegelüsten überwältigt.

Wakamatsu ist eine durchaus ernsthafte Anklage gegen Krieg und hohlen Patriotismus gelungen; ein seriöser Autorenfilmer ist er deswegen aber nicht geworden, seine Wurzeln als Exploitation-Regisseur bleiben unübersehbar. Genüßlich werden die da Stumpen des Soldaten in Großaufnahme gezeigt, und in von Flammen überzogenen Schwarzweiß-Rückblenden wütet der vermeintliche Kriegsheld als wildgewordener Mörder und Vergewaltiger. Es ist jedoch gerade der Verzicht auf pietätvolle Herangehensweise, die den Film auszeichnet.

Kaum ein anderer Regisseur würde derart schonungslos den Ekel der Ehefrau gegenüber ihrem verkrüppelten Mann darstellen oder detailliert das Intimleben eines solchen Paares festhalten. Für Wakamatsus Verhältnisse - der Frauen sonst gerne schwärmerisch als Opfer von Folter und Vergewaltigung in Szene setzt - ist "Caterpillar" geradezu ein feministischer Film. Im anfangs ungewohnten Gefühl ihrer neuen, vor allem sexuellen Überlegenheit rächt sich die Ehefrau schließlich für die früheren körperlichen Mißhandlungen ihres Mannes.

Zwar hätte man im Mittelteil kürzen können; hier nehmen die immergleichen Wiederholungen von Sexszenen, Erniedrigungen und Großaufnahmen der Kriegsmedaillen dem Streifen einiges seiner Durchschlagkraft. Ein beeindruckender Film bleibt "Caterpillar" aber in jedem Fall, und Shinobu Terajima wurde für die Rolle der Ehefrau verdientermaßen mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet.

 

Auch sonst gab es an den Urteilen der Jury wenig auszusetzen, abgesehen vielleicht von der eher symbolisch zu verstehenden Verleihung des Regiepreises an Roman Polanski. Jury-Präsident Werner Herzog sorgte wider Erwarten für keine große Überraschungen und gab sich ungewohnt zahm; bei der Preisverleihung bedankte er sich gar bei Dieter Kosslick für die "wunderbare Filmauswahl".

Erfreulich war die Verleihung des Goldenen Bären an den türkischen Film Bal: zur Abwechslung einmal ganz ohne politische Motivation und rein aus künstlerischen Gründen. Zum einen handelt sich wirklich um den besten Beitrag des Wettbewerbs. Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr ruhiger Film, der die mit einem solchen Preis zusammenhängende Popularität gut brauchen kann.

 

"Bal" ist der Abschluß einer Trilogie über die Figur des Poeten Yusuf in verschiedenen Lebensstadien; hier widmet er sich dessen Kindheit in einem von Bergen umgebenen Waldgebiet. Auf den ersten Blick scheint Regisseur Semih Kaplanoglu langsames Kunstkino mit schönen Bildern und wenig Text zu machen, wie es zuhauf bei Festivals zu sehen ist. Doch der Film bemüht keine stereotypen Abfolgen aus langen, inhaltslosen Einstellungen, sondern zeigt sich stilistisch flüssig und erstaunlich unterhaltsam. Das ist zum Teil natürlich den faszinierenden Landschaftsaufnahmen zu verdanken, aber auch der Tatsache, daß der Film trotz minimalistischer Handlung immer emotional zugänglich bleibt. Hinter der beschaulichen Stimmung verbergen sich das Drama eines stotternden Buben, dem in der Schule die Anerkennung versagt bleibt, und die Geschichte einer innigen Vater-Sohn-Beziehung mit tragischem Ausgang.

Die Beschreibung der Natur als magischem Ort, jenseits herkömmlicher Raum- und Zeitvorstellungen, voll heilender und bedrohlicher Kräfte: das erinnert zeitweise an die kryptischen Filme des Thailänders Apichatpong Weerasethakul ("Tropical Malady", "Syndromes of a Century"). Anstelle esoterischer Zurück-zur-Natur-Kitsches inszenieren beide Filmemacher ihre Figuren als Fremdkörper in einer geheimnisvollen, sich stets dem menschlichen Zugriff entziehenden Welt.

 

Die überwiegend auf konventionelles Erzählkino fixierte amerikanische Presse hatte mit "Bal" so ihre Probleme. Umso erstaunlicher schien da ihr Applaus für den weitaus sperrigeren iranischen Beitrag The Hunter. Die Handlung um einen Nachtwächter, der nach dem Verlust von Frau und Kind zwei Polizisten erschießt, läßt Regisseur und Hauptdarsteller Rafi Pitts immer wieder ins Leere laufen.

Der Film gibt sich betont geheimnisvoll, hat aber letztendlich nichts zu erzählen - auch wenn die Handlung in der letzten halben Stunde eine Wendung nimmt und mit Thrillerelementen den korrupten Polizeiapparat ins Spiel bringt. Der Grund für die Begeisterung mancher US-Amerikaner dürfte eher banal sein: Im Radio läuft einmal eine Hetzrede Ahmadinedschads, dann wieder ein Bericht über die anstehenden Wahlen. Obwohl der Streifen solche aktuellen Verweise thematisch nicht nutzt, schien das manchen Zuschauern zu reichen, um "The Hunter" für einen politisch brisanten Film zu halten.

 

Wer sich wirklich ein Bild über die Stimmung im Iran machen wollte, war im Panorama besser aufgehoben. Hier konnte man mit Red, White and The Green eine Dokumentation sehen, die zwar formal nicht überzeugte, inhaltlich aber durchaus interessant war.

Zwei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen streift Regisseur Nader Davoodi mit seiner Videokamera durch die Straßen Teherans, folgt Demonstrationen und besucht Cafés; er unterhält sich mit Menschen, fragt, wen sie wählen und aus welchen Gründen, und was sie sich von der Wahl versprechen. Dem im Westen meist eindimensional präsentierten Iran setzt Davoodi ein komplexes Bild verschiedenster Auffassungen entgegen. Unter den Interviewten finden sich Vertreter liberaler Standpunkte ebenso wie resignierte Nichtwähler oder Befragte, die sich aus Angst vor Sanktionen erst gar nicht vor einer Kamera äußern wollen.

 

Der oben erwähnte Rafi Pitts war nicht der Einzige, der in diesem Jahr Genre-Versatzstücke in einen Arthouse-Film integrierte. Benjamin Heisenberg etwa widmete sich in Der Räuber einem Mann, der zwei Leidenschaften hegt - Marathonlauf und Überfälle; der Plot basiert auf dem Fall des österreichischen Bankräubers Pumpgun-Ronnie. In seinen verlangsamten Action-Szenen, besonders einer längeren Verfolgungsjagd mit der Polizei, ist der Film am stärksten. Abgesehen von der ewigen Rastlosigkeit weigert sich Heisenberg aber, auch nur annähernd eine innere Motivation seiner Hauptfigur herauszuarbeiten. Sicher, man braucht nicht jede Regung gleich mit einem Kindheitstrauma zu erklären; in "Der Räuber" sorgt die psychologische Leere aber vor allem für Desinteresse gegenüber dem Protagonisten. Wir sehen ständig Großaufnahmen eines ausdruckslosen Gesichts - und könnten dabei genausogut eine Wand anstarren. Wahrscheinlich mit demselben Erkenntnisgewinn.

 

Besser gelingt der Genre-Mix - sowohl insgesamt als auch was die Figurenzeichnung betrifft - Thomas Arslan mit seinem Noir-Film Im Schatten. Ein schweigsamer Ex-Häftling, der seinen letzten Coup landen will; betont langsame Erzählweise, auf das Wesentliche beschränkte Dialoge: all das erinnert deutlich an die Filme von Jean Pierre Melville, und es funktioniert ausgesprochen gut. Allerdings ist es gerade die auf ein Grundskelett reduzierte Form, die einige Genreelemente unfreiwillig komisch in den Vordergrund treten läßt; ein abgehalfterter Gangsterboß oder eine Geldübergabe-in-der-Waschstraße wirken so wie leblose Klischees in einem ansonsten gelungen Film.

 

Auch wenn keinem der drei zuletzt genannten Regisseure eine durchgehend überzeugende Version eines Arthouse-Thrillers gelingt, ist diese Entwicklung im aktuellen Kino sicher nicht uninteressant. Es könnte sich auszahlen, derlei im Auge zu behalten.

 

Fortsetzung folgt ...

Michael Kienzl

Berlinale 2010


60. Internationale Filmfestspiele Berlin

 

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