Stories_Flashman/Interview Bernd Kübler

Höret seine Heldentaten!

Hätten wir im EVOLVER eine Ruhmeshalle für fiktive Personen aus der Populärkultur, wäre George MacDonald Frasers Flashman ein eigenes Podest sicher. Martin Compart sprach mit Herausgeber Bernd Kübler über die Hörbuch-Adaptionen von Flashys Abenteuern.    01.02.2016

Für manche Dinge ist es im Leben wirklich nie zu spät - zum Beispiel, mit der Lektüre von George MacDonald Frasers Flashman-Romanen anzufangen. Warum Sie das dringend tun sollten, erfahren Sie hier, hier und hier. Und sollten Sie uns mit der Ausrede kommen, Sie hätten keine Zeit zum Lesen, dann besorgen Sie sich einfach die Hörbücher aus dem Kübler Verlag, um diversen U-Bahn- oder Autofahrten etwas mehr Sinn als nur den der Fortbewegung zu geben.

Wir übergeben an dieser Stelle das Wort an die Herren Compart und Kübler, die sich über die Herausforderung, einen der charmantesten Antihelden der modernen Literatur neu zu veröffentlichen, unterhalten haben. Viel Vergnügen!

 

In der Regel wird die Liebe zur Literatur in der Kindheit ausgelöst. Wie war das bei Ihnen ?

Aufgewachsen bin ich in der Adenauer-Ära, die man heute als langweilig, konservativ und duckmäuserisch bezeichnet. Dementsprechend interessierten mich fremde, exotische Welten, die nicht nur in der Science Fiction, sondern auch im Wildwestroman (so schien es mir damals) dargestellt wurden. Ergänzt wurde das durch die erratischen Stoffe in den Vorschlagsbänden eines Buchclubs (die Mitgliedschaft wurde meinen Eltern von einem tüchtigen Vertreter aufgeschwatzt - ich danke ihm noch heute dafür).

 

Ein Schwerpunkt des Verlags liegt auf historischen Stoffen, insbesondere Abenteuerromanen. Woher kommt das Interesse - und war das von Anfang an so geplant?

Heute ist die reale Welt wohl fremd und exotisch geworden. Vielleicht befriedigen gute historische Romane die Sehnsucht nach einer Welt, die noch überschaubar schien, wo uns die großen Ereignisse nicht mehr überraschen, da sie ja schon Vergangenheit sind und so einen ruhigen Hintergrund für die ewig menschlichen Probleme abgeben.

 

Mit der ungekürzten Neuübersetzung der Werke von Waltari veröffentlichen Sie ein höchst ehrgeiziges Projekt.

Waltaris "Michael der Finne" war seit den Tagen der Buchclub-Mitgliedschaft einer meiner Lieblingsromane, den ich so oft gelesen habe, daß ich einige Passagen schon fast auswendig aufsagen konnte. Im reiferen Alter erfuhr ich dann, daß dieses großartige Werk eine gekürzte Übersetzung war, in der ein Drittel des Inhaltes fehlte. Also bemühten wir uns um die deutschen Rechte einer neuen, ungekürzten Ausgabe. Diese erhielten wir nach fast zweijährigem Verhandeln, und wir haben zum Glück für uns und unsere Leser mit Andreas Ludden einen Herausgeber und Übersetzer gefunden, der als Sprachwissenschaftler - der lange in Finnland gelebt hat und ein ausgezeichneter Waltari-Kenner ist - genau der Experte ist, mit dem wir die Waltari-Reihe realisieren konnten.

 

Ich weiß, das sollte man einen Verleger nie fragen. Trotzdem: Gibt es Titel in Ihrem Programm, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Warum sollte man das nicht fragen? Mir liegen die meisten unserer Titel "besonders am Herzen". Was die Schönheit der Sprache betrifft, ist es unsere Ausgabe von "Salambo" von Gustave Flaubert, die auf der Übersetzung von Arthur Schurig basiert; ansonsten sind es Waltaris "Michael" und "Turms".

 

 

Welche Bedeutung hat für Ihren Verlag das Internet im Vergleich zum klassischen Buchhandel?

Den klassischen Buchhandel erreichen wir nur indirekt über den Großhandel. Amazon, soweit es (oder "er" oder "sie"?) physische Bücher verkauft, ist sicherlich auch "klassischer" Versandbuchhandel - und verkauft von unseren Titeln fast so viel wie der übrige Buchhandel. Ohne Amazon könnten wir nicht existieren. Mengenmäßig verkaufen wir mehr Bücher als E-Book denn als gedruckte Bücher.

 

Einige Verlage (speziell Lübbe) veröffentlichen Hörspielserien recht erfolgreich (Gruselkabinett, Edgar Allan Poe usw.). Wäre das auch für Sie interessant?

Das machen wir mit unseren Reihen; an Serien (eigenständige Werke, die ein gemeinsames Thema haben) haben wir unsere Krimi-Hörbuchserie. In dieser Richtung möchten wir weiter nach interessanten Stoffen suchen.

 

Wie beurteilen Sie den Hörbuchmarkt allgemein? Nach dem großen Boom, der ja auch mit einer riesigen Produktionswelle einherging, scheint der Markt rückläufig zu sein.

Der Hörbuchmarkt ist im Umbruch. Einmal technisch: Die physischen Tonträger werden zunehmend abgelöst durch die digitalen Vertriebsformen (Download). Damit verbunden gibt es eine Tendenz, Hörbücher billiger zu produzieren. Konkret erhalten wir von einem Download-Verkauf eines vielstündigen Hörbuches, das auf Audio-CDs einen Preis von 24,80 € hat, einen Erlös von nur ca. 2,- €! Da kommen einige (nicht alle) Verlage auf die Idee, bei der Produktion zu sparen. Die Sprechergagen sinken. Deshalb können sich die Sprecher nicht mehr gründlich auf die Lesung vorbereiten, sondern lesen praktisch prima vista. Man läßt den Tonredakteur weg. Man kürzt. Ganz schlimm (finden wir) ist die zunehmende Praxis, daß das Hörbuch auf Datenträger nur gekürzt angeboten wird und die vollständig Lesung per Download.

Ein kleiner Exkurs über eine Ideologie des Billigen: Vor einiger Zeit machte die Aussage die Runde, daß ein Hörbuch ohne dramatische Betonung, also "neutral" gelesen werden solle, damit sich die Handlung im Kopf des Zuhörers ohne Beeinflussung entfalten könne. Klingt im ersten Augenblick ganz gut ... aber würde dann dasselbe für einen Schauspieler, einen Sänger usw. gelten? Der Hintergrund ist natürlich, daß die Lesung ohne redaktionelle Begleitung, ohne gründliche Einarbeitung des Vortragenden zu einer billigeren Produktion führt.

Um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Der klassische Hörbuchmarkt ist sicher in einer tiefen Krise. Aber durch die Online-Angebote ist ein neuer Markt (oder besser: ein Marktsegment) entstanden, und es werden mehr Hörbücher gekauft und hoffentlich auch gehört als je zuvor. Wie sich die klassischen Hörbuchverlage verhalten, ob sie mit den bisherigen Geschäftsmodellen überleben können, weiß ich nicht.

 

Kommen wir zu "Flashman". Wie und wann sind Sie auf Flashy gestoßen?

Ich habe lange überlegt, aber ich weiß es nicht mehr. Ich habe nur noch in Erinnerung, daß mein "erster" Flashman englischsprachig war.

 

Was begeistert Sie an der Serie?

Alles. Der Plot, die Sprache, die Logik, das Ewiggültige ... Ich kenne keinen Autor, der so locker die Mißstände einer bestimmten Zeit zeigt, ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Der Kunstgriff, einen Feigling zum Protagonisten zu machen, der auch ein Lügner, Bigamist, Verschwender ist, läßt den Leser zwar oft um ihn bangen, doch eine Identifikation ist kaum möglich. Dadurch kann alles sehr zugespitzt und drastisch geschildert werden.

 

Wie stehen Sie zu dem Filmprojekt von Ridley Scott? Einige Fans sind ja der Meinung, er sei nicht der richtige Mann für dieses Projekt, da er als humorlos gilt.

Egal, wer Flashman verfilmt - er soll mir willkommen sein. Das ist allerdings noch lange nicht ausgemacht. Die Produzenten (Scott ist Regisseur und auch Produzent) kaufen alle möglichen Rechte, aus denen sie dann auswählen. Humorlos kann ein Flashman-Regisseur ruhig sein; Flashman ist nicht lustig, sondern sarkastisch.

 

Wird "Flashman" bei Ihnen komplett erscheinen?

Ja, alle zwölf Bände.

Martin Compart

George MacDonald Fraser - Flashman-Romane & -Hörbücher

ØØØØØ

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