Stories_Cannes 2016

Viel Lärm um wenig

Unser Festival-Korrespondent Michael Kienzl ist aus Cannes zurückgekommen und liefert eine Bestandsaufnahme zu übergangenen Filmperlen und gepflegten Langeweilern - von Paul Verhoeven bis Cristian Mungiu.    06.06.2016

Die Filmfestspiele in Cannes endeten ernüchternd. Wer den diesjährigen Wettbewerb verfolgt hatte, bekam den Mund während der Preisverleihung gar nicht mehr zu. Entweder hatte die Jury um George Miller den perfekten Riecher für die langweiligsten Filme, oder es wurden einfach alle spannenden Beiträge zugunsten fauler Kompromißentscheidungen ausgeschlossen. Wenn Regisseure wie der ewige Sozialpädagoge Ken Loach, der Videoclip-Hipster Xavier Dolan oder der zwar grundsätzlich interessante, aber gern mit billigen dramaturgischen Tricks jonglierende Asghar Farhadi ausgezeichnet werden, fühlt man sich versucht, Cannes eine dunkle Zukunft zu prophezeien. Die Jury-Entscheidung wirkt wie das Statement für ein Kino, das - wahlweise oder in Kombination - ein ehrenwertes Thema aufgreift, brav inszeniert ist und in erster Linie auf schauspielerische Darbietungen setzt.

 

Dabei war gerade dieser Jahrgang ein ausgesprochen guter. Liefen die besseren Filme in letzter Zeit meist in den Nebensektionen, so wurde der Wettbewerb diesmal endlich wieder zum Zentrum des Festivals. Mit Neuentdeckungen gelang das Festivalleiter Thierry Frémaux freilich wieder nicht. Seine Strategie, um von dieser Tatsache abzulenken, ist allerdings nicht ungeschickt: Er wählt einfach Regisseure aus, die sich schon auf anderen Festivals oder in kleineren Reihen bewährt haben und nimmt sie mit gönnerhafter Geste in die erste Kinoliga auf. So konnte man sich heuer etwa darüber freuen, daß die schönen neuen Arbeiten von Alain Guiraudie und Kleber Mendonça Filho gezeigt wurden - oder sich darüber wundern, warum die noch weitaus stärkeren Filme, die besagte Regisseure vorher gedreht haben, eigentlich nicht im Wettbewerb liefen.

Stattdessen konzentrierte sich Frémaux auf das, was er besser beherrscht als seine Kollegen in Venedig, Berlin und Locarno: die großen und ganz großen Namen des internationalen Autorenkinos zu versammeln. So waren in diesem Jahr unter anderem Bruno Dumont, Jeff Nichols, Nicolas Winding Refn, Andrea Arnold oder die Dardenne-Brüder mit dabei. Traurig ist eben nur, daß die außergewöhnlichsten Filme fast durch die Bank leer ausgingen. Einzig Olivier Assayas verqueren Geisterfilm "Personal Shopper", der bei seiner Pressevorführung zu Unrecht ausgebuht wurde, hat die Jury bedacht. Da sich Assayas die Auszeichnung für die beste Regie aber ausgerechnet mit der moralinsauren Spaßbremse Cristian Mungiu ("Bacalaureat") teilen mußte, war selbst dieser Preis für die Katz.

 

Unberücksichtigt blieb dagegen Mungius Landsmann Cristi Puiu, der einen schnell davon überzeugte, daß er der deutlich interessantere rumänische Filmemacher ist. Sein fast dreistündiger "Sieranevada" dreht sich um eine Totenfeier, bei der nicht nur verschiedene Generationen aufeinandertreffen, sondern auch unterschiedliche Mentalitäten und Weltanschauungen. Schon bald beginnen die ersten Streitgespräche, und auch die ersten Tränen fließen. Die vermeintlich harmlose Oma hält plötzlich eine feurige Rede über die Errungenschaften der Kommunisten, die gehörnte Tante packt ihre Ehekrise auf den Tisch, und der Neffe verbreitet seine Verschwörungstheorien über den 11. September. Während man ähnliches Konfliktpotenzial in zahlreichen bürgerlichen Familiendramen findet, zeichnet sich "Sieranevada" dadurch aus, daß er seine Erzählstränge nicht in ein herkömmliches dramaturgisches Korsett zwängt, sondern sie frei wuchern läßt. Der Film mag seine Längen haben, wirkt aber selbst in seinen beiläufigsten Momenten nicht beliebig. Zwischen abrupten Kameraschwenks und knallenden Türen offenbart sich eine Gesellschaft, die immer noch zerrissen ist zwischen ihrer sozialistischen Vergangenheit und einer westlich geprägten Moderne.

 

Ebenfalls bei der Preisverleihung übergangen wurde Maren Ades "Toni Erdmann", der während des Festivals zu den unbestrittenen Favoriten zählte. Mit ihren ersten beiden Filmen "Der Wald vor lauter Bäumen" und "Alle Anderen" bewies Ade ein Faible für die Tragik nervtötender Figuren und das genüßliche Auskosten peinlicher Situationen.

"Toni Erdmann" schließt gewissermaßen daran an, ist aber weitaus raffinierter konstruiert. Auf dem Papier liest sich die Handlung wie ein austauschbares Vater-Tochter-Drama: Es geht um die unterkühlte Beziehung zwischen der gestreßten Karrierefrau Ines (Sandra Hüller) und dem Alt-68er Winfried (Peter Simonischek). Daß der Film von der langsamen und mühevollen Annäherung zwischen den beiden erzählt, dabei aber nie ins Sentimentale kippt, hat er nicht nur seinem trockenen Humor zu verdanken, sondern auch einem einfachen Trick. Als der immer zu Scherzen aufgelegte Winfried seine Tochter in Bukarest besucht, verwandelt er sich in die Kunstfigur Toni Erdmann und bringt so das geordnete Leben von Ines gehörig durcheinander. Da fast der gesamte Film auf dieser spielerischen Ebene stattfindet, werden therapeutische Gespräche kunstvoll umgangen. Und jedes Mal, wenn "Toni Erdmann" droht, auf der Stelle zu treten, überrascht uns Ade mit einem neuen Einfall: einer ekstatischen Song-Darbietung, einem befremdlichen Plüschkostüm oder einer spontanen Nacktparty. Dabei sind diese Momente nicht nur bloße Effekte, sondern entwickeln sich plausibel aus den Figuren und all ihren Nöten und Zwängen.

 

Bemerkenswert sind Filme wie "Sierranevada" und "Toni Erdmann", weil sie zwar ganz klassisch Geschichten erzählen wollen, dabei aber immer wieder herumprobieren und in Frage stellen. Wirkliche Grenzüberschreitungen scheint man im Wettbewerb ohnehin nicht mehr zu finden. Warum laufen zum Beispiel die neuen Filme von wagemutigeren, aber durchaus renommierten Regisseuren wie Paul Vecchiali, Rithy Panh oder Albert Serra außer Konkurrenz? Frémaux argumentiert gerne damit, daß solche Filme einfach nicht gut genug waren, aber das ist natürlich Blödsinn.

Gerade Serras "The Death of Louis XIV" hätte sehr wohl das Zeug gehabt, auch auf großer Bühne zu überzeugen. Nicht zuletzt wegen Kino-Altstar Jean-Pierre Léaud, der hier mit nach unten hängenden Mundwinkeln und schwerem Atem den dahinsiechenden Sonnenkönig gibt. Auf gewohnt unaufgeregte Weise versammelt der spanische Regisseur hier Alltägliches aus den letzten Tagen seines Titelhelden. Im Mittelpunkt steht dabei keine herkömmliche Handlung, sondern es werden die längst zur Parodie gewordenen Rituale eines im Verfall befindlichen Adels gezeigt. Wenn Léaud mit seiner gigantischen Perücke zu kämpfen hat, während eines Hustenanfalls nur Wasser aus einem Kristallbecher trinken möchte oder von seinen Bediensteten frenetisch beklatscht wird, weil er gerade ein Frühstücksei verspeist hat, dann ist das nicht nur absurd, sondern auch saukomisch. Da stellt sich natürlich die Frage, warum Frémaux sich so einen - zwar streckenweise enervierend undramatischen - aber letztlich doch auf sehr sympathische Weise eigensinnigen Film für seinen Wettbewerb entgehen läßt. Vielleicht ist Cannes dafür zu angepaßt. Die Gefahr, es sich wegen eines solchen filmischen Schabernacks mit der nicht unbeträchtlichen Anzahl an konservativen Filmkritikern zu verscherzen, dürfte durchaus gegeben sein.

 

Auch auf der anderen Seite des filmischen Spektrums stehen dem Festival seine etwas altmodischen Vorstellungen von Kunst im Weg. So wäre es zwar falsch zu sagen, populäres Kino hätte in Cannes keinen Platz - wenn jedoch einmal entsprechende Filme im Wettbewerb laufen, muß der Name des Regisseurs im Vordergrund stehen und nicht das Genre, das er bedient. So wie bei Paul Verhoeven, der mit seinem neuen Film "Elle" eine triumphierende Rückkehr zu düsteren Erotik-Thrillern wie "Der vierte Mann" und "Basic Instinct" feiert. Isabelle Huppert - die es sich anscheinend zum Hobby gemacht hat, mit jedem Regisseur von Rang und Namen mindestens einen Film gedreht zu haben - läßt sich darin als knallharte Chefin eines Videospielunternehmens auf ein perverses Rollenspiel mit einem Vergewaltiger ein. Wie souverän Verhoeven sich diesem spannenden Kräftemessen widmet und nebenbei noch eine bitterböse Gesellschaftssatire inszeniert, das zeigt, daß er längst in seiner ganz eigenen Liga spielt. Man kann nur hoffen, daß von dem holländischen Regisseur, um den es in letzter Zeit sehr still geworden ist, auch in Zukunft wieder mehr zu sehen geben wird.

 

Im Vergleich zu Verhoeven ist der Südkoreaner Na Hong-jin ein eher klassischer Genre-Regisseur ohne eine allzu prägnante persönliche Handschrift. Nachdem er sich mit knallharten Thrillern wie "The Chaser" und "The Yellow Sea" einen Namen gemacht hat, widmet er sich in seinem ebenso epischen wie wahnwitzigen neuen Film "The Wailing" einer übersinnlichen Bedrohung. Was als überdrehte Polizeikomödie beginnt, entwickelt sich über ungeahnte Wege zu einem wilden Horrortrip, bei dem sämtliche Schranken fallen. Ging es zunächst noch um Paraonia in der Provinz und rassistische Vorurteile, haben wir es bald schon mit Exorzismen und Zombies zu tun. Die Eleganz, mit der Na effektvolles Jahrmarktskino mit gesellschaftlichen Subtexten verknüpft, hätte den meisten Wettbewerbsbeiträgen locker das Wasser reichen können. Trotzdem wurde "The Wailing" in eine undankbare Nebensektion abgeschoben.

Doch vermutlich ist es müßig, sich darin zu ergehen, was Cannes alles nicht ist - und vor allem ist es Jammern auf ziemlich hohem Niveau. Denn solange man sich damit abfindet, daß das Festival eben nur eine bestimmte Spielart des Kinos repräsentiert, kann man sich auch darüber freuen, daß man von dieser Spielart auch überwiegend das Beste zu sehen bekommt.

Eine zurechnungsfähige Jury wird man sich aber wohl noch wünschen dürfen.

Michael Kienzl

Festival de Cannes 2016


11. bis 22. Mai 2016

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