Stories_Maria Magdalena in der Popkultur, Pt. 2

Die letzte Versuchung Christi

Gerade erst zogen die Heiligen Drei Könige durchs Land, doch wir widmen uns zum verspäteten Jahresbeginn noch einmal der berühmtesten weiblichen Anhängerin Jesu: Marcus Stiglegger über ihre Darstellung im Film - von Abel Ferraras "Mary" bis zu "The Da Vinci Code".    19.01.2009

4. Maria Magdalena als Kino-Ikone

 

Von ungebrochener Faszination ist also die schwer bestimmbare Identität dieser offenbar starken und charismatischen Frau, die ungeachtet der jeweiligen spezifischen Interpretation durchaus in ihrem ambivalenten Charakter besteht. Das unterstreichen TV-Edutainment-Dokumentationen wie Dan Bursteins "Secrets of Mary Magdalene" (USA 2006) von Rob Fruchtman ebenso wie zahlreiche weitere Bibelverfilmungen der letzten Jahre. Ich möchte drei filmische Varianten herausheben, da sie in zwei Fällen kommerziell und einem Fall künstlerisch von besonderem Interesse sind.

 

5. The Passion of the Christ

 

Anders als sein Kollege Martin Scorsese widmet sich Regisseur Mel Gibson in seinem vieldiskutierten Kreuzigungsdrama "The Passion of the Christ" nicht einer skeptischen Neuinterpretation, sondern knüpft in seiner Bildsprache und seiner rudimentären Dramaturgie direkt an kirchliche Kreuzgangsmotivik und sogar an Darstellungen aus dem christlichen Populärkitsch an. Jesus sieht hier - anders als etwas die sperrige Verköperung durch Willem Dafoe - exakt aus wie auf katholischen Postkartenmotiven: mit hagerem, sportlichem Körperbau, langen lockigen Haaren und einem Vollbart. Auch die Kreuzigungsdarstellung verzichtet auf historische Korrektheit, um der klassischen Ikonographie zu entsprechen. So wird Jesus hier durch die Handflächen gekreuzigt, was vielfach als falsch dokumentiert ist. Tatsächlich wurde der Nagel unterhalb des Handgelenks plaziert, um mehr Stabilität zu gewährleisten. Gibson aber interessiert die visuelle Ikone selbst, nicht deren Hinterfragung.

Maria Magdalena taucht hier in zwei zentralen Szenen auf: Nachdem Jesus ausgiebig gefoltert wurde, wischt sie gemeinsam mit Maria, der Mutter, dessen Blut vom Richtplatz auf und bewahrt es in dem Gewand. Dieser Blutkult ist vor allem aus lateinamerikanischen Varianten christlicher Riten bekannt und mag zudem erklären, warum dem Film vor allem dort ein überwältigender Kinoerfolg beschieden war. Die zweite wesentliche Szene ist ein Rückblick, wie er typisch für die episodische Struktur des Films ist. Maria Magdalena wird als Sünderin ausgestoßen und soll gesteinigt werden. Jesus tritt ins Bild, und Maria schmiegt sich an seine Füße - ein weiteres ikonisches Bild. Er nimmt die Frau bei sich auf und macht sie zu seiner treuen Anhängerin.

Zwar verweist der Film nicht auf eine weitergehende Interpretation, und das würde auch nicht zu Gibsons frommem Ansatz passen, doch ist die Besetzung der Rolle mit dem italienischen Supermodel Monica Bellucci bezeichnend: Die für ihren üppigen Körper und ihre ausdrucksstarken dunklen Augen bekannte Bellucci hat sich nicht nur in Italien und Frankreich, sondern durch zahlreiche Filmerfolge auch international als weiblicher Superstar und Sexsymbol etabliert. Sie kann als Inkarnation des südeuropäischen Schönheitsideals betrachtet werden. Gibsons Inszenierung ist sich dieser Qualitäten durchaus bewußt, und er geht erstaunlich dezent mit diesen Reizen um. Dennoch erscheint die Besetzung hier prägnant und äußerst aufschlußreich. Nicht nur die beschriebenen Szenen, sondern auch das Casting verweisen erneut auf die Idee der geläuterten Sünderin, die vom Moment ihrer Errettung an mit wallenden Gewändern und bedecktem Haupt der blutigen Spur ihres Erlösers folgt. Mel Gibsons "The Passion of the Christ" ist in dieser Hinsicht und vielen weiteren Aspekten der effektive Versuch, einer traditionellen Geschichte ein zeitgemäßes, wenn auch nicht sehr vielschichtiges Gesicht zu verleihen.

 

6. The Da Vinci Code

 

Wie erwähnt widmet sich Dan Browns Roman "The Da Vinci Code" bereits ausgiebig der Interpretation von Maria Magdalena als Gralshüterin, indem sie Jesu Nachkommenschaft sichert und seine Blutlinie in die Welt trägt. Zwar muß man sich unwillkürlich fragen, wie sich diese Linie über so viele Generationen noch klar nachweisen ließe, selbst wenn es jeweils nur einen einzigen Nachkommen gäbe; doch der Einfluß dieses modernen Mythos auf die gegenwärtige Populärkultur und Esoterik ist kaum zu bestreiten.

Der Vatikan, so der Plot von Roman und Film, hat großes Interesse daran, den weiblichen Einfluß auf die Religion zu unterdrücken und schickt gar einen eigenen Killermönch, um die Blutlinie zu unterbrechen. Doch der fleißige Gralssucher (Tom Hanks) und seine bezaubernde französische Assistentin Sophie (Audrey Tautou) kommen auch so hinter das Geheimnis: Sophie selbst ist die letzte Erbin der Prieuré de Sion und somit Trägerin der Blutline. Sie selbst, die moderne, selbstbestimmte, kluge und mutige junge Frau Mitte zwanzig, ist die Inkarnation Maria Magdalenas und somit eine direkte Nachfahrin von Jesus. So will es die moderne Mythologie des Films.

In einer amüsant-ironischen Selbstkritik setzt Sophie am Ende ihren Fuß auf das Wasser, worin er sofort versinkt. "Klappt nicht", ist ihr kokettierender Kommentar. Doch das Ziel von Roman und Film ist es auch nicht, den christlichen Wundertäter Jesus zu reinkarnieren, sondern vielmehr dessen spirituelle Botschaft als aktuell und modern zu verkaufen - jenseits der geheimbündlerischen und korrupten Mechanismen der kirchlichen Organisationen. Ein pantheistisches Christentum ist das Ziel der Erkenntnis, wie bereits in dem etwas früheren Horrorfilm "Stigmata" (1998), der einer leichtlebigen New Yorkerin (Patricia Arquette) die christlichen Wundmale verleiht. Filme wie "The Da Vinci Code" erschließen die christliche Ikonographie - wenn auch nicht viel mehr - für ein neues und jüngeres, aber vor allem tendenziell atheistisches Publikum.

 

7. Mary

 

Im Gegensatz zu seinen Kollegen ist dem italoamerikanischen New Yorker Abel Ferrara die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Magdalenenfigur durchaus zuzutrauen. Er hat seit den 70er Jahren selbst in seinen eindeutigen Genrefilmen immer wieder Elemente des Katholizismus thematisiert, am deutlichsten wohl in "Bad Lieutenant" (1992) und "Dangerous Game"/"Snake Eyes" (1993), die beide Läuterungsprozesse ihrer Protagonisten anhand tiefgreifender privater Krisen durchspielen. Dabei spielen Momente der Zusammenbruchs und der Buße eine wesentliche Rolle. In "Bad Lieutenant" erleidet der Protagonist, ein korrupter Polizist (Harvey Keitel), diesen Zusammenbruch in einer Kirche, in der er wimmernd im wahrsten Sinne des Wortes zu Kreuze kriecht, um schließlich - so die subjektive Vision des Films - Jesus selbst zu begegnen. Der Sünder büßt, indem er den gesuchten Tätern nicht nur vergibt, sondern ihnen gar mit seinem eigenen Geld einen Neuanfang ermöglicht, selbst wenn das seinen eigenen Tod bedeutet.

"Mary" (2005) schließlich widmet sich solchen spirituellen Gedanken explizit. Hier geht es um den sehr von sich eingenommenen Filmemacher Tony Childress (Matthew Modine), der in Israel mit sich selbst in der Hauptrolle einen Jesusfilm namens "This Is My Blood" gedreht hat. Ursprünglich sollte der Film Material von "The Passion of the Christ" verwenden, doch schließlich entschied sich Ferrara für eine minimalistischere Vision, die durchaus an die karge Ästhetik von "The Last Temptation of Christ" erinnert - eine von vielen Huldigungen Ferraras an seinen Kollegen Scorsese. Wie in seinen früheren Metafilmen "Dangerous Game" und "The Blackout"/"Blackout"(1998) mischt Ferrara hier die Ebenen, läßt Film im Film, Dreharbeiten und weitere Handlungsebenen assoziativ ineinander übergehen. Damit steht er methodisch Ingmar Bergmans "Passion" sehr nahe - ebenfalls einem metafilmischen Drama um Identitätskrise und Glaubensqueste.

In "Mary" also (und folglich auch in "This Is My Blood") spielt Juliette Binoche Maria Magdalena und zugleich die Schauspielerin Mary Palensi, die während der Dreharbeiten in eine spirituelle Krise gerät, die zugleich die Krise der westlichen atheistischen Welt reflektiert - und die wiederum bedingt den Erfolg der neuen Pop-Religiosität: Während die alten Ikonen zu einem leeren Abbild geronnen sind, zum Kitsch, haftet einer aktiven jungen Frau wie Maria Magdalena in moderner Lesart durchaus eine frische Attraktivität an, die das verstaubte Patriarchat des etablierten Katholizismus in Frage stellen könnte. Die etablierten Modelle werden der modernen Welt nicht mehr gerecht. Immer wieder baut Ferrara Bilder vom Krieg im Nahen Osten ein, läßt die Schauspielerin, die auf eigenen Wunsch in Jerusalem bleibt, gar einen Bombenanschlag überleben.

"Mary" betont bereits im Titel, daß durch "This Is My Blood" aus Mary Palesi Maria Magdalena geworden ist. Und so baut der Film seine finale Utopie auf dieser Figur auf: Nachdem ein Sturm überstanden ist, landet Mary mit einigen weiteren jungen Frauen an einem neuen Ufer und verläßt erleichtert lachend das Boot. Auf welcher Ebene wir uns hier befinden, ob noch in "Mary" oder wieder in "This Is My Blood", bleibt offen, wenn die Schlußtitel auftauchen.

 

8. Maria Magdalena als moderne Ikone

 

Maria Magdalena als Film-Ikone ist im Kino der vergangenen paar Jahre zu einer Projektionsfläche für die Sehnsucht eines aufgeklärten und tendenziell atheistischen Publikums nach neuen spirituellen Werten und einer grundsätzlichen Hinterfragung des erstarrten kirchlichen Patriarchats geworden. Maria erscheint als Figur der Revolte gegen ein männerbündisches und männerorientiertes System, das die eigenen Werte kaum noch glaubhaft vermitteln kann.

So ist Mel Gibsons am katholischen Kitsch orientierte Inszenierung noch einmal die affirmativ-reaktionäre Version, während "The Da Vinci Code" durchaus bereits die Frage nach einer modernen Variante der christlichen Spiritualität andeutet und in Maria Magdalena eine geeignete Metapher findet. Abel Ferraras "Mary" dagegen betreibt die spirituelle Neuorientierung sehr ernsthaft und führt an der Suche und Neudefinition der Protagonistin eine beispielhafte Läuterung vor, die tatsächlich utopisches Potential besitzt. Während die anderen Charaktere dieses Films weitgehend scheitern und sich mit der Erkenntnis der eigenen Verfehlung begnügen müssen, gelingt es Maria Magdalena ganz bildlich, zu einem neuen Ufer aufzubrechen - und dort auch anzukommen ...

Marcus Stiglegger

Maria Magdalena als Pop-Ikone


"This is my Blood"

 

Rechtzeitig zu Jesu Geburtstag beschäftigt sich Marcus Stiglegger mit der Darstellung Maria Magdalenas in der Populärkultur: vom deutschen 80er-Jahre-Pop über die Theorien von "Der heilige Gral und seine Erben" bis hin zum "Magdalena-Evangelium".

Lesen Sie den ersten Teil der EVOLVER-Story.

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