Texte_Compart-Fortsetzungskrimi

Die Lucifer-Connection #10

Vor fünf Jahren veröffentlichte Martin Compart seinen ersten Roman "Der Sodom-Kontrakt" rund um den Privatdetektiv und Ex-Söldner Gill. Das Sequel zum "politisch inkorrekten Anti-EU-Thriller" gibt´s jetzt exklusiv im EVOLVER. "Die Lucifer-Connection" handelt von verschwundenen Katzen und okkulten Menschenopferungen - von Dortmund über Sierra Leone und London bis Wien. Schnallen Sie sich an!    18.12.2009

 

Im August 2009 begann der EVOLVER seine Leser mit einem wahren Noir-Schatz zu beglücken. Seit damals erscheint Martin Comparts neuer Roman "Die Lucifer-Connection" in kurzen, konsumentenfreundlichen Abständen weltexklusiv als Fortsetzungskrimi auf unseren Web-Seiten.

Die Fronten sind abgesteckt: auf der einen Seite die Wittener Kriminalpolizei, die sich in mit einem Schlag aus ihrem deutschen Provinzidyll mitten in eine Massenmord-Ermittlung gestürzt sieht; auf der anderen die widerlichen Expolitiker und Wirtschaftsbetrüger (mit zweien davon hatte der Leser in Kapitel 9 das zweifelhafte Vergnügen), die eine mehr als nur mutmaßliche Täterschaft mit den Ritualmorden an Kindern verbindet. Aber was hat Privatermittler Gill mit dem ganzen Wahnsinn zu tun? Ist er wirklich nur hinter einem verschwundenen Haustier her - oder steckt mehr hinter dem Catnapping? Die Action kommt bei ihm jedenfalls nicht zu kurz ...

 

 

Es war bereits dunkel, als Gill vom Kleff kommend die Hevener Mark und die Oberkrone abfuhr. Die langgestreckte Siedlung hing am Rande eines Hügels, der zu einem Feld abfiel. Kleine Einfamilienhäuser, die von ihren stolzen Besitzern bis ins Grab abbezahlt werden mußten, aber auch geschmacklose Neubauten für Leute, die trotz der Depression Geld machten. Dazwischen ein paar alte Häuser, vor Ruhr-Geschichte ächzend. Es war still, kein Lüftchen erfrischte die schwüle Nacht. Ein paar dunkle Wolken hoben sich am Himmel ab und beunruhigten Gill. Bloß kein Gewitter. Katzen mochten bekanntlich keinen Regen. Außerdem könnte ein Gewitter den Empfang des Senders stören, das hatte Dominik richtig erkannt. Egal, was die Hersteller und Technokraten behaupteten - Gill hatte seine Erfahrungen.

Dann sah er hinter einer Kurve den ersten weißen Container. Hier war er richtig. Wie Klaus von Ringo erfahren hatte, war noch eine weitere Drückerkolonne unterwegs gewesen, in einer Dortmunder Siedlung. Gill hatte sich die Örtlichkeit auf Google Maps angesehen. Zu viele Sackgassen, auch die Hauptzufahrtsstraße hörte einfach irgendwo im Nichts auf. Schlecht, wenn etwas schieflief und kein Fluchtweg offenstand. Auf so etwas ließ sich niemand ein, der Übles im Schilde führte. Also hatte er auf Heven getippt. Bingo. Ein Stück weiter stand ein zweiter Container für Altkleider, die angeblich nach Afghanistan geschickt werden sollten. Gill stieg aus und trat dagegen. Von unten meinte er ein Geräusch zu hören, war sich aber nicht sicher. Vielleicht lag da eine Katze, betäubt von präpariertem Futter. Er parkte den Wagen in einer Seitenstraße und rauchte eine Reval. Mucki knurrte. Ihm gefiel es gar nicht, im Käfig zu sitzen. Und jetzt wurde er auch noch vollgepafft. Wo blieb der Tierschutz?

Gill stieg aus und hob vorsichtig den Käfig auf die Straße. Er ging zu dem zweiten Container. Die Katzenfänger hatten ihn ganz bewußt weit entfernt vom nächsten Haus aufgestellt, vor ein paar Büschen. Die Ecke war nicht einsichtig, was Gill nun zugute kam. Mit dem Käfig kroch er in einen Busch. Er zog sein Survival-Messer aus der Scheide am Unterschenkel und schnitt ein Loch ins Gehölz. Von hier aus hatte er einen guten Überblick auf die Straße. Er richtete sich auf mehrere Stunden Wartezeit ein und flüsterte beruhigend mit Mucki. Der fand das alles dumm und langweilig, legte sich aber geduldig hin. Wenn er schon nicht abhauen konnte, würde er sich wenigstens ein Schläfchen gönnen. Ein später Spaziergänger kam vorbei und führte seinen Yorkshire-Terrier aus. Der Hund blieb kurz stehen und schnüffelte am Container.

"Weiter, Amboß", sagte Herrchen und zerrte den kleinen Hund hinter sich her.

Stunden vergingen. Nur wenige Autos durchfuhren die Straße. Gill wartete in angespannter Trance. Wie oft hatte er schon so in einem Hinterhalt gelegen ... auch an viel gefährlicheren Orten. Aber er unterschätzte die Situation keineswegs. Auch eine Tierfängerbande war gefährlich. Und einer Kugel war es ziemlich egal, ob sie von einem zugedröhnten Dealer, einem Taliban oder einem Marine abgefeuert wurde.

Ängstlich sah er zum Himmel hinauf. Schwere Wolken zogen sich zusammen. In der Ferne grummelte es. Er hörte ein leises Motorengeräusch. Ein schwarzer Kleintransporter fuhr langsam die Straße hinunter, dann war er außer Sicht. Gill hörte ihn weiterfahren und wenden. Der Wagen kam zurück, hielt vor dem Container, und jetzt stellte der Fahrer auch den Motor ab. Gill zog sein Nachtsichtglas heraus. Der Transporter hatte schwarze Scheiben, aber die an der Fahrerseite war heruntergelassen. Ein Glatzkopf mit Schlägervisage saß hinter dem Lenkrad. Er hantierte am Armaturenbrett. Gill hörte ein kratzendes Geräusch. Unter dem Wagen öffnete sich eine Klappe und fiel schräg nach unten. Der Fahrer hatte sich ebenfalls auf eine Wartezeit eingerichtet und zündete sich unbekümmert eine Zigarette an. Warten. Das Grummeln des Gewitters kam näher. Auf der anderen Straßenseite bewegte sich etwas. Eine kleine Katze kam, neugierig schnüffelnd, vorsichtig aus einer Hecke. Sie näherte sich dem Transporter. Angelockt durch einen Duftstoff, der gegen die Genfer Konvention verstieß.

Gill öffnete den Käfig. Mit einem wütenden Murren sprang Mucki heraus, lief ein paar Meter nach vorn und blieb stehen. Dieses Terrain kannte er nicht, das mußte er erst erkunden. Dann sah Mucki die kleine Katze und lief sofort auf sie zu. Bevor er sie erreichte, sprang die Kleine durch die Klappe. Mucki schnüffelte unsicher unter dem Transporter, sah nach oben und sprang ebenfalls in den Wagen. Der Fahrer drehte seinen Kopf, hantierte herum, und die Klappe schloß sich. Jetzt stieg er aus. Unter seinem T-Shirt zeichneten sich die aufgepumpten Muskeln des Bodybuilders ab. Er ging zum Container, bückte sich und öffnete ihn, zog eine bewußtlose Katze hervor, ging zum Transporter und warf sie achtlos hinein. Einige Kilometer entfernt zuckte ein Blitz durch die Nacht. Der Donner folgte kurz darauf. Das Gewitter kam näher. Der Katzenfänger startete das Auto und fuhr los. Gill hätte keine Chance gehabt, sich dem Transporter unbeobachtet zu nähern und ihm ein Peilgerät zu verpassen. Mucki zu verwanzen war die richtige Entscheidung gewesen.

Gill hatte sein Handy aufgeklappt und sah auf das Display. Der Empfang funktionierte. Er wühlte sich aus dem Busch und rannte zu seinem Mercedes, stellte das Handy vor sich in eine Sicherung und fuhr los. Problemlos folgte er dem Wagen durch die Nacht, dem Gewitter entgegen. Er überquerte die Brücke nach Herbede und sah den Kleintransporter weiter vor sich. Gill ließ sich zurückfallen. Plötzlich zuckte ein Blitz, gefolgt von lautem Donner. Der Himmel explodierte. Schwere Regentropfen prasselten auf das Autodach, prallten ab, hüpften wieder in die Höhe. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich der Asphalt in ein Flußbett. Panisch sah Gill, daß er keine Zielwerte mehr auf dem Display hatte. Er stellte die Scheinwerfer aus und fuhr rechts ran. Dann nahm er einen Beutel vom Rücksitz, griff hinein und setzte mit einer schnellen, geübten Bewegung sein ATN Night Cougar auf - die leichteste Nachtsichtbrille, die man legal kriegen konnte. Sofort legte er den Gang ein und raste weiter. Die Scheibenwischer konnten die Regenmassen kaum bewältigen. Ohne Licht preschte er durch Herbede. Es gab einige Querstraßen, in die der Transporter abbiegen konnte. Gill beschleunigte. In dem dichten Regen konnte er keine hundert Meter weit sehen. Er durchfuhr eine Querstraße, die wieder in die Hauptstraße mündete. Nichts. Keine Daten auf dem Display. In geradezu selbstmörderischem Tempo raste er durch das Wasser, das zentimeterhoch über den Asphalt schoß. Ein Schlagloch ließ seinen Kopf gegen das Dach knallen. Die Straße war im üblichen erbärmlichen Zustand. Wie auf dem Balkan wird das hier, fluchte Gill.

Plötzlich leuchtete entfernt ein Bremslicht auf. Zum Teufel, das mußte er sein. Um diese Uhrzeit waren nicht mehr viele Leute unterwegs. Gill beschleunigte. Falls er entdeckt würde, müßte er sich den Fahrer gleich vornehmen und sein Fahrziel aus ihm rausprügeln. Vielleicht hätte er von Anfang an so vorgehen sollen, statt Mucki in Gefahr zu bringen. Aber er wollte das natürlich auf die elegante Art machen. Gill haderte nur kurz mit sich, das brachte jetzt auch nichts. Der Mann vor ihm hatte ganz andere Probleme. Regen interessierte den geborenen Rennfahrer nicht, und Aquaplaning hielt er für einen Fitneßdrink. Mister Universum würde die Katzen in den Käfig werfen, die Papierarbeit erledigen und dann zum gemütlichen Teil der Woche übergehen. Erstmal ein bißchen in der Mucki-Bude pumpen, dann ein paar Viagra einwerfen und in dem Swingerklub bei Wuppertal ordentlich einen draufmachen. Dieser Klub mit permanentem Frauenüberschuß. Warum zum Teufel mußten Männer in Klubs mit Frauenüberschuß eigentlich immer soviel mehr löhnen? Müßte doch eigentlich umgekehrt sein. Karibik-Klaus hätte es ihm erklären können, aber den kannte Mister Muskel wohl nur vom Namen her.

Gill sah das Zielfahrzeug abbiegen, Richtung Hattingen. Er ließ sich zurückfallen, behielt aber Sichtkontakt. In der Dunkelheit und bei dem niederprasselnden Regen war er im Rückspiegel nicht zu erkennen. Ein Auto kam ihm langsam entgegen. Kurz bevor es Gill passierte, gab der Fahrer Zeichen mit der Lichthupe. Dann war er vorbei. Konzentriert starrte Gill durch die Nachtbrille. Sie fuhren Hügel hinauf, durch Waldstücke und kleine Ortschaften. Der Wind schüttelte die Baumkronen und drückte die Stämme nieder. Das Unwetter ergoß sich erbarmungslos über den Ennepe-Ruhrkreis. Sie durchfuhren ein Industriegebiet. Der Transporter wurde langsamer, und Gill paßte sich seinem Tempo an. Jetzt bog er ab. Gill hielt an der Kreuzung und sah den Lieferwagen ein paar hundert Meter weiter vor einem alten, eingezäunten Industriegelände anhalten. Der Fahrer stieg aus, öffnete das Tor, fuhr hinein und schloß wieder hinter sich ab. Dann holperte er langsam auf den düsteren Gebäudekomplex zu.

Gill parkte sein Auto hinter einem Bauwagen, stieg aus und rannte durch den Regen zur Umzäunung, wobei er jede Tarnung ausnutzte. Er sah die moderne Überwachungskamera über dem Eingangstor. Sehr merkwürdig für ein stillgelegtes Gelände ... Dann warf er einen Blick auf das Metallschild unter der Kamera am Zaun: Atarme GMBH. Er schätzte den Aufnahmewinkel ein und schlich zurück. Weiträumig umkreiste er das Gelände und näherte sich seitlich. Auf dem Zaun war keine weitere Kamera angebracht. Das Gebäude war alt, trist und verfallen. Ein Fabrikbau mit bröckelnder Fassade, das als Industriedenkmal der Gründerzeit dienen konnte. Fenster waren eingeschlagen, Glasscherben ragten wie Zähne aus den Rahmen. Zähe Büsche wuchsen aus den Fugen. Um den Komplex herum erstreckten sich freie Flächen mit aufplatzendem Asphalt. Kniehohe Sträucher ragten heraus.

Der Regen hatte Gill durchnäßt. Aber diesen Preis bezahlte er gern für die Deckung durch das Gewitter. Der Maschendrahtzaun stand nicht unter Strom und machte einen verwahrlosten Eindruck. Gill zog sein Messer und schnitt hinein. Er kroch durch die Lücke. Von der Seite, die dem Mondlicht abgewandt war, rannte er leise auf den rutschfesten Gummisohlen seiner Kampfstiefel zur Fabrik. Der Wind peitschte ihm Regen ins Gesicht. Er fühlte sich lebendig. Adrenalin pur. Wie hatte er das vermißt! Gebückt schlich er um eine Ecke und sah den Transporter neben einer Eisentür stehen. Regenwasser rauschte durch marode Abflußrinnen vom Dach herab. Gill sah sich um. Keine weiteren Kameras, keine Sicherungen. Mit zwei Sätzen war er hinter dem Transporter. Er zog die Ladetür auf. Innen stank es nach einer Mischung aus Minze, Baldrian und etwas Undefinierbarem. Wahrscheinlich das Betäubungsmittel. Zwei leere Käfige lagen herum. Der Mann hatte Mucki und die anderen Katzen schon hineingetragen. Er schloß die Wagentür.

 

***

 

Das Toben des Gewitters übertönte alle Geräusche. Er ging zum Eingang. Nicht abgeschlossen. Er zog die Glock und ging in die Knie. Dann öffnete er vorsichtig die rostige Eisentür. Dunkelheit. Gill trat ein. Er stand auf der obersten Stufe einer Eisentreppe, die tief in den dunklen Schlund des Industriemolochs führte. Ohne ein Geräusch glitt er die Treppe hinab. In grünen Tönen zeigte ihm die Nachtsichtbrille rostende Rohre, eiserne Kübel und herunterhängende Leitungen. Am Ende der Treppe stellte er sich in den Schatten eines riesigen Kessels. Zwanzig Meter vor dem Kessel ging ein Gang ab. Gill schlich darauf zu. Die rostigen Rohre führten in Kopfhöhe um die Ecke. Am Ende wartete ein schwacher Lichtschein. Der Gang war etwa dreißig Meter lang und bot keine Deckung. Hier unten hörte man nichts mehr von dem Gewitter.

Er hielt die Glock und stützte die Schußhand mit der linken. Schnell durchquerte er den Gang. An seinem Ende preßte er sich an die Wand. Ängstliches Gewimmer drang an seine Ohren. Gill zog die Brille vom Kopf und ließ sie lautlos auf den Boden gleiten. Vor ihm befand sich ein Rundgang aus Eisengittern, der um eine tieferliegende Halle führte. Unten standen Käfige. Der Fahrer hatte einen davon geöffnet. Die Katzen darin drängten sich voller Angst in die Ecke. Er warf ein betäubtes Tier hinein und brabbelte irgendwas. Gill sah, wie er Mucki packte, zu einem anderen Käfig ging, ihn öffnete und die Katze hineinwarf. Dann ging er in eine andere Ecke der Halle. Ein Tisch, ein paar Stühle und altmodische Aktenschränke. Daneben eine Art Müllhalde, von der Gill aber nur einen Ausläufer sehen konnte. Der Mann holte eine Flasche und ein Glas aus einem Schrank und setzte sich. Er goß sich halbvoll ein, trank aus und grunzte zufrieden. Sofort schenkte er nach, zog eine Packung Zigaretten heraus und zündete sich eine an. Dann griff er nach einem Stift und einigen Papieren. Über das Papier gebeugt, begann er zu notieren. Wahrscheinlich arbeitete er an seiner Doktorarbeit. Gill trat auf den Umlauf. Das Eisengitter unter seinen Sohlen begann leicht zu schwingen. Vorsichtig ging er auf die Treppe zu, die in die Halle hinunterführte, die Waffe auf den Mann unter sich gerichtet. Wenn er aufschaute, würde er Gill sehen. Also nur eine Frage der Zeit. Der Rundgang quietschte. Das hatte keinen Sinn. Gill sprang die Treppe schnell hinunter. Der Mann sah auf.

"Du solltest dir einen anderen Tisch besorgen. An dem wirkst du so klein und unbedeutend."

"Was ... Wer zum Teufel bist du?!"

Die Waffe auf den Tierfänger gerichtet, ging Gill die letzten Stufen hinunter. "Aufstehen. Hände hinter den Kopf."

Der Mann war zu verblüfft, um sich zu bewegen. Gill schoß in den Tisch. Entsetzt hüpfte der Typ von seinem Sitz. "Ich wiederhole mich nie. Entweder du tust präzise, was ich sage, oder ich schieße dir die Eier weg."

Der Mann gehorchte und starrte sein Gegenüber ungläubig an. Gill ging auf ihn zu. Hier stank es erbärmlich. Aus dem rechten Augenwinkel sah Gill einen Haufen mit Katzenkadavern und Kanister mit Wäschebleiche. Wut stieg in ihm auf. Zur Belustigung hatte man die Katzen mit Serbischen Bädern zu Tode gefoltert: Wäschebleiche ins Maul gekippt, die sie mehrere Stunden von innen verbrannte und dann qualvoll sterben ließ. So wurden die kostbaren Felle nicht beschädigt. Er ließ die Waffe an den Oberschenkel sinken und trat so nahe an den Mann heran, daß sich ihre Nasen fast berührten. Schweinsäuglein in einem zernarbten Gesicht. Gill roch ein billiges Parfum. Das Äußere des Bodybuilders war grobkörnig und entsprach seinem Inneren. Sehr unklug, ihm so nahe zu kommen. Der Mann hatte zwar die Hände hinter dem Kopf verschränkt, aber im Falle eines Angriffs mußte Gill zurücktreten und die Waffe hochreißen.

"Was willst du hier? Das ist Einbruch. Falls du Geld suchst, hier ist nichts. Ich habe nur ein paar Euro in der Tasche."

"Der Maßstab für einen Mann ist das, was er tut, wenn niemand zusieht. Oder hat jemand zugesehen, als du die Katzen getötet hast?"

Dem Kerl kam ein cleverer Gedanke: "Ich war das nicht. Ich liefere sie nur ab. Mann, das sind doch nur Tiere!"

"Und wo ordnest du dich auf der langen Leiter der Evolution ein?"

Hinter Gill schrien die Katzen. Einige sprangen panisch in den Käfigen herum. Sie hatten mitansehen müssen, was ihren Artgenossen angetan wurde. Und sie wußten, was auf sie zukam.

"Auf welcher Leiter?"

"Hab´ ich mir doch gedacht. Deine DNS muß sich nachts verzweifelt in den Schlaf weinen ..."

Gill sah es in den Augen, bevor sich der Mann bewegte. Er hatte die Arme noch nicht einmal vor dem Kopf, als Gill träge die Glock schwenkte und ihn in den rechten Fuß schoß. Laut aufschreiend fiel das Muskelmonster zu Boden und umklammerte seinen blutigen, zerfetzten Schuh mit beiden Händen. "Du Schwein! Was habe ich dir getan? Du hast mir den Fuß abgeschossen."

"Falls du hier lebend rauskommst, wirst du lernen, ohne ein paar Zehen zu laufen. Aber ich habe so das Gefühl, daß dein Haltbarkeitsdatum sowieso abgelaufen ist."

Gill wandte sich ab. Der Mann wälzte sich vor Schmerzen brüllend auf dem dreckigen Zementboden. Gill ging zu einem Käfig, in dem sich die Katzen fauchend übereinander in eine Ecke drängten. Der Käfig daneben war leer bis auf Mucki, der langsam zu sich kam und sich irritiert umsah. Ein zitterndes kleines Kätzchen sah Gill mit großen Augen an. Gill trat näher. Sofort brach Panik aus.

Leise und beruhigend redete er auf die Katzen ein. Kein schwarzes Kätzchen wie Henry. Überhaupt keine schwarzen Katzen, bis auf Mucki. Auf die Katzen konzentriert, bemerkte Gill nicht, wie der Einsammler auf die mit Müll und Krempel vollgestopfte Ecke zurobbte. Plötzlich zischte ein Bolzen haarscharf an seinem Gesicht vorbei. Gill warf sich auf den Boden, rollte sich ab. Weitere Bolzen knallten in seine Richtung. Einer flog in den Käfig und traf eine Katze, die mit Wucht gegen die Gitter geschleudert wurde. Gill sah den Verwundeten hinter dem Müllberg kauern, in der Hand ein Bolzenschußgerät. Er rannte von den Käfigen weg und hechtete hinter die Treppe. Den Aufprallschmerz ignorierend, ging er sofort in Schußposition. Die Bolzen konnten ihn nicht erreichen. Er war im toten Winkel.

"Komm raus oder ich nagle die Katzen. Die bedeuten dir doch soviel!"

"Für jede tote Katze schneide ich dir was ab. Du kannst mir nicht entkommen. Das weißt du. Ich werde dich nicht umbringen. Du wirst als Torso weiter... Entschuldige, da habe ich ja schon wieder ein Fremdwort gebraucht. Du bist nicht sehr clever, deswegen erkläre ich dir alles ganz langsam: Zuerst schneide ich dir die Finger ab, dann die Nase, dann ziehe ich dir dein nettes Lächeln bis zu den Augenbrauen. Na ja, du kannst dann immer noch sagen, daß bei deiner letzten Schönheits-OP was schiefgelaufen ist."

"He, Mann! Was soll der ganze Scheiß? Können wir uns nicht irgendwie einigen?"

"Aber sicher. Zuerst schmeißt du den Bolzenschießer zu mir. Dann unterhalten wir uns, und ich bringe dich in ein Krankenhaus."

"Woher soll ich wissen, daß du mich nicht verarscht?"

"Ich könnte dich anlügen. Aber ich habe vor dir als Mensch zuviel Respekt."

"Was iss?"

Gill gab zwei Schüsse in den Schrotthaufen ab. Der Mann tauchte sofort ab. Gill rannte durch die Halle, warf sich auf den Schrott und drückte dem hingekauerten Tierfänger den Lauf an den Schädel. "Sieht so aus, als gäbe es nichts mehr zu verhandeln." Gill drückte ab, und Ohrfetzen flogen durch den Raum. Der Mann kreischte, packte sich an das Loch ohne Ohrmuschel. Das Bolzenschußgerät hatte er fallengelassen.

Während er sich jammernd herumwälzte, nahm Gill sein Handy. "Ich werde dieses Depot auflösen." Er wählte Dominiks Nummer. "Hier Gill. Ich habe ihr Lager gefunden. Sind bestimmt fünfzig Katzen. Könnt ihr die rausholen? Ich gebe dir die genaue Adresse. Aber laß mir eine Stunde Zeit, ich habe hier noch was zu klären." Gill nannte Dominik die Fabrik, den Firmennamen und den Zugang. Dann wandte er sich wieder dem Verwundeten zu. Er sah aus, als hätte man die Luft aus ihm rausgelassen. "Entweder du sagst mir, was ich wissen will, oder ich lasse meine schlechte Laune an dir aus. Kapiert? Also - wenn du nicht von einer Neun-Millimeter kastriert werden willst, solltest du mir entgegenkommen."

...

"Was willst du denn wissen?"

"Wo ist der kleine schwarze Kater, den du letzte Woche eingesammelt hast?"

"Weiß nicht. So ein Forschungslabor, glaub´ ich. Die nur schwarze wollen."

"Ich will die Namen und Adressen aller Firmen, die ihr beliefert."

"Kenn´ ich nicht."

"Was ist mit dem leeren Käfig? Wieso sind da keine Katzen?"

"Weiß nicht. Ist noch genug Platz in den anderen."

"Mann, wie kann man nur so wenig an seinen Eiern hängen?"

"He! Nicht! Der eine ist nur für schwarze."

"Die Adressen der Abnehmer."

 "Die stehen alle in dem Aktenschrank. Aber der ist immer verschlossen!"

"Das wird ja ein Riesenproblem."

"Mach, was du willst."

"Wie viele Leute seid ihr?"

"Weiß nicht genau. Drei oder vier."

"Und wer führt den Laden?"

"Rolli. Der hat so ´ne Drückerkolonne unter sich. Ich bin erst kurz dabei, Mann. Hat mich wohl wegen meines früheren Jobs genommen. Ich bin auf Hartz IV und muß doch was nebenher machen."

"Warst du früher Kernphysiker?"

"Nee. Ich war Tierpfleger im Rombergzoo. Haben mich rausgeschmissen, die Arschlöcher."

"Weil du mit den Wildkatzen fraternisiert hast."

"Was hab´ ich?" Er sah Gill ängstlich an. "Ja, genau. Deswegen."

"Gib mir mal deine Patschehändchen."

Der Mann streckte die Hände vor, und Gill fesselte sie mit einer Plastikschelle.

"Was iss jetzt mit Krankenhaus?"

"Ich müßte dir einen Sack über den Kopf stülpen, damit du mir nicht den Kofferraum vollkotzt."

Gill telefonierte mit Klaus: "Sag Ringo, er soll sich von einem Mitarbeiter trennen. Rolli. Der hat letzte Woche einen kleinen schwarzen Kater verkauft. Ich will wissen, an wen. Und zwar schnell. Wir treffen uns zum Frühstück und du hast die Information ... Wo? Ist das deine neue Bescheidenheit? Von mir aus."

Er ging er zu dem Aktenschrank, trat ihn ein und nahm die Ordner heraus. "Wollen doch mal sehen, wer einen Hausbesuch gewonnen hat."

  

Gill ist einen wichtigen Schritt weiter. Und auch die Polizei schiebt keine ruhige Kugel. Nächstes Mal gibt´s ein Doppelkapitel! Darin erfahren wir zum einen, was Computerspezialisten wirklich über verschwundene Kinder, organisiertes Verbrechen und dunkle Hintergründe wissen; und zum anderen, um wieviel abgründiger als all diese Daten und Worten die grausame Wahrheit ist ...

Martin Compart

social bookmarks: Artikel in del.icio.us speichern Artikel in digg! speichern

Martin Compart


Martin Compart ist unter Genreliebhabern spätestens seit Herausgabe der legendären DuMont-Noir-Reihe bekannt und beliebt. Der 1954 in Witten/Ruhr geborene Alleskönner engagierte sich bereits während seines Studiums der Politikwissenschaften für die vielgelesene Gattung und gründete die "Arbeitsgemeinschaft Kriminalliteratur". Neben zahlreichen journalistischen Tätigkeiten betreute er unter anderem das Krimiprogramm für Ullstein und Bastei-Lübbe, wobei man stets sein Faible für die "schwarzen Schafe" erkennen konnte. Lesen Sie dazu seine ausführliche Biographie.

 

Der Sodom-Kontrakt

 

Als Krimileser wird man oft an ferne Schauplätze entführt - seien es die düster verregneten Straßen New Yorks, das verruchte New Orleans oder vielleicht die Randbezirke von Paris. Martin Compart hingegen siedelte seinen Romanerstling "Der Sodom-Kontrakt" (der übrigens den Untertitel "ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller" trägt) in seiner Heimatstadt Witten an und lädt den Leser mit viel Pulp-Herzlosigkeit ein, seinen Protagonisten Gill von dort aus durch den europäischen Großstadtsumpf zu begleiten. Verfolgt von zwei psychopathisch veranlagten Killern und der Polizei, versucht der ehemalige Söldner den Mord an einem seiner besten Freunde aufzuklären und stößt dabei auf ein politisches Pulverfaß. In der EU-Hochburg Brüssel treffen sich nämlich Päderasten und Geldvernichter auf ein Tänzchen mit der Unschuld. Lesen Sie dazu die ausführliche EVOLVER-Besprechung.

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen