Stories_Plakativ: Harry Potter/Birdwatchers

Unterhaltung vom Fließband

Alle Jahre wieder ein neuer "Harry Potter" ... Wir schauen lieber den Vögeln zu und überlassen die Plakatanalyse wie jede Woche der Dame mit dem Blick fürs Detail.    17.07.2009

Harry Potter und der Halbblutprinz


Was wir sehen: Ein junger Mann mit John-Lennon-Brille (die man ja seit ein paar Jahren "Harry-Potter-Brille" nennt), steht - mit Trainingsjacke, Minizauberstab und skeptischem Blick - im Windkanal. Hinter ihm schauen uns drei Menschen noch mißtrauischer an: ein älterer Herr mit weißem Rauschebart und ein junges Teenie-Pärchen, das offensichtlich schlecht gefrühstückt hat. Dahinter ganz in Blau eine Stadtsilhouette von London.


Worum es augenscheinlich geht:
Huch, Zauberei! Wie verwandelt man das immer regengraue London in ein windgepeitschtes, blaues London? Antwort: Mit einem älteren Zauberer und drei schlechtgelaunten jungen Lehrlingen.

Worum es tatsächlich geht: Im mittlerweile sechsten Teil der Harry-Potter-Verfilmungen rumort es in Hogwarts. Zum einen findet Harry ein geheimnisvolles Buch, das dem mysteriösen "Halbblutprinzen" gehörte (und auch in der Zauberschule scheint man vor dem bösen Lord Voldemort nicht mehr sicher zu sein); zum anderen gibt es neue Lehrer, die sich für Harry noch als sehr nützlich erweisen sollen. Und nicht zuletzt werden nun auch die Hormone von Potter und seinen Mitzauberschülern kräftig durcheinandergeschüttelt - wer liebt wen und warum? (Anm. d. Red.: Aber vor allem: Wen interessiert´s?)

 

Zum Plakat: Wieder einmal bewirbt man den Film, wie es leider zur Gewohnheit geworden ist, mit einem lieblos mit Photoshop zusammengebastelten Collageplakat. Darüber noch der "Gruseliges-Wetter-Filter" gestülpt - und fertig.

Auffällig ist für mich, daß Harry Potter nicht zu altern scheint. Während der Potter-Darsteller immerhin schon ein early twen ist - am 23. Juli, kurz nach Filmstart, feiert Daniel Radcliff seinen 20. Geburtstag -, scheint Harry "für immer 13" zu sein. Er trägt eine wenig stylishe Trainingsjacke, kein Bartansatz ist zu sehen, und auch der ewig brave Haarschnitt ist geblieben. Wenn man bedenkt, daß seit dem ersten Teil immerhin schon acht Jahre ins Land gegangen sind, ist das durchaus überraschend; andererseits durften wir in diesem Kinojahr andere Darsteller ja auch schon rückwärts altern sehen ... Einzig der beim Hosenschlitz erhobene Zauberstab (ist das jetzt eine zu offensichtliche Metapher?) scheint hier Potenz zu besitzen.

Seltsam finde ich, daß alle Abgebildeten so angespannt auf uns schauen, als wären wir der unerwünschte Bösewicht, gegen den die Zauberkräfte eingesetzt werden sollen. Man möchte sich am liebsten umdrehen, um den schmählichen Blicken nicht mehr ausgesetzt zu sein. Fairerweise sollte hier erwähnt werden, daß mir atmosphärisch die Charakterplakate, mit denen auch geworben wird, viel sympathischer sind. Dort sehen die Protagonisten nämlich auch erwachsener und reifer aus - allerdings ist auch dort zu bemängeln, daß die Photostudioaufnahmen der Darsteller mehr schlecht als recht in den Hintergrund eingefügt wurden.

Interessant ist auch zu sehen, daß der "Harry Potter"-Schriftzug bei fast allen Plakaten abgeschnitten ist und auch zur Identifizierung nicht nötig scheint - das Gesicht von Harry Potter darf schon fast als ikonographisch gelten und hat hohen Wiedererkennungswert. Die Evolution der Plakate ist aber auch nicht sonderlich ausgeprägt, wie man auf untenstehender Zusammenstellung (via filmposter-archiv.de) sehen kann. Schon immer standen die drei gleichen Charaktere im Mittelpunkt, und auch die Farbgebung ist (bis auf das erste Plakat) verblüffend einheitlich, sodaß ich als Außenstehende (habe weder die Bücher gelesen noch einen Teil zur Gänze gesehen) immer das Gefühl hatte, es handle sich um einen einzigen Film.
Für Fans also das vertraute Konzept - und die zieht es ohnehin auch ohne Werbung ins Filmtheater.

 

 





 

Birdwatchers - Das Land der Roten Menschen


Was wir sehen: Ein scheinbar rituell bemalter junger Mann schaut uns grimmig an. Unter ihm befindet sich der Filmtitel "Birdwatchers - Das Land der Roten Menschen", darunter wiederum liegt ein junges Mädchen in einer Schwimmhalle bekleidet am Beckenrand und tupft ihre Finger ins Wasser, sodaß kreisrunde Wellen entstehen.

Worum es augenscheinlich geht:
das Aufeinanderprallen zweier Kulturen - Zivilisation vs. Natur.

 


Worum es tatsächlich geht:
Eine wohlhabende Familie nutzt ihren Landsitz im brasilianischen Urwald, um Touristen die Vogelbeobachtung näher zu bringen. Das Land gehörte ursprünglich guaranischen Indios, die jetzt in einem Reservat leben und dort ein Dasein in sklavenähnlichem Zustand fristen, das ihren Unmut und Frust immer größer werden läßt. Als sich aus Perspektivlosigkeit gleich zwei junge Indios umbringen, wollen die Älteren nicht mehr tatenlos zusehen: sie starten eine Revolte, um ihr Land zurück zu erobern.

 

Zum Plakat: Daß hier zwei Welten aufeinanderprallen, ist für mich auf den ersten Blick erkennbar. Der rituell bemalte Indio und das gekachelte Schwimmbad mögen so gar nicht zueinander passen. Interessant finde ich die Haltung der zwei Abgebildeten: Während der Indio aktiv und kämpferisch erscheint, wirkt das junge Mädchen in seiner liegenden Haltung passiv und gelangweilt, vielleicht auch übersättigt. Beide versinnbildlichen so den Kontrast, der zwischen ihnen besteht. Auf der einen Seite der junge Mann, der nichts hat außer seinem Stolz - auf der anderen Seite eine junge Frau, die sich scheinbar um nichts sorgen muß und sich in ihrem Überfluß sogar langweilt.

Daß die Landbesitzer mit der Erde nichts anderes anzufangen wissen, als ein kleines Abenteuer für Touristen zu bieten, muß die Ureinwohner schockieren und verärgern. Ihnen gehörte das Land, und sie wüßten es besser zu nutzen. Im Trailer ist dieser Konflikt in einer Szene auf die Spitze getrieben, in der sich einer der Stammesältesten eine Handvoll Erde in den Mund steckt und sie ißt. Dieses Bild wäre ein noch stärkeres Motiv für das Plakat gewesen, symbolisiert es doch den Ursprung allen Lebens für die Indios. Ihre Verzweiflung über ihre Abschiebung und die dadurch symbolisierte Ungerechtigkeit wird in diesem Bild ebenfalls sichtbar.

Das vorliegende Motiv ist sicher etwas gefälliger und im wahrsten Sinne des Wortes "sauberer", als es das Bild eines Erde essenden Mannes sein könnte. Aber wäre es unter Umständen nicht auch befreiend, mal wieder ein provokantes Bild zu sehen? Zumindest könnte es auffälliger sein als das gegenwärtige Plakat, das jedoch stilistisch und technisch gut gemacht ist. Vor allem, daß der Mann Augenkontakt mit uns hält, ist ein Hingucker, wie ich schon mehrmals bei anderen Plakaten betont habe.

 

 

 

C. Franziska Richter

Kommentare_

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sarah - 28.07.2009 : 08.48
Abgesehen von dem Poster - Was ich wirklich langweilig finde? Wenn sich Kritiker schon deshalb negativ äußern, weil sie den Film nicht mögen. Die Redaktion hat es auf die "Dame" abgewälzt - und für sie ist es zu langweilig. Nicht einen Film gesehen/ Buch gelesen und dann drüber urteilen was anscheinend gemeint ist? Habe ich schon zu oft gelesen. Viel interessanter wäre es gewesen, jemanden darüber urteilen zu lassen, der nicht von vornherein spottet, da er es für "uncool" hält, sondern, der sich auskennt und realistisch erklären kann, warum das Plakat (auch bei Fans) auf Ablehnung stösst...
Franziska - 28.07.2009 : 13.41
Och, so harsch war die Kritik doch gar nicht (die sich im Übrigen nur auf das Plakat bezieht)... ich habe hier nur bemängelt (wie ich es übrigens auch bei anderen Filmen schon getan habe), dass das einfallsloseste Plakat zur allgemeinen Werbung dient; die Teaser-Plakate fand ich wesentlich atmosphärischer.
Interessant würde ich finden, wenn du (als Fan?) mir mal erzählst, warum du denn nun das Plakat auch nicht magst?
Franziska - 28.07.2009 : 13.45
PS: Im Übrigen versuche ich alle Plakate, die ich rezensiere als Außenstehende anzuschauen, die nichts von dem Film weiß; genau darum geht es in meinen Rezensionen nämlich: was erzählt mir das Plakat über einen Film, über den ich nichts weiß?
die Redaktion - 28.07.2009 : 18.39
Übrigens, junge Frau Sarah! Die Redaktion hat gar nichts auf irgendwen abgewälzt - und natürlich zum Teil die Potter-Bücher gelesen und die Filme gesehen (also, insgesamt sicher alle, ist ja auch eine ordentliche Redaktion). Vielleicht sollten Sie sich etwas genauer anschauen, worum es in den Plakat-Reviews unserer geschätzten Autorin geht.

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