Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen
ØØØØ
No il caso è felicemente risolto
I 1973
92 Min., ital. OF
Regie: Vittorio Salerno
Darsteller: Enzo Cerusico, Enrico Maria Salerno, Riccardo Cucciola
u. a.
Daß Beamte nicht zu den entscheidungsfreudigsten Menschen zählen, ist bekannt. Doch selten wurde der Beweis dafür auf so mitreißende Weise erbracht wie in diesem kleinen, aber feinen Thriller aus den 70er Jahren. 04.08.2010
Made in Italy: Das bedeutet katastrophale Regierungsbündnisse, grauenerregende Schlager und nie endenwollendes Geplapper. Aber auch Filme. Wunderbare Filme. Fellini, de Sica, Visconti, Leone, Corbucci, Bava, Argento usw. usf. ...
Doch nicht um die kanonisierten Klassiker oder die von uns EVOLVERianern so verehrten Gialli und Western soll es hier gehen. Vielmehr wollen wir uns in Cinecittà Revisited mit kleineren, mitunter vergessenen Filmen beschäftigen, die sich - obgleich oftmals Genrefilme - einer eindeutigen Zuordnung entziehen. Gedreht zumeist von guten Handwerkern, die im Grunde jede Art von Film machten, den ihnen die Produzenten zuschanzten. Selten Meisterwerke, aber immer etwas davon enthaltend: was sie auch nach Jahrzehnten noch sehens- und liebenswert macht.
Der dem Dienst nach Vorschrift nicht abgeneigte Schalterbeamte Fabio Santamaria (Enzo Cerusico) aus Rom wird beim Angeln auf dem Lande zufällig Zeuge eines brutalen Mordes. Vor seinen Augen verfolgt ein Mann eine junge, halbnackte Frau und erschlägt sie mit einer Eisenstange. Der Mörder entdeckt Fabio und läuft, das blutige Mordwerkzeug in der Hand, auf ihn zu. Fabio ergreift in seinem Auto die Flucht und kann den Unhold nach einer längeren Verfolgungsjagd durch die sanfte italienische Hügellandschaft abhängen.
Zumindest glaubt er das.
Wieder in Rom angekommen, begeht Fabio den fatalen Fehler, die Tat nicht der Polizei zu melden, um, wie er meint, Ärger aus dem Weg zu gehen. Der Mörder allerdings, ein Triebtäter, bei dem es sich um den angesehenen Gymnasiallehrer Professor Ranieri (Riccardo Cucciolla) handelt, kommt Fabio währenddessen zuvor und meldet sich als Zeuge eines Mordes. Am nächsten Tag berichten alle Zeitungen von der Bluttat; die Täterbeschreibung sowie das Phantombild passen ziemlich genau auf Fabio. Dieser versucht daraufhin, möglichst unschuldig zu wirken und verstrickt sich im Zuge dessen in Handlungen, die nicht nur seiner Ehegattin Cinzia (Martine Brochard) immer verdächtiger vorkommen.
Daß zudem in Ranieri beim Anblick der Tochter seiner Haushälterin wieder ungesunde Wünsche wach werden, vereinfacht die Sache auch nicht. Und dann ist da noch der Journalist Don Peppino (Enrico Maria Salerno), der die Fährte aufgenommen hat und zu ganz anderen Ergebnissen gelangt als die Polizei ...
Was wie ein klassischer Giallo anhebt, kippt im Laufe des Films in einen Neo-Noir-Justizthriller, der in seinen besten Momenten (und davon gibt’s einige) an einschlägige Vorbilder von Fritz Lang oder Alfred Hitchcock gemahnt. Der Regisseur Vittorio Salerno versteht es, in Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen (No il caso è felicemente risolto, 1973) seine Protagonisten durch ein Rom zu hetzen, dessen gesichtslose Vorstädte wie auch pittoreske und wunderschön in Szene gesetzte Altstadt-Idyllen jederzeit - nicht nur juristische - Fallstricke oder Gruben bereithalten, in die der geplagte Flavio mit seltener Zielsicherheit auch hineintappt.
Ist, um wieder einmal Vorbilder zu bemühen, Enzo Cerusico sicher kein Cary Grant oder James Stewart, so kommt man dennoch nicht umhin, mit dem nicht sehr entschlußfreudigen (und im Grunde gar nicht übermäßig sympathischen) Beamten mitzufiebern. Daran ändert auch nichts, daß nahezu das komplette Ensemble gelegentlich den Eindruck erweckt, sich nicht so recht zwischen Schmierenkomödie und Autopilot entscheiden zu können, wobei Enrico Maria Salerno als privat ermittelnder Journalist Peppino wieder einmal eine rühmliche Ausnahme darstellt. Doch hat diese schauspielerische Herangehensweise bei den Elaboraten der Herren Bava oder Argento auch selten gestört - und gerade jene Unentschlossenheit des Ausdrucks verhilft "Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen" zu einer seltsamen, zuweilen beinahe irreal anmutenden Authentizität.
Der etwas verschwurbelte Synthie-Jazz-Soundtrack von Riz Ortolani sowie ein Schluß, den man je nach Betrachtungsweise als großartig oder komplett verblödet empfinden darf, sorgen zusätzlich für das nachhaltige Gefühl beim Publikum, daß im Grunde alles - und zwar in kürzester Zeit - möglich ist: Identitätsverlust, Mord, Justizirrtümer und die Einsicht, daß das Einfach-so-weitertun unter den Bedingungen einer Zweiklassengesellschaft vielleicht doch nicht immer der Weisheit letzter Schluß ist.
"Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen" ist der klassische Fall eines Films, in dem manche der einzelnen Elemente - für sich allein stehend - zum Teil gar nicht zu funktionieren scheinen, in ihrer Gesamtheit aber einen Sog entwickeln, dem man sich kaum entziehen kann.
Es ist dies übrigens einer von nur vier Kinofilmen (allesamt Thriller), in denen der 1937 in Mailand geborene Vittorio Salerno im Regiesessel saß, darunter auch der inzwischen als Kult-Giallo gehandelte Libido (1965) mit Giancarlo Giannini in der Hauptrolle. Als Drehbuchautor trat Salerno öfter in Erscheinung und deckte dabei alles ab, was das italienische Genrekino seit den Fünfzigern zu bieten hat.
Der Darsteller des Fabio, der ebenfalls 1937 geborene und 1981 in seiner Heimatstadt Rom verstorbene Enzo Cerusico, war ein gut beschäftigter TV-Schauspieler, der aber auch im Kino den einen oder anderen Erfolg verbuchen durfte: So sieht man ihn etwa als Adriano Celentanos partner in crime in Dario Argentos Polit-Satire "Die Halunken" (Le cinque giornate, 1973).
Was mich gleich zum nächsten Cinecittà Revisited-Film führt. Da flüchten wir nämlich aus der stickigen Stadt in die prächtige Gebirgswelt der Dolomiten. Und ähnlich der nicht gerade auf der Hand liegenden Kooperation von Celentano und Argento erwartet uns ein weiteres duo impossibile: Als Südtiroler Bergführer steht uns Luis Trenker zur Verfügung - und die Worte legt ihm ein gewisser Pier Paolo Pasolini in den Mund. Wie das geht …?
Bis dahin: Ciao amici!

Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen
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