Stories_Miraculous Mule Interview/Part II

Hellfire - The Miraculous Mule-Story

EVOLVER sprach mit Miraculous-Mule-Frontman Michael J. Sheehy über Spirituals, Sound und Sünde - sowie sechs Alben, die er mit in die Hölle nehmen würde.    16.09.2014

Das trinkfreudige Trio Miraculous Mule aus London treibt seine Maultiere schwerbepackt mit Satteltaschen voller Rock´n´Roll und Kisten voller Whiskey und Weihwasser durchs finsteres Blues-Tal und dampfende Soul-Sümpfe in Richtung Gospel-Jerusalem. Das gerade erschienene Album "Deep Fried" mit seinen zehn Hymnen versetzt Hörer und Musikpresse gleichermaßen in Ekstase und läßt viele der bisherigen Musik-Evangelien alt aussehen. Zum ersten Teil des EVOLVER-Interviews ...

 

 

 

 

Saturday Satan, Sunday Saint (Ernest Tubb/Traditional)


EVOLVER: Sowohl in den Texten beziehungsweise den Songtiteln als auch bei der Cover- und Flyer-Gestaltung fällt eindeutig auf, daß bei Miraculous Mule sehr stark religiöse Themen, Gospel-Motive, der Dualismus zwischen Sünde und Erlösung im Fokus stehen ...

Michael J. Sheehy: Alle unsere Texte, zum Teil auch der Sound, leben von der Dualität des menschlichen Wesens, des menschlichen Geistes. Das hat ganz stark etwas mit der Grundstimmung zu tun, in der die Musik entstanden ist, aus der wir unsere Inspirationen schöpfen: Die alten, echten Blues-Musiker pendelten stets zwischen Gemeinde und Gemeinheit, zwischen Satan und Jesus, zwischen Himmel und Hölle. Samstagnacht spielten sie ihre Nummern in verrauchten Spelunken, zwischen Whiskey, drogendampfenden Ausdünstungen und Weibern (sorry!). Am Sonntag zupften sie ihre Instrumente oder spannten ihre Stimmbänder beim Gottesdienst in der Gemeinde. Und das aufrichtig, in der festen Absicht, damit Buße zu tun, mit der Hoffnung, sich von den Sünden der letzten Nacht reinwaschen zu können.

Diese spannende Antithetik ist mir aufgefallen, als ich die wunderbare Biographie über Jerry Lee Lewis von Nick Tosches gelesen habe. Dieses Werk, "Hellfire", ist für mich das beste Buch, das bisher über Musik verfaßt wurde; man kann die Leistung von Tosches, natürlich auch wegen seiner anderen Arbeiten, nicht hoch genug bewerten. Seine Lewis-Biographie atmet auf jeder Seite den innerseelischen, südstaatentypischen Widerspruch des "Killers", zeigt seinen Kampf zwischen Seelenheil und Sündenfall. Davon ausgehend habe ich mich dann mit den speziellen Themen der Blues-, Gospel- und Spiritual-Music der Südstaaten beschäftigt - und bin selbst nicht mehr davon losgekommen, amen!

 

Blues ist der entscheidende Musikstil, der durch alle Bandprojekte fließt wie der Mississippi ...


EVOLVER: Du arbeitest sehr viel und in unterschiedlichen Musikprojekten. Was genau macht nun den Reiz, das Besondere von Miraculous Mule aus - im Vergleich zu anderen Bands, in denen du mitwirkst?

Michael J. Sheehy: Ich hoffe, vorhin schon verdeutlicht zu haben, daß der Blues der fundamentale Musikstil ist, der mir wichtig ist, und der daher auch durch alle bisherigen Bandprojekte fließt wie der Mississippi. Als Unterscheidungsmerkmal kommt es mir aber oft so vor, als sei Miraculous Mule so etwas wie die ältere, weisere Variante von Saint Silas Intercession (minus einem Mitglied). Und meine Soloarbeiten sind durch die sehr einsame Art des Songwritings gekennzeichnet, alles liegt dort an mir, im Positiven wie im Negativen. Dadurch kommt es auch viel stärker zu Experimenten und Veränderungen von Grundideen im Sound und im Aufnahmestudio. In einer Band zu arbeiten ist lohnender, man erweitert mehr den musikalischen und individuellen Horizont, und es ist nicht so einsam (lacht dabei).

 

 

Ich selbst bin eher eine Art DJ-Autist.


EVOLVER: Du und Patrick seid beide schon seit einiger Zeit erfolgreich als DJs unterwegs, unter anderem auch für die wundervolle Compilation-Serie "Spoonful". Inwieweit ist diese Tätigkeit wichtig für das musikalische Schaffen?

Michael J. Sheehy: Leider haben wir nicht sehr viel Zeit für das Auflegen, aber wir genießen absolut jede Minute zwischen Platten und hinter dem Mischpult. Auf diese Art haben Patrick und ich noch einen weiteren Kanal gefunden, die Musik, die wir lieben, mit anderen teilen zu können. Wobei ich gestehen muß, daß Patrick einfach der brillantere DJ ist! Er hat ein extrem gutes Gespür dafür, welche Stimmung gerade auf der Tanzfläche herrscht, und ist sehr gut darin, mit seiner Song-Auswahl darauf zu reagieren. Ich selbst bin eher eine Art DJ-Autist: Für mich ist es nicht entscheidend, wie ich die Tanzfläche in Flammen setzen kann, ich liebe es eher, die Hörer zu fordern, durch interessante Gegensätze oder spannende Kombinationen. Als Duo "funktionieren" wir aber so ganz gut; die Compilations gibt es übrigens via Spoonful-Records ... Du hast ja, glaube ich, auch schon einen Pulp-Country-DJ-Sampler für dieses kleine, feine Label rausgebracht (Eigenlob, das gut tut! Der Verfasser).

 

EVOLVER: Hast du den gerade aktuellen Streifen der Coen-Brüder, "Inside Llewyn Davis", schon gesehen? Der würde gut in euren Kunstkosmos passen.

Michael J. Sheehy: Gesehen habe ich den Film leider noch nicht, aber schon sehr gemischte Kritiken darüber gehört; ich will mir aber natürlich erst selbst "ein Bild" davon machen. Ich schätze die Filme der Coen-Brüder sehr, am besten gefallen mir "The Big Lebowski" und natürlich "O´ Brother Where Art Thou?" In beiden ist die Musik einfach exzellent, wobei der letztere Soundtrack uns natürlich noch eine Ton-Spur näher liegt. Kennst du die Live-Verfilmung dazu, den Konzertfilm "Down From The Mountain", aus dem alten Ryman-Auditorium? Ein absolutes Muß für Fans der Südstaaten-Sounds!

 

EVOLVER: Schließen wir mit einer wahrhaft höllischen Frage: Angenommen, der Leibhaftige würde - aller Gospel-Energie zum Trotz - heute Nacht bei dir aufkreuzen, um dich mit in die Hölle zu nehmen, dir aber zugestehen, sechs Alben mitzunehmen, um die Teit dort etwas zu verkürzen. Welche sechs "Stay-In-Hell-And-Have-Some-Fun-Höllenbastard-Alben" würdest du auswählen?

Michael J. Sheehy: Wow, dazu müßte man natürlich erstmal definieren, was ein "Stay-In-Hell-And-Have-Some-Fun-Höllenbastard-Album" ausmacht! Aber ich kann mir gut vorstellen, was du damit meinst, also versuche ich es einmal:

 

1) Dr John - Sun Moon and Herbs

2) Elvis Presley - Sun Sessions

3) Jimi Hendrix - Axis Bold As Love

4) The Stooges - Funhouse

5) Various Artists - Negro Prison Blues and Songs (Recordings by Alan Lomax)

6) Nina Simone - Pastel Blues

 

Das also wäre meine höllische Höllenliste für diesen Sonntag! Aber es kann durchaus sein, daß, wenn du mich nächsten Sonntag noch einmal fragen würdest, die Liste ganz anders aussähe ...

 

Emmerich Thürmer

Miraculous Mule


Line-up:

Michael J. Sheehy: Vocals, Guitar, Piano, Organ, Percussion

Patrick McCarthy: Vocals, Bass, Lap Steel, Banjo, Percussion

Ian Burns: Drums, Percussion

and Guests

 

Aktuelles Album:

Deep Fried, Bronze Rat/Muletone, Soulfood

 

Diskographie:

"Miraculous Mule", 10", Stag-O-Lee/Glitterhouse

"Deep Fried", CD, Glitterhouse

 

Andere Projekte:

Michael J. Sheehy: "Ghost On The Motorway", Glitterhouse

Michael J. Sheehy And The Hired Mourners: "With These Hands: The Rise And Fall Of Francis Delaney", Glitterhouse

Saint Silas Intercession: "All About The Money", Stag-O-Lee/Glitterhouse

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