Stories_Breslau: Kulturhauptstadt Europas 2016

"Du zeigen Hände!"

San Sebastian und Breslau sind 2016 die beiden Kulturhauptstädte Europas. Welche davon soll man besuchen? Die schnellste Verbindung mit dem Zug nach San Sebastian dauert 21 Stunden und 29 Minuten; nach Breslau ist man 7 Stunden und 9 Minuten unterwegs. Die Entscheidung fiel Martin Zellhofer leicht.    21.03.2016

Ich habe eine verschwommene Erinnerung an eine Zugfahrt von Wien nach Krakau im Februar 1994, knapp nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Essen im Speisewagen gab es zum Spottpreis. Viermal wurden unterwegs alle Passagiere von Zoll, Polizei und mitunter auch Spürhunden kontrolliert. Zuerst kamen die Österreicher, dann die Tschechen, dann wieder die Tschechen, dann die Polen. Im polnischen Streckenabschnitt wurde in den Sitzwagen via Lautsprecher sehr laut Popmusik abgespielt, im Hotel-Paykanal liefen - auch ohne zu bezahlen - rund um die Uhr kaum gepixelte Pornos.

Ich erinnere mich an eine spätere Zugfahrt nach Warschau, vor dem EU-Beitritt Polens. Der österreichische Kontrolleur war ein Arschloch: "Du zeigen Hände!" brüllte er uns an, als er die Abteiltür im Nachtzug aufriß. Die polnischen Mitreisenden, die alle fließend deutsch sprachen, erklärten mir nachher, daß die österreichische Polizei so überprüfen wolle, wer illegal in Österreich arbeitet. Schwielen an den Händen würden darauf hinweisen. Ich habe mich so geniert ...

Warschau war damals noch kaum auf Individualtourismus eingestellt, und die wenigen Hotels für internationale Geschäftsreisende waren uns als Studenten zu teuer. Am Bahnhof ließen wir uns daher von einem alten Ehepaar mitnehmen, das eines seiner zwei Zimmer im Plattenbau vermietete. Küche und Badewanne befanden sich im Vorzimmer, den Badebereich konnte man mittels Vorhang blickdicht machen. 

Ich erinnere mich auch noch an eine dritte Fahrt in das damals bereits der EU beigetretene Polen: Der polnische Speisewagen war eine Ostalgie-Zeitmaschine, die gesamte Einrichtung museumsreif, der Kaffee schlecht. Der Lokwechsel an der österreichisch-tschechischen Grenze bedingte einen langen Aufenthalt; ohne Lokomotive funktionierte die Heizung nicht, es wurde eiskalt im Zug.

 

2015 ist alles anders: Der EC 104 Wien – Gdynia (an der Ostsee) führt einen modernen Speisewagen, der Ost-Charme ist verschwunden, so günstig wie früher ißt man längst nicht mehr, aber die Preise sind immer noch sehr verträglich, der Kaffee tadellos. Es gibt keine Grenzkontrollen, keine Hunde, keinen Lokwechsel. Alles perfekt? Mitnichten: Kaum sind wir in Polen, quält sich der Zug im Stop-and-go-Modus mit höchstens 40 bis 60 km/h dahin. Was wir zuerst für einen Zufall halten, bestätigt sich bei genauerem Hinsehen. Der Zug bremst und pfeift vor jedem Bahnübergang, die allesamt ohne Schrankenanlage sind! Wir befinden uns auf einer internationalen Hauptstrecke - das ist absurd. Mit 30 Minuten Verspätung erreichen wir unseren Umsteigebahnhof.

Im Anschlußzug nach Breslau sind die Abteile noch mit je acht Plätzen ausgestattet, das findet man mittlerweile selten in Europa. Wir sehen brachliegende Industrie und brachliegende Eisenbahninfrastruktur. Ein verlassenes Bahnwerk ist sogar noch auf deutsch beschriftet. Bis 1945 war Schlesien, das wir durchfahren, Teil des Deutschen Reichs. Diese Ruine scheint seit 70 Jahren zu verfallen.

 

Breslau war im Mittelalter polnisch, dann Teil Böhmens, zeitweise unter ungarischer Herrschaft, später Teil der Habsburger-Monarchie, dann Teil Preußens, des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik und bis Ende 1945 Teil des nächsten Deutschen Reiches. Seither gehört es zu Polen.

Breslaus Geschichte war vor allem im 20. Jahrhundert voller Tragik. Ab 1933 kam es zur Verhaftung und Ermordung der Andersdenkenden und der jüdischen Bevölkerung, am Ende des Zweiten Weltkriegs zur Belagerung der Stadt, bei der zwei Drittel aller Gebäude zerstört wurden. 1945 erklärten die Nazis die Stadt nämlich zur "Festung" und begannen, die Zivilbevölkerung zu vertreiben. Auf den Bahnhöfen kam es zu Massenpaniken mit hunderten Toten, bei "Evakuierungsmärschen" starben Tausende. Die meisten erfroren. Vom 15. Februar bis zur Kapitulation am 6. Mai war die Stadt eingeschlossen. Die Zahl der toten Zivilisten geht in die Zehntausende. Nach dem Krieg folgten die Deportation der deutschen Bevölkerung, anhaltender Antisemitismus, Sozialismus und jahrzehntelanger Wiederaufbau. In den 1960ern gab es in der Stadt nach wie vor riesige Ruinenfelder und geräumte, aber leere Grundstücke. Noch in den Neunzigern fanden sich in der Innenstadt unbebaute Flächen ehemals im Krieg zerstörter Häuser. Seit der Wende erlebt die Stadt - vereinfacht erzählt - einen steten Aufschwung.

 

Pünktlich erreichen wir den enormen, 1904 im englischen Tudorstil umgestalteten, ockergelb leuchtenden und frisch renovierten Bahnhof von Breslau. Im Gegensatz zu den ehemaligen großen Wiener Bahnhöfen, von denen nach dem Krieg kein einziger mehr im Ursprungsstil wiederaufgebaut worden war, hat man sich hier sichtlich Mühe gegeben.

Wir starten unsere Besichtigungstour am Hauptplatz Rynek. Hier brodelt´s, man hört vor allem eine Menge deutschsprachige Touristen, Lingua franca ist Englisch. Kaum ein Haus oder Geschäft steht leer, alles ist voller Restaurants, Bars und Cafés - und hier im Zentrum bereits verhältnismäßig teuer.

Der Hauptplatz der rund 633.000 Einwohner zählenden Stadt mißt 212 mal 175 Meter. Da er mittig verbaut ist, kommen seine enormen Maße nicht vollständig zur Geltung. Es dominiert ein farbenprächtiger Stilmix, vor allem aus Gotik und Neogotik, Renaissance und Neorenaissance, Barock und Jugendstil. Man sollte immer bedenken, daß das meiste hier eine detailgetreue Rekonstruktion ist und nach 1945 wieder aufgebaut wurde. Dabei orientierte man sich mitunter nicht am stilistischen Letztstand der Gebäude vor deren Zerstörung, sondern bevorzugte beim Wiederaufbau ältere Stile. Ziel war es, dadurch die Spuren der deutsch geprägten Stadtgeschichte zu entfernen.

 

Einige Highlights der Innenstadt: Die Mitte des Rynek beherrscht das in verschiedenen Rottönen gehaltene gotische Rathaus. Das 1299 erstmals erwähnte Gebäude wurde eigentlich nie richtig fertig, sondern ständig erweitert, umgebaut, rückgebaut, zerstört und saniert (zuletzt bis 2002 das Traditions-Restaurant im Keller).

Breslaus zahlreiche Kirchen sind vornehmlich riesige gotische Backsteinbauten, von denen besonders die beiden Kirchen Maria Magdalena und die Elisabethkirche mit einem angenehm schlichten, in rot und weiß gehaltenen Inneren überzeugen. Ein weiterer schöner sakraler Bau ist die 1829 eröffnete, neoklassizistische Synagoge "Zum weißen Storch". Die Nationalsozialisten mißbrauchten sie als Autowerkstatt und Lager für Raubgut, den Hof als Sammelplatz für Deportationen. Nach 1945 diente sie wieder als Synagoge, doch fortwährender Antisemitismus zwang die jüdische Gemeinde 1968, die dortigen Gottesdienste zu beenden. In der Folge verfiel das Gebäude komplett. Ab 1996 wiederaufgebaut, fungiert es nun wieder als Synagoge (und Museum). 1923 lebten allein in Breslau rund 23.000 Juden. Heute zählt die jüdische Glaubensgemeinschaft in Breslau und Niederschlesien 300 Mitglieder.

 

Sehenswert sind auch die Relikte der Breslauer Moderne: 1929 bis 1931 entstand am Rynek ein zehnstöckiges Bankgebäude, das die meisten anderen Gebäude am Platz bei weitem überragt. Mit seiner grauen, glatten Fassade ist der funktionalistische Bau in der Masse an bunten, alten Stadthäusern sehr auffällig. Gleich anschließend entstand am Salzmarkt 1925 bis 1928 ein weiteres Gebäude im Stil des "Neue Bauens". Obwohl beide architektonische Aliens im Zentrum sind, fügen sie sich gut ins Gesamtensemble ein. Fast gleichzeitig wurde 1927 bis 1928 das ehemalige Kaufhaus Petersdorff errichtet, dessen runde, verglaste Erker ungewöhnlich aussehen. Mit seinen abgerundeten Ecken ist auch das denkmalgeschützte ehemalige Warenhaus Wertheim, zur Zeit seiner Erbauung 1928 bis 1930 das größte Kaufhaus der Stadt, sehr gelungen.

Und dann sind da noch die Bauten des sozialistischen Realismus der 1950er, der sich (allerdings nicht immer und überall) an lokalen, historischen Vorbildern orientierte; ein paar Jahre später war das "Zitieren" historischer Vorgängersubstanz dann verschwunden. So stehen zum Beispiel am Beginn der Ulica Świdnicka in den 50er Jahren errichtete Bauten, die - wenn auch baulich stark vereinfacht, aber sehr gefällig - an Vorbilder der Renaissance erinnern. Und die 1955 bis 1958 errichtete monumentale Wohnhausanlage rund um den Plac Tadeusza Kościuszki ist nicht schön, aber auch keinesfalls häßlich. Auch sie wirkt stilistisch deutlich älter.

 

Wer nach so viel Architektur entspannen will, geht in die Buchhandlung "Tajne Komplety" direkt am Rynek, mit ihrem guten Angebot an englischsprachigen Büchern. Es gibt auch eine Kiste voll deutschsprachiger Werke, zumeist übersetzte polnische Autoren. Ich habe hier die Krimiserie von Marek Krajewski entdeckt, der seinen selbst schwer kriminellen Kommissar Eberhard Mock im Breslau der 1930er und 40er ermitteln läßt. Das ist doppelt gut: Neben einer spannenden Krimihandlung verleiht die Tatsache, daß viele der handelnden, ungustiösen Mitglieder der SS und SA tatsächlich zu dieser Zeit in Breslau gelebt haben, der Story zusätzlich abartigen "Reiz".

Ein zweiter Tipp ist die Buchhandlung des Verlags Via Nova in der zentral gelegenen ul. Włodkowica 11. "Via Nova" hat auch auf deutsch eine Menge Reiseführer, historische Publikationen und Bildbände über die Stadt im Programm. Besonderen Eindruck hinterlassen jene, die die Zerstörungen 1945 und das Nachkriegs-Breslau zeigen. 

Wir mieten Räder und verlassen das Zentrum. Ein paar hundert Meter außerhalb sieht es schon nicht mehr so etepetete aus. Die Leerstände nehmen zu, die unrenovierten Bauten auch. Wir durchqueren schäbige Hinterhöfe voller Graffiti, durchstreifen auf den Abbruch wartende Gründerzeithäuserzeilen. Hin und wieder entdecken wir ein Prachtstück des sozialistischen Realismus der 1960er und 70er, manchmal abbruchreif.

Vor einem Geschäft spricht uns ein Einheimischer an, der in St. Anton am Arlberg als Physiotherapeut tätig ist. Er erzählt, daß man in Polen ungefähr 420 Euro Mindestlohn verdient. Das ist nicht viel, aber der Familienzusammenhalt sei in Polen viel besser als in Österreich oder Deutschland. "Die Alten sterben zu Hause." Die Familie wohnt auf engstem Raum, die Kinder bleiben lange bei ihren Eltern. Wer kann, vermietet in Breslau ein Zimmer an Studenten. Die EU finanziert hier sehr viel, sagt er, und langsam merke man auch einen Wandel zum Besseren.

 

Wir radeln weiter auf die Dominsel. Sie ist das älteste Siedlungsgebiet der Stadt und deren klerikales Zentrum. Wir sehen dort fünf Kirchen, fast nur kirchliche Einrichtungen, kaum Autos, keine Geschäfte. Die frühere von Seitenarmen der Oder umflossene Insel ist seit deren Zuschüttung keine Insel mehr, wird aber noch so genannt. Weitere Distanzen legen wir mit der Straßenbahn zurück. An vielen innerstädtischen Fahrscheinautomaten gibt es mehrsprachige Anleitungen; eine Einzelfahrt kostet umgerechnet 67 Cent.

Wir haben nur fünf Tage Zeit. Wir würden fünf Wochen brauchen, um uns einen halbwegs vernünftigen Überblick zu verschaffen. Gesehen haben sollte man ja auch die Jahrhunderthalle, die Werkbund-Siedlung, die Markthalle und die Museen …

Aber vielleicht nächstes Mal.

Martin Zellhofer (Text & Photos)

Kommentare_

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Karl Zellhofer - 21.03.2016 : 21.28
Ich war 1972 in Breslau, die Erinnerungen daran sind nahezu vollkommen verblasst. Im Gedächtnis blieb mir der Bahnhof - ich wähnte mich auf einem Bahnhof der deutschen Reichsbahn der Zwischenkriegszeit. Signale, Bahnsteige, Lokomotiven, Waggons, überhaupt das ganze Ambiente entsprach dem der 1930er/1940er Jahre. Es fehlten bloß die "Deutschen". Uralte Straßenbahnen rumpelten durch die Stadt. In Erinnerung blieben mir barocke Grabsteine an einer der historischen Kirchen, deren deutsche Inschriften herausgekratzt worden waren.
CarFreiTag - 04.07.2016 : 14.30
Ich war 2008 in Breslau. Hab - bis auf die ewig lange Zugfahrt dorthin - eigentlich nur gute Erinnerungen, auch wenn bis auf den Hauptplatz damals die Häuserreihen dahinter noch ziemlich vernachlässigt ausgesehen haben. Der Zoo und vor allem der botanische Garten waren sehr schön. Und die Zwerge überall. :)

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