Stories_Claudia Sikora im Interview

"Ich kenne keinen Autor, der sich nicht für talentiert hält"

Die Schriftstellerin Claudia Sikora spricht mit Martin Zellhofer über Talent, Inhalte, Geld, den Buchmarkt, Social Media und Schildbürger.    11.06.2018

"Ich kenne nichts auf der Welt, das eine solche Macht hat wie das Wort." (Emily Dickinson)

 

Du hast als Buchhändlerin beschlossen, Schriftstellerin zu werden, und deinen Job aufgegeben. Woher wußtest du, daß du Talent zum Schreiben hast?

Ich kenne keinen Autor, der sich nicht für talentiert hält. Vermutlich liegt das am Schreibzwang, der die Kolleginnen und Kollegen antreibt. Sie sind ausnahmslos davon überzeugt, mit ihren Büchern goldene Eier gelegt zu haben, egal, ob sie überheblich und selbstherrlich sind oder unsicher und schüchtern. Ein Buch, das gerade fertiggestellt wurde, ist für den schreibenden Menschen das Zentrum der Welt; für die Leser ist es bloß ein Buch. Ich glaube, ich habe mich aus demselben Grund bei meinem Debüt für talentiert gehalten.

 

Neben Talent braucht man auch eine einigermaßen stabile finanzielle Basis, die einen Ausstieg aus der geregelten Berufswelt und den Einstieg in eine schwer umkämpfte Branche ermöglicht. Geld spielte bei dir keine Rolle?

Natürlich spielt Geld eine Rolle. Der Einstieg in diese schwer umkämpfte Branche hat mich zunächst schlaflose Nächte gekostet. Ich hatte allerdings Glück und erhielt von der Literar-Mechana ein Jahresstipendium und vom Kulturministerium eine Debütprämie.

 

Muß man dafür eine Leistung nachweisen?

Ja, man muß bei den betreffenden Stellen (Ministerium, Stadt Wien, Bundesland etc.) um Förderung ansuchen und die verlangte Anzahl Manuskriptseiten mitschicken. Manchmal wird ein Vorvertrag mit dem Verlag verlangt oder die schriftliche Zusage des Verlegers, das Buch zu publizieren.

 

Sehr viele Autoren scheitern am Finden eines Verlags, du bist mit deiner Erstveröffentlichung "Der Rittmeister" (2011) beim renommierten Wieser-Verlag gelandet. Wie gestaltete sich die Suche nach dem Verlag?

Ein Kollege, der bei Wieser veröffentlicht, hat dem Verleger Lojze Wieser mein Manuskript geschickt. Ich glaube, ohne persönliche Empfehlung wird´s schwer.

 

In "Der Rittmeister" geht es um eine Familiengeschichte mit dunklen Seiten, um Kriegsverbrechen, widerständige Handlungen und Mord. Woher hast du den Stoff?

Meine väterlichen Großeltern waren während der Nazizeit Täter. Die mütterlichen Großeltern haben ihre jüdischen Freunde vor den Mördern versteckt. Um es drastisch zu formulieren: Ich stamme von Verbrechern und von hochcouragierten Humanisten ab. Daß ich eine von vielen in meiner Generation bin, die solche Vorfahren hat, erschien mir wichtig und wert, daraus eine Geschichte zu machen, in der die Konsequenzen von historischen und politischen Ereignissen bis heute wirken und unser privates Leben beeinflussen.

Woher ich den gesamten Stoff habe, weiß ich nicht. Ich habe das Geschriebene jedenfalls nicht erlebt. Was ich aber als Kind meiner Generation (ich bin 1964 geboren) besonders zur jener Zeit, als Waldheim Bundespräsident wurde, verstärkt wahrgenommen habe, war das gespenstische Phänomen, daß viele als massiv antifaschistisch auftretende Menschen in meinem Umfeld über die alten Nazis und Mitläufer geflucht, ihnen Verschleierung und Schönreden der Vergangenheit vorgeworfen haben, gleichzeitig aber von ihren Eltern und Großeltern ungefragt und in vorauseilendem Gehorsam behauptet haben, sie hätten sich nichts zuschulden kommen lassen. Es hat schon die Generation der Täter mehrheitlich behauptet, nichts auf dem Kerbholz zu haben. Die nächste und übernächste Generation hat es - von den Alten übernommen - weiter behauptet. Dieses Phänomen wollte ich in einer literarischen Form ausdrücken.

 

Das Buch hat einen ziemlichen Sog entwickelt, war aber nicht ganz einfach zu lesen. Wäre dieser Stoff reißerisch aufbereitet nicht besser am Markt zu plazieren?

Mit Sicherheit. Ich hätte auch keine Hemmungen, reißerischer oder marktkonform zu schreiben, das ist aber keine Frage der Entscheidung. Ich kann nur schreiben, wie ich schreibend gestrickt bin. Die Geschichte entsteht beim Schreiben nicht durch absichtsvolle Einflußnahme. Die Handlung so oder anders hinbiegen zu wollen, funktioniert nicht. Das habe ich schon ausprobiert, und es ist mir mißlungen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin nur ein Medium, durch das die Geschichte - eben das Buch - geschrieben wird. Das klingt esoterisch, ist aber keinesfalls esoterisch gemeint. Welches Wirkungsgesetz dahinter ist, weiß ich nicht, womöglich die persönliche Begrenztheit.

 

Was macht denn für dich eine gute Geschichte aus? Was ist dir in deinen Büchern wichtig?

Wichtig erscheint mir, daß bei allem, was ich ausdrücken möchte, nie die Welt vergessen werden soll und darf - das Weltgeschehen, die historischen und aktuellen politischen Ereignisse und Zwischenmenschliches auf einem möglichst allgemeingültigen Niveau. Ein Autor, der nur über sich und seine Befindlichkeiten schreibt, setzt sich über seine Leser hinweg und schließt sie aus. Ich muß mich als Autorin immer wieder fragen: Interessiert das nur mich oder sind andere Menschen von diesem Phänomen auch betroffen? Ich versuche ständig, mir diese Frage zu beantworten; ob es mir gelingt, müssen andere beurteilen. Und ich möchte in einer klaren, einfachen Sprache schreiben, als wäre mein Buch ein Film.

 

Wie lange arbeitest du an einem Buch?

Unterschiedlich, das hängt von den Recherchen ab, die nötig sind, sei es das genaue Nachlesen der griechischen Mythologie für den "Rittmeister" (da hilft kein Internet) oder die Biographie Echnatons und die Berichterstattung über die Revolutionen im arabischen Raum, die Entstehungsgeschichte des Staates Israel etc. Es hängt aber auch davon ab, wie viel Zeit die Lohnarbeit beansprucht.

 

Du hinterläßt im Internet kaum Spuren, betreibst keinen Social-Media-Kanal. Digitale Selbstvermarktung ist für Autoren doch unerläßlich - oder nicht?

Ich habe mehrmals darüber nachgedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß nicht alle mögen werden, wie ich mich als Autorin zu Weltpolitik und Austropolitik verhalte. Ich möchte mich und meine Privatheit schützen, mehr noch meine Familie. Dabei bleibt genug digitaler und öffentlicher Raum, mich zu kritisieren oder meinetwegen böswillig über mich herzuziehen. Eine Erweiterung dieses Raums will ich nicht zulassen. Nebenbei ist die Betreuung eines Social-Media-Kanals zeitaufwendig, und ich sitze ohnehin schon viele Stunden am Tag an dieser elektronischen Kiste.

 

In deinem zweiten Buch "Echnatons Frühling" (2015) geht es um eine Frau, die via Fernsehen mit dem Arabischen Frühling mitfiebert, während sie zu Hause in der Provinz Korrekturarbeiten für eine Lokalzeitung erledigt und ihr Haus einzustürzen droht. Das ist aus deinem Leben gegriffen?

Der "Echnaton" ist insofern stark autobiographisch geprägt, da zu dem Zeitpunkt, als ich ein neues Buch über den Arabischen Frühling konzipiert habe, tatsächlich mein Haus wegen eines Wassereinbruchs in den Keller zu stürzen drohte und zunächst nicht klar war, ob ich nicht von heute auf morgen meine Existenz - also mein Zuhause - verliere. Sicherung und Renovierung des Hauses haben zwei Jahre in Anspruch genommen. Als die Situation unmittelbar nach dem Wassereinbruch dementsprechend bedrohlich war, habe ich versucht, an meinem Konzept weiterzuarbeiten und wußte nicht weiter; daher mein Versuch - und das war zunächst wirklich nur ein Versuch - dieses persönliche Ereignis mit dem aktuellen Geschehen in der arabischen Welt wie in einem Kaleidoskop zusammen aufzufächern. Ich wollte auf keinen Fall auf die arabischen Revolutionen verzichten und fand so die Möglichkeit, die allzu provinzielle Situation in einer niederösterreichischen Kleinstadt, in der ich mich befand, und das aktuelle Weltgeschehen zu konterkarieren. Erst so schrieb sich die Geschichte von selbst.

 

Den Bürgermeister des Ortes nennst du in der Geschichte "Schildbürgermeister". Keine Angst, daß der das liest und sich auf den Schlips getreten fühlt?

In meiner Geschichte ist von mehreren Schildbürgermeistern die Rede. Natürlich können diese Honoratioren, wie ich sie im Buch auch nenne, in die örtliche Buchhandlung gehen und dort meine Bücher kaufen. Ob bestimmte Leute, die mir für meinen "Echnaton" Modell gestanden haben, sich auf den Schlips getreten fühlen, hat mich bisher noch nicht beschäftigt. Ich werde jedenfalls noch gegrüßt. Und ab einem bestimmten Punkt des Entstehungsprozesses einer Geschichte kann man sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, ob man es allen Lesern recht macht. Wichtig erscheint mir beim Schreiben immer, die Leser, die mich nicht kennen, die keine autobiographischen Hintergründe feststellen können, nicht aus den Augen zu verlieren und mich zu fragen, ob das, was ich schreibe, allgemeinen Wert hat.

 

Blickt man in die Medien, scheinst du dir einen gewissen Stand erschrieben zu haben: Radio Ö1, die "Tiroler Tageszeitung", die "Presse" und die "Vorarlberger Nachrichten" haben deine Bücher besprochen. Eine Auszeichnung für dich und dein Schaffen?

Eine Auszeichnung insofern, als daß ich dabei denke: Ich habe mit diesen Büchern anderen etwas erzählen können - Geschichten. Die Arbeit hat sich ausgezahlt. Das Schlimmste wäre für mich, würde ich nur für mich schreiben.

 

Wie ist denn deine Wahrnehmung durch den Buchhandel? Greift der ordentlich zu, wenn ein neues Buch von dir erscheint?

Meine Verkaufszahlen sind laut letzter Abrechnung nicht überwältigend, aber auch nicht entmutigend.

 

Aber leben kannst du von den Autorenhonoraren nicht. Verdienst du tatsächlich Geld als Korrektorin einer Lokalzeitung?

Nein, ich arbeite nicht als Korrektorin für das hiesige Lokalblatt, sondern mache diverse Arbeiten für meinen Verlag, um Geld zu verdienen. Von Autorenhonoraren können auch namhaftere Autoren nicht leben.

 

Ende 2017 ist dein drittes Buch, "Liebesbriefe aus Tel Aviv", erschienen. Worum geht es da?

Maria findet bei Renovierungsarbeiten in einem verwahrlosten Haus in der Provinz, das ihr Mann gekauft hat, die Liebesbriefe Adi Wieners an Therese Leythen, eine verarmte Aristokratin, die ihn, einen jüdischen Kommunisten, erst vor den Heimwehrmännern der austrofaschistischen Diktatur versteckt hat und wenig später vor der Gestapo. Die Briefe wurden mehrheitlich im Gründungsjahr des Staates Israel, 1948, geschrieben. Adi Wiener wird im Mai 1945 von einem sowjetischen Offizier als Stadtpolizist eingesetzt und wegen seiner Russischkenntnisse als Dolmetsch. Als die Russen im Jahr darauf aus der Stadt abziehen, ist Wiener wider Erwarten nicht den Anfeindungen der ehemaligen Nazis ausgesetzt, sondern den Ressentiments der ehemaligen Vaterländischen. Er wird mehrmals zusammengeschlagen und faßt schweren Herzens den Beschluß, Therese zu verlassen und nach Palästina zu gehen. Eine generationsübergreifende Geschichte beginnt ...

 

Letzte Runde: Was soll dir deine schriftstellerische Zukunft bringen?

Ich möchte, daß es mir gelingt, Zeitdokumente zu hinterlassen, wie beispielsweise eine europäische Wahrnehmung der aktuellen Ereignisse zur Zeit des Arabischen Frühlings im Fall des "Echnaton", oder die Darstellung des langen Arms der ständestaatlichen Diktatur, dem sich die Menschen auch noch 2017, 2018 nicht entziehen können - und eine mögliche heutige Sicht auf die Entstehungsgeschichte Israels mit "Liebesbriefe aus Tel Aviv".

Und ich will nicht jammern, wenn die Kritik mich hart behandelt, und nicht eingebildet werden, wenn sie mich lobt. Es wäre wünschenswert, nicht an goldene Eier zu glauben.

Martin Zellhofer

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