Stories_Kino-Bösewichte im Wandel

Introduce a little anarchy

Heath Ledgers eindrückliche Joker-Interpretation hat für eine Neuordnung innerhalb der Schurken-Hierarchie Hollywoods gesorgt. Auch Dietmar Wohlfart schätzt den dämonischen Schalk - und ortet einen Traditionsbruch.    19.12.2008

Ansichten eines Clowns

 

Das grell und schlampig geschminkte Narbengesicht erzählt einen Schwank aus seiner Kindheit. Es ruft einen gewalttätigen Vater, eine unterdrückte Mutter und ein wahrlich einschneidendes Erlebnis in Erinnerung, aus dem es selbst als irrsinniges Produkt einer kranken Gesellschaft hervorgegangen sein mag. Der skurril-beklemmende Abstecher an den vermeintlichen Punkt der einstigen Auslöschung im Jugendalter und bizarren Wiedergeburt als psychotischer Wiederholungs-Übeltäter in allen Verbrechensklassen ist nur eine von mehreren Versionen der eigenen Ursprünge, die der groteske Clownverschnitt im Verlauf des neuen Batman-Abenteuers "The Dark Knight" zum besten gibt.

Die wahre Identität und Biographie des Joker (Heath Ledger) bleiben jedoch ungeklärt, die späteren Erläuterungen zur eigenen Natur ("I´m a dog chasing cars") samt Tätigkeitsbeschreibung ("I´m an agent of chaos") fallen hingegen recht treffend aus. Der Spaßkriminelle der fiktiven Großstadtmetropole Gotham City präsentiert sich als Ausgeburt und Antwort auf den alltäglichen Wahnsinn einer "vernünftigen" Weltordnung. Keinerlei Regeln folgend, frei von sozialen oder gesellschaftlichen Verpflichtungen und immun gegen jedwede Art von außen herangetragener Verlockungen, existiert der Joker komplett abseits eines an sich schon bröckligen Wertesystems.

Die diabolische Schurkengestalt wird damit nicht nur zur ultimativen Nemesis des schwarzgewandeten Kreuzritters, sondern operiert auch abseits des gängigen Comic-Kanons. Antiheld Bruce "Batman" Wayne, obgleich selbst als Renegat der Gesellschaft von selbiger gejagt, gehorcht zumindest einigen unüberwindbaren moralischen Grundgesetzen, wird zudem von tief eingebrannten persönlichen Traumata in seinem gesamten Handeln beeinflußt und durch diese erst verwundbar - eine Schwäche, die ihn mit artverwandten Heldenkollegen und deren Dauergegenspielern verbindet. Die Figur des Psycho-Clowns ist insofern ein Paradoxon, als sie völlig losgelöst von menschlichem Antrieb oder auch nur dessen herabgewirtschafteten Resten agieren darf. Die Konzeption der Ledgerschen Joker-Variante ist deshalb auch ein Bruch mit althergebrachten (Film-)Traditionen.

 

"You know, I just do things."

 

Gerade die allseits bekannten Schwachstellen der kostümierten Halbgötter und ihrer schicksalhaft verbundenen kriminellen Gegenpole dienten bislang als ergänzende und komplettierende Identifikationsmerkmale und schufen eine Verbindung zu ihren sterblichen Schutzbefohlenen respektive Opfern. Nicht wegzudenken sind jene Achillesfersen, die ihre Träger dem gemeinen Lohnerwerbs-Menschsein ein klein wenig näherbringen; beispielsweise Kryptonit (das effektivste Mittel gegen den fast allmächtigen Superman), die ihn selbst gefährdende zwanghafte Rätselverliebtheit des Riddler oder die pathologische Entschlußunfähigkeit von Harvey "Two-Face" Dent. Genau wie ihre Spezialtalente dienen diese fundamentalen Makel auch als liebgewonnene Erkennungsmerkmale von Heroen und Bösewichten.

Auf Christopher Nolans Joker ist dieses Grundprinzip des "sympathischen Gebrechens" nicht umlegbar. Ging Jack Nicholsons famose 89er-Version in Tim Burtons "Batman" noch aus einer, zwar im Grenzgebiet zum Irrsinn angesiedelten, in ihrer Gesamtheit aber dennoch konventionell operierenden Gangster-Größe hervor, existiert die Ledger-Ausgabe ohne Bezug zu einem zivilen Vorleben. Dieser Joker fällt in kein Schema und ist durch keinerlei "Vergangenheit" vorbelastet. Wie eine - vermeintlich hausgemachte - Naturkatastrophe sucht er die Menschheit heim, der die Zeit fehlt, sich auf einen Gegner vorzubereiten, der keine Schwächen offenbart und somit auch keine strategischen Abwehrmaßnahmen zuläßt. In den Comics (wie beispielsweise im wunderbaren "Arkham Asylum") gibt es diese Joker-Variante ja schon länger, was aber nicht zuletzt am Medium liegt: Abweichlerische Storylines sind da zu einem früheren Zeitpunkt möglich als im darauf - vergleichsweise behäbig - reagierenden Big-Budget-Kino.

 

In bester Gesellschaft

 

Der "Joker 2.0" begreift sich als anarchische Urgewalt, deren Präsenz nur durch sich selbst verständlich sein kann. Er tut Abscheuliches, weil er es eben kann. Dabei spielen private Ressentiments oder Vorlieben des selbsternannten "Agenten des Chaos" keinerlei Rolle. Bei der Suche nach einem geeigneten Druckmittel gegen den alptraumhaften Harlekin, der zwar ohne klar nachvollziehbares Motiv, jedoch niemals kopflos und mit chirurgischer Präzision zu handeln scheint, ist Gothams Paraderächer zum Scheitern verurteilt - einem solchen Gegner kann nur durch die Darbringung beträchtlicher privater Opfer begegnet werden.

Derlei Verluste verlangten bereits andere prominente "Bad Guys" zuvor ab. Doch gab es für den Helden stets mehr oder weniger klar erkennbare Motivationsherde und wunde Stellen, die attackierbar blieben. So waren einige der größten Verbrechergehirne der Filmgeschichte ihren Sehnsüchten, Grundsätzen und inneren Dämonen ausgeliefert: Für Stolz, Ehre und die geheiligte Familie ging Michael Corleone (Al Pacino in "The Godfather") über Leichen; seinen kalt eingespeisten Tötungsauftrag stellte Jim Camerons T-800 (Arnold Schwarzenegger in "Terminator") nie in Frage; unstillbarer Machtrausch entpuppte sich als Stolperstein für den greisen Kleinstadtyrannen Mr. Potter (Lionel Barrymore in "It´s A Wonderful Life") oder den aalglatten Börsenmanipulator Gordon Gekko (Michael Douglas in "Wall Street").

Selbst die eindeutig gestörten Vertreter des populären Schurkentums - mit dem Joker in einem filmgeschichtlichen Verwandtschaftsverhältnis verbunden - handelten nicht ohne Anlaßfall oder wurden zumindest von höheren Mächten vor sich hergetrieben: Ohne seine geliebte Mutter konnte Hitchcocks verhaltenskreativer Norman Bates (Anthony Perkins in "Psycho") nicht sein - er verschmolz mit der Persönlichkeit der Verblichenen und war fortan an das alte Horror-Herrenhaus gebunden. Von Rache getrieben, terrorisierte der anstaltsreife Gewaltverbrecher Max Cady (Robert De Niro auf den Spuren Robert Mitchums in "Cape Fear") die Familie seines Ex-Anwalts. Übernatürliches spielte sich hingegen in Stephen Kings verwunschenem Overlook Hotel ab: Uralte Mächte formierten sich neu und kontrollierten die Geschicke des Schriftstellers Jack Torrance (Jack Nicholson in "The Shining"), der schlußendlich vom biederen Romanautoren zum Axtmörder mutierte. Sich selbst als Werkzeug Gottes begreifend, orchestrierte David Finchers apokalyptischer Todesengel John Doe (Kevin Spacey in "Se7en") schließlich eine bestialische Serie von Bestrafungsmaßnahmen im tiefschwarzen Herzen einer namenlosen US-Metropole.

Wahrscheinlich steht Nolans Joker dem Anarcho-Unhold Alex De Large (Malcolm McDowell in "Clockwork Orange") noch am nächsten. Der jugendliche Unruhestifter bekämpfte das Establishment mit radikalsten Mitteln. Seine übersteigerte Unangepaßtheit stand in starrem Kontrast zu einem futuristischen Regime der kollektiven Maßregelung und Gleichschaltung; auch er wütete als entfesselte Kreatur eines mehr oder weniger hilflosen Systems.

 

Im Jahre 2003 veröffentlichte das American Film Institute (AFI) seine ultimativen "100 Heroes & Villains", eine Liste der signifikanten Saubermänner und Delinquenten der vergangenen 100 Kinojahre. Hier geben sich deren berüchtigtste Vertreter, von Hannibal Lecter über Darth Vader bis hin zu Captain Bligh, die Klinke in die Hand. Heath Ledgers Performance ist dazu prädestiniert, die bisherige Phalanx zu sprengen. Sein murmelnd-schmatzender Gänsehautauftritt wird uns noch über Jahre hinweg ein freudig-dreckiges Grinsen entlocken - und die teuflischen Bonmots des Joker werden zurecht ins kollektive Bewußtsein der globalen Popkultur einsickern.

Dietmar Wohlfart

The Dark Knight

Leserbewertung: (bewerten)

20th Century Fox (USA 2008)

DVD Region 2

ca. ca. 152 Min. + Zusatzmaterial., dt. Fassung oder engl. OF mit dt. UT (DD 5.1)

Features: zahlreiche Featurettes u. v. m.

Regie: Christopher Nolan

Darsteller: Christian Bale, Heath Ledger, Aaron Eckhart u. a.


 

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Video
The Secret Man

Überzeugungstäter

Vom mächtigen FBI-Mann zum sagenumwobenen Whistleblower: Liam Neeson begibt sich als historisch bedeutsames Informationsleck "Deep Throat" in einen unlösbaren Konflikt. Regisseur Peter Landesman porträtiert einen kühlen Loyalisten, der bewußt zwischen die Fronten gerät.  

Video
Borg/McEnroe - Duell zweier Gladiatoren

Schlag auf Schlag

"Borg/McEnroe" durchleuchtet einen der introvertiertesten Stars der modernen Sportgeschichte. Um einen Björn Borg zu entschlüsseln, muß das Feld eines chronisch unterrepräsentierten Sport-Subgenres bespielt werden - eine Herkulesaufgabe mit Sverrir Gudnason und Shia LaBeouf in den Hauptrollen.  

Stories
50 Jahre Columbo

Der Unverwüstliche

Vor 50 Jahren schrieb ein derangierter kleiner Mann mit Glasauge und Trenchcoat TV-Geschichte: Ab 1968 zermürbte der von Peter Falk verkörperte listige Frank Columbo 35 Jahre lang ganze Mörderscharen mit provokanter Hartnäckigkeit. Dietmar Wohlfart erinnert an die beliebte Krimiserie.  

Video
Aftermath

Schicksalsgefährten ohne Zukunft

Ein Flugzeugunglück gebiert zwei tragische Figuren und verbindet sie auf unheilvolle Weise. In Elliot Lesters "Aftermath" - einer schlicht formulierten, überraschungsarmen Meditation über Trauer und Wut - übt sich Arnold Schwarzenegger in vehementer Zurückhaltung.  

Video
I Am A Hero

Held des Tages

Ein gescheiterter Comic-Zeichner behauptet sich unbeholfen, aber tapfer in den Wirren einer Zombie-Epidemie. Shinsuke Satos Adaption des gleichnamigen Manga-Erfolgs "I Am A Hero" bietet Kurzweil und satte Splatter-Action auf japanischem Boden.  

Video
The Eyes Of My Mother

Augenauswischerei

Nicolas Pesces karges Horror-Kleinod "The Eyes Of My Mother" widmet sich voll und ganz den verstörenden Anwandlungen seiner traumatisierten Hauptfigur, hat dabei aber außer stilvoller Schwarzweißoptik wenig zu bieten.