Stories_Plakativ: Brüno/Kommissar Bellamy

A Man With A Dildo

Der immer dickere Gerard Depardieu schleppt sich durch einen weiteren Film. Außerdem: Ein schwuler Kärntner erobert Hollywood. Wenn das der Jörg noch miterlebt hätte ...    10.07.2009

Brüno

 

Was wir sehen: einen feschen jungen Mann mit glattrasierten Beinen in lasziver Pose. Er trägt zum gelben Sommerhütchen ein kariertes Hemd, dessen Ärmel sorgfältig abgetrennt sind und etwas, was wohl gehäkelte "Lederhosn" sind. Er steht in einem blühenden Rapsfeld, und die Tagline verkündet "Borat was so 2006".

 

Worum es augenscheinlich geht: Rapsfelder sind gar nicht so unschuldig, wie sie aussehen. Sie sind eigentlich Felder der Lust, auf denen glattrasierte Männer sich ihren erotischen Phantasien hingeben.

 

Worum es tatsächlich geht: Sacha Baron Cohen is back. Und diesmal hat er (fast) noch mehr Ärger im Gepäck als im Jahre 2006. Brüno heißt der Charakter, den Cohen diesmal verkörpert. Brüno kommt aus Österreich und ist ein schwuler Fashion-Reporter, der überraschend unaufdringlich, aber umso exaltierter ist und seine Interviewpartner durch offensive Fragen aus der Fassung bringt.

 

Zum Plakat: So bunt und glatt und "lasziv" das Bild auch ist, so wenig spricht es mich an. Brüno war eigentlich immer einer meiner Lieblingscharaktere in der "Ali G Show". Dort sah er allerdings weniger glatt und exaltiert aus - und somit wesentlich glaubwürdiger, wenn er denn auch stets übertrieben enge Klamotten trug. Der Brüno auf dem Plakat hat aber mit dem Brüno aus der Show scheinbar nichts mehr zu tun. Hier geht es um die Oberfläche. Er ist glattrasiert, hat eine (vermeintlich) schwule Pose eingenommen, trägt (vermeintlich) österreichische Klamotten und steht in einer (vermeintlich) deutsch-österreichischen Landschaft. Er möchte schon mit seinem Äußeren eine starke Reaktion hervorrufen.

Da Cohen mit seinen Filmen polarisiert und durchaus provozieren will, muß ich mich beim Anblick dieses Posters allerdings fragen: Wen regt das noch auf? Wer fühlt sich von diesem harmlosen Bild aufgestachelt? Da steht ein Modepüppchen im Feld – na und? Was hat das mit mir zu tun? Wessen Vorurteile gegenüber Homosexuellen werden da getriggert? Wer hat "schon immer gewußt, das Schwule gern in einem Rapsfeld stehen"?

Das Plakat ist für mich eine vertane Chance, eine Reaktion zu herauszufordern, wie Brüno das im Fernsehen konnte - erst durch den Inhalt und seine innere Haltung hat er Gesprächspartner dazu gebracht, ihre Vorurteile offen auszusprechen. Natürlich ist es schwierig, auf einer visuellen Oberfläche eine innere Haltung darzustellen. Natürlich geht es auch bei Brüno (ebenso wie bei Borat) darum, Spaß an der Provokation, an der Verkleidung zu haben. Aber da der Humor schon einigermaßen brachial ist, ist das Plakat sehr zahm. Cohen bedient hier Vorurteile, die eigentlich keine sind.

Für jemanden, der das Œuvre von Cohen kennt, ist das Plakat bei weitem zu maßvoll. Auf der anderen Seite ist es für jemanden, der nichts mit dem Namen Brüno anzufangen weiß, wenig aussagekräftig - weder sieht es gewollt lustig noch bierernst aus. Handelt es sich also um eine Komödie? Um eine Veralberung? Ist das alles ernst gemeint?

Auch gestalterisch löst das Poster keinen Jubel aus: Cohen wirkt schlecht hineinkopiert, als wäre er im Studio vor dem Bluescreen photographiert worden. Für ein "absichtlich schlechtes" Bild wirkt alles zu glatt poliert. Meines Erachtens würde es zur Brüno-Figur besser passen, wenn er sich entweder in einer sehr viel eindeutigeren Pose befände oder sein Plakat selbst "zusammengebastelt" hätte - mit allem, was glitzert, funkelt und leuchtet, beispielsweise. Hoffentlich ist wenigstens der Film "klischeefreier" als der hier vorgestellte Brüno.

Falls nicht, findet man hier einen der lustigsten Brüno-Beiträge aus der "Ali G Show"-Zeit.

 

 

 

Kommissar Bellamy - Mord als Souvenir

 

Was wir sehen: Gerard Depardieu läuft durch eine grobgezeichnete Welt. Und schaut nach rechts - wo nichts Besonderes zu sehen ist. Darunter der Schriftzug: Gerard Depardieu in einem Film von Claude Chabrol. Sowie der Filmtitel "Kommissar Bellamy - Mord als Souvenir".

 

Worum es augenscheinlich geht: Claude Chabrol hat mal wieder einen Film gemacht. Die Hauptrolle spielt Gerard Depardieu. Er spielt einen Kommissar.

 

Worum es tatsächlich geht: Anstatt mit seiner Frau in den Urlaub zu fahren, löst Kommissar Bellamy lieber das Rätsel um den fremden Mann, der eines Tages bei ihm auftaucht und ihm berichtet, für eine Frau jemanden getötet zu haben. Doch gibt es diese Frau überhaupt? Dann taucht auch noch Bellamys Halbbruder Jaques (Clovis Cornillac) auf und will einiges mit ihm ins Reine bringen. Ist das tatsächlich noch besser als Urlaub? Corvillac könnte einigen aus dem seltsamen, aber stilistisch und visuell beeindruckenden "Eden Log" ein Begriff sein, in dem er die Hauptrolle spielte. Für mich war das der erste Film, in dem ich ihn gesehen habe, aber der Herr hat schon unglaubliche 66 Filme gedreht, die bei IMDb gelistet sind - und damit trotzdem rund 100 Filme weniger als Depardieu, der offenbar immer behäbiger wird: Im Trailer zu "Bellamy" bewegt er sich sehr langsam und spricht auch in der immer gleichen Tonlage.

 

Zum Plakat: Eigentlich kann man an diesem Plakat absolut nicht erkennen, worum es eigentlich geht. Und auch wenn man es länger betrachtet, scheint nur wichtig zu sein, daß der Film von Chabrol gedreht wurde und Depardieu mitspielt.

Die gezeichnete Umgebung wirkt lieblos und dahingeschludert, ohne einen Bezug zur Geschichte oder Stimmung des Films zu haben. Der Hauptcharakter schlendert mit einer Hand in der Hosentasche scheinbar entspannt einen gesichtslosen Boulevard entlang und hält nach etwas Ausschau, was außerhalb unseres Gesichtsfeldes zu sein scheint. Allerdings löst dies keinerlei Gefühlsregung bei Bellamy aus, sodaß es auch nichts Wichtiges sein dürfte, was wir optisch verpassen. Der Schatten, den Depardieu wirft, ist noch unförmiger als er selbst; es wirkt fast so, als hätte der Graphiker einen kubistischen Ansatz verfolgen wollen, in dem alles in seine absoluten Grundformen geteilt ist.

Die Farbgebung des Posters ist zwar nett, die Typographie jedoch scheint genauso gedankenlos wie der Rest des Plakats - daraus läßt sich wirklich keine eindeutige Stimmung des Films ableiten. Andererseits paßt es so perfekt zu seinem Hauptcharakter Bellamy, dessen hervorstechendste Eigenschaft seine Durchschnittlichkeit zu sein scheint.

Im großen und ganzen wirkt das Plakat eher zu modern in seiner Farbgebung und den gewollt "modernen" Graphikelementen, als es der Film und dessen Geschichte rechtfertigen würden. Warum hat man nicht einfach ein schönes oder eindrucksvolles Szenenbild des Films genommen? Auch da hätte man Depardieus Namen sicher groß unterbringen können - und zumindest stilistisch hätte das besser gepaßt.

 

C. Franziska Richter

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