Stories_LCD Soundsystem / DFA

Push Things Forward

James Murphy. Ein Name, der in den letzten Jahren häufig für höher schlagende Hipster-Herzen sorgte. Ob als Producer oder mit seinem Soloprojekt. Ganz nach dem Motto: Yeah Yeah Yeah!    28.02.2005

"Viele Menschen wissen gar nicht, was sie eigentlich alles anstellen könnten. Sie müßten sich nur trauen", gab James Murphy neulich in einem Interview mit einem deutschen Musikmagazin zu Protokoll. Eine verbale Breitseite gegen all die notorischen Stehenbleiber und Nischensitzer, die sich keinen Jota aus ihrem mühsam abgesteckten Terrain herauswagen - ob aus Feigheit, Kalkül oder beidem, spielt dabei kaum eine Rolle. Mr. Murphy selbst konnte man solch fehlenden Wagemut hingegen noch nie vorwerfen. Ende des vergangenen Jahrtausends lassen er und sein Producer-Kollege Tim Goldsworthy (UNKLE) kurzerhand einen Brotjob als Engineering-Zuarbeiter für David Holmes sausen, um sich zunächst angenehmeren Dingen zu widmen: Drogen, Parties und nicht zuletzt der Musik. Und zwar ausnahmsweise einmal der eigenen.

Die beiden schließen sich unter dem Namen Death From Above zusammen (benennen sich nach 9/11 aber in DFA um) und sollten in den folgenden Jahren mit ihren Produktionen für The Rapture und Radio 4 maßgeblich das mitprägen, was man fortan nur noch Punk Funk nennen sollte. Hysterische Vocals, ein spartanisch pumpendes Rhythmusgerüst und Post-Punk-Gitarren, kurzum eine reichlich unprätentiöse Kurzschließung von Dance- und Rockmusik ward geboren. Ach ja - und die lange Zeit so verschmähten Handclaps und Kuhglocken wurden durch Murphys und Goldworthys Mithilfe alsbald zum hipsten Percussion-Sound des Globus, weil sie so gut wie auf keinem der Releases ihres hauseigenen DFA-Labels (neuerdings im Vertrieb des Majors EMI) fehlen durften. Darauf tummeln sich neben ambitionierten Newcomern wie Black Dice oder Pixeltan dann auch gern alte Hasen wie die wiederbelebten Post-Punk-Legenden Liquid Liquid. Die zum Teil bereits vergriffenen 12"es erscheinen übrigens in regelmäßigen Abständen auch als "DFA Compilations" in geballter Form - "Volume 2" Ende vergangenen Jahres in einer schmucken Dreier-CD-Box.

 

Für das größte Aufsehen unter den DFA-Releases sorgten aber bislang zweifelsohne Murphys eigene Tracks, die er seit 2002 als LCD Soundsystem veröffentlicht. Bereits die erste Doppel-A-Seiten-Single "Losing My Edge" / "Beat Connection" (2003), eine herrlich sarkastische Abrechnung mit Plattensammler-Nerdtum mit am Schopf packenden Drums und dringlichem Bass, geriet zum unstoppbaren Dancefloor-Lauffeuer.

Die zweite 12", "Yeah (Crass Version)", rockte ein Jahr später mit Acid-House-Zitaten und schlug nicht wenig Alarm in den Clubs von New York bis Berlin (manchmal sogar Wien). Zu etwa der Zeit hatte sich der Name Murphy bereits in ganz anderen Kreisen herumgesprochen. Sein Telefon lief heiß, große Namen wie Duran Duran, Janet Jackson oder sogar Britney fragten um Produktionsleistungen an - vergeblich. Abgesehen von einem Remix für das Neptunes'sche Bandprojekt N.E.R.D. und einem stimmlichen Gastauftritt auf dem letztjährigen Album der deutschen Munk widmete er sich fortan ausschließlich der Fertigstellung seines Debütalbums.

Wer sich von dem dieser Tage endlich erschienenen, unbetitelten Album aber eine Fortführung des Single-Kurses erwartet, der hat freilich den Forschungsdrang und Anti-Purismus Murphys unterschätzt. Tief vergräbt er sich darauf im Fundus der Musikgeschichte der letzten beiden Dekaden, zitiert Talking Heads, dockt an New Order an (famos: "Tribulations") und natürlich an - Stimme! - The Fall (besonders augenscheinlich bei "Movement"), um dann doch wieder etwas ganz eigenes, zumeist heftig Tanzbares daraus entstehen zu lassen. Und obwohl er in einigen Tracks doch wieder seine frühen Singles - die dem Album im übrigen auf einer zweiten CD beiliegen - in Erinnerung ruft ("Disco Infiltrator", "Daft Punk Is Playing At My House"), verschlägt es ihn auf zwei Stücken in ganz andere, bislang unbetretene Gefilde. Mit "Never As Tired As When I'm Waking Up", das die Akkorde eines Beatles-Songs zitiert, um dann irgendwo lost in space zu gehen, und dem sphärischen, quasi-ambientesken Rausschmeichler "Great Release", zeigt Murphy wozu er abseits von Hipster-Dancehits noch alles im Stande ist. Man muß sich eben nur trauen.

Christoph Prenner

LCD Soundsystem - LCD Soundsystem

ØØØØ 1/2


DFA/EMI (USA 2004)

 

Links:

V/A - DFA Compilation Vol. 2

ØØØ 1/2


DFA/EMI (USA 2004)

 

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