Stories_E. Barlow - Executive Outcomes: Against all Odds

Ein Krieger packt aus

Das Grauen ist allgegenwärtig, die Bestie Mensch hat selten Pause, und irgendwo auf der Welt wird gerade in diesem Moment jemand brutal massakriert. Daß man aus der Vergangenheit scheinbar nur dann etwas lernen soll, wenn es politischen Interessen dient, ist leider nichts Neues. Bei der Lektüre von Eeben Barlows Geschichte von Executive Outcomes stellt es einem trotzdem die Nackenhaare auf.    21.03.2008

Stellen Sie sich folgende Situation vor, die seit den 90er Jahren so oder ähnlich irgendwo in Afrika täglich passiert: Vor Ihnen steht eine Horde Nackter mit Macheten und Kalaschnikows. Einige haben sich Halloween-Horrormasken übergezogen, andere Frauenperücken. Nicht alle sind nackt, manche tragen Brautkleider, andere Markenjeans, einige sind barfuß, andere haben Gummistiefel oder nagelneue Nikes an. Aber alle tragen sie abgeschnittene Ohren, Ketten aus Menschenzähnen und -nasen oder anderen Ju-ju-Krempel, sind von Ganja, Palmwein und Kokain zu bis über die Haarspitzen. Einige sind vielleicht gerade einmal zwölf Jahre alt und haben völlig kalte, erbarmungslose Augen.

Diese wild grölenden Freaks haben gerade Ihren Bruder dazu gezwungen, Ihre Mutter zu vergewaltigen, Ihrem Vater die Arme abgehackt und Ihre Schwester einer Massenvergewaltigung zugeführt. Ihrer schwangeren Tante haben sie den Fötus aus dem Leib geschnitten und zuvor johlend auf das Geschlecht des Babys gewettet. Ihrem Onkel haben Sie die Geschlechtsteile abgeschnitten, ihn damit erstickt und ihm anschließend den Kopf abgehackt, dem Ihre Großmutter jetzt die Brust geben soll. Ihre Freunde mußten Zettel vom Boden auflesen, auf denen geschrieben stand, welche barbarische Tötungsart sie gerade in der Lotterie gewonnen haben.

Links neben Ihnen steht Eeben Barlow mit ein paar Leuten der privaten Militärfirma Executive Outcomes. Sie haben ihre MPs entsichert und könnten dem Schrecken sofort ein Ende machen. Rechts neben Ihnen steht ein verschlagener Karnevalsclown in UNO-Uniform mit ein paar hundert Leuten. Der Clown hat Ihnen bereits Ihr Geld abgenommen und wartet mit seiner betrunkenen Mannschaft darauf, daß er bei den weiteren Vergewaltigungen zum Zug kommt. Barlow und seine Leute würden 31 Millionen Dollar im Jahr kosten, die Sie aber gestundet bekommen und durch Schürflizenzen in Ihren Diamantenminen absichern. Die UNO-Clowns kosten die Weltgemeinschaft - und damit jeden deutschen und österreichischen Steuerzahler, der kein Konto in Liechtenstein hat - 600 Millionen Dollar im Jahr. Außerdem plündern sie bei jeder Gelegenheit und schicken die aus Ihrem Haus rausgerissene Badewanne nach Hause, wo keiner weiß, wofür die gut sein soll - nicht mal, um Regenwasser aufzufangen, da sie ein Loch hat.


An wen würden Sie sich um Hilfe wenden?

Natürlich an Barlow und seine wütenden Männer, die es gar nicht abwarten können, diesen Abschaum in die Hölle zu ballern.

Doch just in diesem Moment kommt Bill Clinton, der Erfinder des sexlosen Oralverkehrs und des nicht inhalierten Joints, zusammen mit dem Präsidenten der Weltbank vorbei und sagt Ihnen, Sie dürften sich auf keinen Fall mit dem Südafrikaner Barlow und seiner Söldnerclique einlassen, weil es sonst kein Geld mehr für unbrauchbare Waffen gibt. Sie sollen sich stattdessen gefälligst an den UNO-Clown wenden. Der wird schon dafür sorgen, daß die bösen Buben sowas nicht mehr öfter als einmal die Woche veranstalten. Eine befriedigende Lösung - und Präsident Bill ruft den bösen Jungs noch zu: "Wenn ihr damit nicht bald aufhört, schicke ich noch mehr UNO-Clowns, die auch was von eurem Kuchen abhaben wollen. Und außerdem liefere ich euren Feinden keine Waffen mehr. Dann könnt ihr sie ihnen nicht mehr abnehmen und müßt sie mit euren Blutdiamanten bei meinen Freunden teuer einkaufen."

1995 stand Sierra Leone am Abgrund. Jahrelange Bürgerkriege hier und im Nachbarland Liberia hatten die Weltöffentlichkeit mit unvorstellbaren Greueln versorgt. Zum Glück guckte aber niemand richtig hin. Da konnte man ja auch nur mit den Schultern zucken, da Kannibalismus und Verstümmelung eben zur Folklore der Bimbos gehören ... Solange die Rohstoffe günstig und regelmäßig fließen, ist das alles kein Problem. In Ruanda hatte der amerikanische Präsident Clinton ja erfolgreich ein UN-Mandat verhindert. Die alte Hexe Albright hatte sich - ganz im Sinne ihres Meisters, der garantiert nicht der Laufbursche Clinton war - geweigert, von Völkermord zu reden (dann hätte nämlich die Weltgemeinschaft eingreifen müssen), sondern von der "Wiederaufnahme von Kampfhandlungen". Da auf dem Bimbokontinent sowieso nicht viele Konsumgüter abzusetzen waren (ganz im Gegenteil zum Balkan), konnte man sich auf die Sicherung der - wie so schön heißt - "natürlichen Ressourcen" konzentrieren.

Barlow und seine Leute (70 Prozent davon Schwarze) waren ein bißchen blöde, kapierten das Spiel nicht richtig und fühlten sich auch noch als Afrikaner, nur weil sie auf diesem Kontinent geboren wurden und teilweise in fünfter und sechster Generation hier lebten. Zuvor waren sie Angehörige der Streitmächte des Apartheid-Staats Südafrika gewesen. Dann hatte man sie rausgeschmissen, was verständlich war - auch für Barlow. Statt aber Coups abzuziehen und sich in die Dienste blutrünstiger Konzerne zu stellen, gründete Barlow die "Söldner"-Firma Executive Outcomes, die ihre Dienste nur an von der Weltgemeinschaft legitimierte Regierungen (was immer das auch bedeutet) vermietete.

 

In allergrößter Not wandte sich der Präsident von Sierra Leone, der gerade Kalif an Stelle des Kalifen geworden war, an Barlow. Die brutalen Rebellen der Revolutionary United Front (RUF) unter Führung des in Libyen ausgebildeten Schlächters Forday Sankoh, hatten fast das ganze Land, das kleiner ist als Bayern, erobert und standen vor der Hauptstadt Freetown, die sie dann 1999 einnahmen und ein Gemetzel veranstalteten, bei dem in wenigen Tagen 7000 Menschen getötet und unzählige verstümmelt wurden.

Man schloß ein paar Verträge ab, und Barlow organisierte in Windeseile den Einsatz von Executive Outcomes, die zuvor in Angola auf Seiten der kommunistischen Regierung die SWAPO-Guerrilla (die Barlow und seine Leute als Mitglieder der südafrikanischen Streitkräfte mit Unterstützung der USA noch ausgebildet hatten) niedergeworfen haben. Mit 250 Leuten jagte er innerhalb von drei Wochen mehr als 30.000 RUF-Rebellen an die Staatsgrenzen zurück, eroberte die Diamantenfelder und nahm der RUF damit ihre Einnahmequellen für neues Kriegswerkzeug. EO beendete das Abschlachten und brachte medizinische Versorgung und Lebensmittel ins Hinterland. Wo Barlows Männer auftauchten, begrüßten sie die Einheimischen mit Freudengesängen.

Die Presse der westlichen Industriestaaten schäumte vor Wut - bis auf wenige Ausnahmen: Kongo-Müller erhebe wieder seine häßliche Fratze. Weiße Rassisten hätten engagierten Freiheitskämpfern ihre schönen Diamantenfelder abgenommen, um sie nun selber auszubeuten. Und überhaupt: So ginge es ja gar nicht, daß da wieder Kolonialismus durch - schluck - weiße Söldner revitalisiert würde (kein Wort darüber, daß Barlows Truppe zum Großteil aus Schwarzen bestand). Das Gezeter der Medienkellner, die ihre fetten Ärsche fernab der Greuel in klimatisierten Hotels geparkt hatten und sich bei einer Krise von den Marines als erste ausfliegen ließen, zeigte Wirkung. Bill Clinton, der später sogar mit dem Verstümmler und Kannibalen Sankoh telefonierte, um ihm die Vizepräsidentschaft von Sierra Leone anzubieten, setzte die erstmals frei gewählte Regierung von Sierra Leone unter Druck: Executive Outcomes habe sofort zu verschwinden, sonst setze es was ... Kaum waren Barlow und seine Jungs rausgeschmissen, kehrten die Rebellen zurück, und das Massakrieren fing von vorne an - aus purer Wut über ihre Niederlage jetzt noch einen Zacken schärfer.

Executive Outcomes wandte sich neuen Aufgaben zu, mal mehr, mal weniger erfolgreich - aber immer begleitet von einem Medienecho, das Barlow gehörig zusetzte. Nie recherchierten die angeblichen Journalisten, stattdessen gab es nur Gesinnungsgeschwafel über böse weiße Söldner. Beifall kam nur von der falschen Seite, von Faschisten, die sich bei Executive Outcomes bewarben und abgelehnt wurden. 1999 wurde EO aufgelöst. Im nachhinein hängte man der Firma an, sie sei die Blaupause für all die neuen privaten Militärfirmen, die täglich im Irak ihren Ruf ruinieren. Aber EO hatte nichts mit den amerikanischen Metzgereien zu tun.

Um mit den vielen Gemeinheiten, Lügen und falschen Behauptungen abzurechnen, hat sich Eeben Barlow hingesetzt und das voluminöse Buch "Executive Outcomes - Against all Odds" geschrieben. Es ist ein überaus sachliches Werk (auch wenn Barlows verständliche Wut auf die Journaille gelegentlich durchbricht), voller Dokumente und unglaublichem Detailreichtum. Es gibt darin keine billigen Schockeffekte, kein Ich-war-dabei-Pathos, nur Aufklärung. Das brutale Kriegsgeschehen wird nicht ausgespart, aber auch nicht als Splatter-Zeugs aufbereitet. Barlow stellt die Fakten klar. Und wer sich erhaben über sogenannte Verschwörungstheorien wähnt, sollte die hier geschilderten Hintergründe einmal genau studieren. Nur wenige Journalisten entschuldigten sich bei ihm für ihre ehrlosen Artikel.

Präsident Clinton entschuldigte sich jedoch nie bei den Bürgern von Sierra Leone, die Opfer der RUF wurden, nachdem er dafür gesorgt hatte, daß man die EO aus dem Land warf und die Massenmörder mit der Operation "No Living Thing" ihre "Kampfhandlungen wieder aufnahmen".

Seltsam? Aber so steht´s leider nicht nur geschrieben ...

Martin Compart

Eeben Barlow - Executive Outcomes: Against all Odds

ØØØØØ

(Photos © Galago)

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Galago (Johannesburg 2007)

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Kommentare_

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T. Krampitz - 13.09.2008 : 18.00
Die Rezension hat mich sehr angesprochen, vor allem, weil ich mich selbst für dieses Thema interessiere. Ich würde mir das Buch gerne kaufen, aber momentan ist es mir noch zu teuer.
Alex - 28.12.2008 : 09.10
Alles sehr gut und leider wahr.Nur in einem Punkt ist Ihnen ein
kleiner aber wichtiger Fehler unterlaufen:
EO bekämpfte in Angola die UNITA unter Jonas Savimbi,die sie
vorher als Mitglieder der südafrikanischen Streitkräfte unter-
stützt hatte,nicht sie SWAPO.Diese war eine kommunistisch
orientierte Terroristenbande,die das heutige Namibia heimsuchte und wurde von der angolanischen MPLA Regierung
unterstützt.
Vielen herzlichen Dank für Ihren Artikel,er beschreibt objektiv die Geschehnisse rund um den Einsatz von EO.

LG

Alex
martin compart - 28.12.2008 : 14.15
Sie haben natürlich recht.Da sind mir in der Hitze des Gefechts (der Artikel wurde ja nicht ohne Wut im Bauch geschrieben)die Abkürzungen durcheinander geraten. Danke für Korrektur und Kommentar.
nordglanz - 15.02.2013 : 13.17
Was wir hier lesen, ist eigentlich Aufgabe der multi-millionen schweren Medienkonzerne. Da diese es nun nicht für nötig halten, informative Artikel zu schreiben, ist es umso begrüßenswerter, dass Artikel wie dieser geschrieben werden. Sollte man sich entschließen, das Wort Journalist weiterhin positiv zu belegen, Leute wie der Author dieses Artikels wären die wahren Journalisten, nicht die Lakaien der großen medienkonzerne. Aber jouranlist ist sowieso ein scheißwort. Sollen die Mitläufer mit ihren dicken spesen-konten auf meistens sinnlosen weil wahrheitsverdrehenden auslandsreisen weiterhin journalisten sein, ein lügendes, bequemes, opportunistisches gesocks, verbreitung von relevanten informationen wäre demnach die anerkannte tätigkeit von BLOGGERN!

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