Texte_Compart-Fortsetzungskrimi
Die Lucifer-Connection #58/Teil 3
Vor zehn Jahren veröffentlichte Martin Compart seinen ersten Roman "Der Sodom-Kontrakt" rund um den Privatdetektiv und Ex-Söldner Gill. Das Sequel zum "politisch inkorrekten Anti-EU-Thriller" gibt’s jetzt exklusiv im EVOLVER. "Die Lucifer-Connection" handelt von verschwundenen Katzen und okkulten Menschenopfern - von Dortmund über Sierra Leone und London bis Wien. Schnallen Sie sich an!
10.04.2011
Im August 2009 begann der EVOLVER seine Leser mit einem wahren Noir-Schatz zu beglücken. Seit damals erscheint Martin Comparts neuer Roman "Die Lucifer-Connection" in kurzen, konsumentenfreundlichen Abständen weltexklusiv als Fortsetzungskrimi auf unseren Web-Seiten.
Nach seiner mutigen Befreiungsaktion in Afrika ist Privatermittler Gill auf den Spuren des Kinderhändlers und Satanisten Zaran nach London geflogen - wo er im legendären Eastend Erinnerungen nachhängt und sich darauf vorbereitet, seine ortsansässigen Informanten zu treffen. Daß es sich dabei nicht um kleine Gangster handeln muß, sondern auch Krimiautoren und Kunsthändler einiges wissen, zeigt nur, daß die Halbwelt weiter verbreitet ist, als der Normalbürger das für möglich hält ...
Gill holte sich ein Bitter. Englisches Bitter-Bier und verschiedene belgische Biere waren nach seinem Geschmack die besten der Welt. Die Dortmunder Biere waren übel heruntergekommen. Überhaupt, deutsche Biere, mit Ausnahme einiger bayrischer Dunkelbiere, waren seiner Meinung nach völlig überschätzt und geschmacklich langweilig.
Er setzte sich an einen kleinen Tisch, von dem aus er die Eingangstür beobachten konnte, und hing seinen Gedanken nach. Mit den Verbindungen von John und anderen sollte herauszufinden sein, wo sich Zaran aufhielt. Wahrscheinlich dachte er, Gill würde eher Gott finden als ihn. Die Unterwelt-Connections liefen vom finstersten Eastend bis hinauf ins Oberhaus. Man mußte nur die richtigen Leute durch die richtigen Leute auf die richtige Weise ansprechen. John war ein guter Kommunikator, da er als Schriftsteller und auch mit seiner linken Vergangenheit auf vielen Ebenen dieser Verbindungen akzeptiert wurde.
Die Tür schwang auf, und John trat mit einem breiten Grinsen im Gesicht ein. Das Haar perfekt geschnitten, ein teures Sakko lässig über der Jeans. Ein gutaussehender Junge. Wahrscheinlich verkaufte sein Autorenphoto auf dem Umschlag mehr Bücher als die Inhalte. John holte sich ein Bier und setzte sich zu Gill.
"Dann erzähl mal: Womit kann ich helfen? Habe meine Quellen auf Standby."
Gill informierte ihn über das Nötigste. John hatte noch nie etwas von Zaran gehört. "Aber ich kenne einen Galeriebesitzer, der keine Party, keinen Empfang, keinen Wichtigtuer und keinen Prominenten ausläßt. Fahren wir zu ihm und fragen ihn. Er wird uns weiterbringen."
"Noch was. Ich bin nackt. Da fühle ich mich unwohl."
"Kein Problem. Ich hab’ was im Wagen."
Sie verließen den "Blind Beggar" und gingen ein Stück die Whitechapel Road hinunter, bis zu einem häßlichen Supermarkt, für den Ende der neunziger Jahre die Winthop Street plattgemacht worden war. Früher hatte die Gasse Buck’s Row geheißen und war eine der gemeinsten Hinterstraßen von Whitechapel gewesen. In ihr lag das berüchtigte Barbers-Pferdeschlachthaus, und am 31. August 1888 fand man hier die Leiche von Mary Ann Nichols, dem ersten Ripper-Opfer. John hatte auf dem Parkplatz des Supermarkts sein Auto abgestellt. Gill lachte, als er den bulligen BMW erkannte.
"Du fährst immer noch diese Schrottkarre?"
"Sag kein schlechtes Wort über den Wagen. Groß und stark."
"Und jede Woche in der Werkstatt."
"Ich liebe dieses Auto."
"Tradition der Roten Armeen. Bei uns haben Baader-Meinhof auch BMWs gefahren. Wahrscheinlich dasselbe Modell wie deins. Höchstens eines davor."
"Im Auto hat man sie jedenfalls nicht erwischt. Was willst du? Ich habe eine Desert Eagle und eine Beretta."
"Was für eine? Die 92F?"
"Ja."
"Gib mir die Beretta. Ich bin ein altmodischer Typ."
Sie fuhren nach Mayfair, und John machte das Unmögliche wahr: er fand einen regulären Parkplatz.
Die Galerie war der teuren Geschäftslage entsprechend exklusiv. An den Gemälden gab es keine Preisauszeichnungen. Wer hier einkaufte, interessierte sich kaum für den finanziellen Aspekt - es sei denn, er gehörte zu den Anlegern, die aus Kunst Big Busineß gemacht hatten. Die Räume waren spartanisch eingerichtet. Aus unsichtbaren Lautsprechern rieselten leise Rockballaden als Sirup für die Ohren. Eine junge Frau bekam von John den Auftrag, den Inhaber herbeizubitten.
Feminin trippelte ein älterer Mann mit blond gefärbten Haaren und einem gelifteten Puppengesicht auf sie zu. "John, mein Lieber, warum warst du letzten Sonntag nicht auf meiner Matinee für Colebrun? Er ist das Heißeste, was London momentan zu bieten hat. Es war très chic. Alle waren sie da - nur du nicht. So wird das aber nichts mit deiner kleinen Schreiberkarriere. Du mußt schon ein wenig mithelfen, um bekannt und beliebt zu sein."
"Ich hatte keine Einladung, Carl."
"Nein? Was bin ich doch für ein böser, böser Bube. Ich könnte im Boden versinken. Aber du hast nicht wirklich etwas verpaßt. Nur schlimme Menschen waren da. Keine ernsthaften Liebhaber wie wir beide."
"Ich hätte mich mit deinem Champagner vergnügt."
"Ach, ich habe nur Krug aufgefahren. Bin ich nicht ein unartiger Junge? Habe ihnen einfach dieses läppische Sprudelwasser vorgesetzt. Aber die haben den Unterschied nicht gemerkt. Aber das war schon sehr ungezogen von mir, nicht wahr?"
"Sehr ungezogen."
"O ja. Ich bin ein schlimmer kleiner Junge geworden. Manchmal graust mir vor mir selbst, so schlimm bin ich. Wenn ich mich nicht bald zusammenreiße, gibt’s bestimmt was hintendrauf. Wer ist denn der große, attraktive Mann bei dir?"
Gill hatte sich während des Geplänkels in der Galerie umgesehen und wandte sich nun Carl zu.
"Mr. Gill kommt aus Deutschland. Gill, das ist Carl Bernson. Londons größter Kunsthändler und Galerist."
"Du schlimmer Schmeichler. Schauen Sie sich bloß nicht um, Mr. Gill. Das ist alles ganz furchtbar. Aber meine Kundschaft will diesen abstrakten Mist. Die abstrakte Kunst ist doch nur Dekoration. Ein Bild, das nicht gegenständlich ist, hat keinen Bezug zur Realität. Reines Design. Mondrians Bilder sind lediglich besseres Linoleum. Und Albers produzierte Tapeten. Und jetzt dieser junge Schnösel Colebrun. Der wird doch nur geliebt, weil er so jung und so schön ist."
"Und dir eine Menge Geld bringt, was?"
"Ich bin schon ein ganz Schlimmer. Ja, für das Geld verzeihe ich ihm sogar seine Jugend. Wie bigott und gierig von mir. Ich hasse diese jungen Leute. Ständig erzählen sie einem Sachen, die man schon längst weiß. Und dabei denken sie, sie hätten sie als Erste rausgekriegt."
"Zaran."
"Was ist mit meinem Freund Zaran? Ein echter Gentleman. Leider war ich auch schon mal sehr ungezogen zu ihm. Ich bin aber auch zu schlimm. Mit seiner großmütigen Natur hat er es mir nie nachgetragen - aber ich verzeihe mir das nie."
"Wo steckt er? Er ist in London."
"Aber, John! Du gehörst nicht in diese Klasse. Das sind nicht deine Kreise. Ihr wißt doch: Mittelschicht, Oberschicht, Adel, Royals und dann ganz oben. Zaran gehört nach ganz oben. Aber nach ganz, ganz oben."
"Und wohin gehören wir?" John sah Gill fragend an.
"Nirgendwohin. Wir kümmern uns nicht um so etwas."
Carl sah auf seine manikürten Fingernägel. "Ich habe so das Gefühl, ich könnte in Schwierigkeiten kommen. Es ist gar nicht gut, wenn man Schwierigkeiten mit Professor Zaran hat."
John legte ihm die Hand auf die Schulter. "Du kennst mich, Carl. Du wirst keine Schwierigkeiten bekommen. Ich muß nur wissen, wo Zaran sich aufhält. Keiner erfährt, daß wir es von dir wissen. Alles bleibt unter uns. Und du hast was bei mir gut."
Carl sah ihn resigniert an. "Ich habe da ein klitzekleines Problem mit einem jungen Menschen ... richtig unanständige Sache. Ich habe ihn sooo verwöhnt. Wirklich verwöhnt. Und dann rennt er weg und nimmt etwas mit, was mir wirklich an meinem abgrundtief schwarzen Herzen liegt ... Ach, warum muß ich auch immer so üble Sachen anstellen?! Ich bin wirklich ein unartiger Bengel ..."
"Was es auch ist, ich werde mich darum kümmern. Betrachte das Problem als gelöst." Er tätschelte Carl die Schulter. "Zaran, Carl, nur Zaran."
"Ich muß ein wenig herumtelefonieren. Geht doch an der Ecke in den Pub. Schlimmer Laden. Sobald ich es weiß, komme ich zu euch. Obwohl ... ziemlich übles Publikum. Geschäftsleute und Angestellte. Pack. Achtet darauf, daß die Gläser gespült sind. Oder ich gebe euch besser zwei Gläser mit."
"Nicht nötig, Carl. Wir kriegen das schon hin."
Andernorts in der britischen Hauptstadt muß Zaran feststellen, daß ihm schön langsam die Felle davonschwimmen und seine Afrika-Connection ausradiert wurde. Also macht er sich im kommenden Doppelkapitel eiligst auf den Weg in eine andere Provinz der EU-Diktatur - doch Gill ist ihm dicht auf den Fersen. Wo es die beiden als nächstes hinverschlägt, das erfahren Sie in einer Woche.
Martin Compart
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