Stories_Plakativ: Zerrissene Umarmungen/Public Enemies

Ich seh, ich seh, was du nicht siehst ...

Erblindete Regisseure und charismatische Gesetzesbrecher stehen diesmal im Mittelpunkt unserer wöchentlichen Plakatanalyse. Schauen Sie sich das an!    07.08.2009

Zerrissene Umarmungen


Was wir sehen: Eine hübsche Frau mit wallendem Haar schaut, den Mund leicht geöffnet, über ihre Schulter nach hinten. Sie scheint überrascht über das, was sie da sieht. Die Farben sind auffällig und kontrastreich; dazu jede Menge Schrift, die uns die wichtigsten Beteiligten nennt - und natürlich den Filmtitel.

 


Worum es augenscheinlich geht: Ein bißchen rätselhaft, dieses Plakat. Im Grunde genommen läßt es Tausende Assoziationen zu, aber nichts Konkretes.

Worum es tatsächlich geht: Mateo Blanco (Lluís Homar) war Regisseur. Bei einem Autounfall vor 14 Jahren verlor er nicht nur sein Augenlicht, sondern auch die Liebe seines Lebens: Lena (Penélope Cruz). Um weiterleben zu können, läßt er auch seine Identität sterben und lebt als Harry Caine weiter - ein blinder Schriftsteller, dem aus seinem alten Leben nur seine treue Produktionsassistentin geblieben ist. Er entwickelt alle seine Sinne, um den Verlust seines Sehvermögens auszugleichen und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Eines Tages wird er durch den Unfall eines Freundes in die Vergangenheit zurückgezogen und muß sich seinen Dämonen stellen ...

 

Zum Plakat: Das Poster gibt es in verschiedenen Farbvariationen, die - wie oben zu sehen - nebeneinander gezeigt an Andy Warhols Pop-art-Porträts erinnern. Ihnen allen gemein ist die starke und auffällige Farbgebung. Die Kombinationen reichen von progressivem Rot/Violett über gefälliges Blau/Rot bis zu einem schrillen Grün/Violett. Der Filtereffekt, der über dem Foto von Penélope Cruz liegt, fällt dabei in der am häufigsten genutzten Variante (Blau/Rosa, ganz links) am wenigsten ins Gewicht. Bei den anderen Farbvarianten wirkt ihr Gesicht wesentlich graphischer, wie die Farbkopie eines mit Wasserfarben gemalten Bildes.

Interessant daran ist, daß es im Film ja um einen blinden Mann geht, dessen Sehkraft der Hauptsinn war, den er bei seinem Beruf brauchte. Einen blinden (Film-)Regisseur gab es bisher nur als Filmfigur, im wirklichen Leben ist dies schwer vorstellbar und erinnert an Beethoven - einen tauben (ertaubten) Komponisten gab es in der Menschheitsgeschichte ja auch nur einmal. Die Figur im Film wendet sich dementsprechend auch von ihrem alten Beruf ab; Almodovar selbst sagte, daß er nie wieder einen Film drehen würde, würde er erblinden. So mag man Mateo auch als Alter ego des spanischen Ausnahmeregisseurs sehen. Das Plakat legt also größten Wert auf die Farbe und das Sehen - man konnte so ein Poster bisher weder riechen noch hören (mit neuer Technik ist dies neuerdings ja sogar möglich), und auch das Kino selbst ist vor allem ein visuelles Medium. Was bleibt, wenn man nichts mehr sieht und die Bilder vor dem inneren Auge ausreichen müssen?

Von der Geschichte des Films erzählt dieses Plakat also weniger, von der Befindlichkeit des Protagonisten umso mehr: Im Mittelpunkt stehen seine große Liebe und die Sehkraft, repräsentiert durch die kräftigen Farben. Der Filmtitel mag dabei weder zum Plakat noch zum Film passen, erklärt sich aber vielleicht nach Ansehen des Filmes. Die Schrift hebt sich verhältnismäßig schlecht vom Hintergrund ab und ist auch auf Grund der Versalien und Serifen schlecht lesbar. Da stellt sich die Frage, ob das ein weiteres "Seh-Rätsel" ist oder ob es nicht angebracht gewesen wäre, wenigstens mit einem kleinen Schlagschatten zu arbeiten, der die Schrift noch etwas mehr vom Hintergrund abheben würde.

Insgesamt gefällt mir das Konzept des Plakats sehr; allerdings erschließt es sich meines Erachtens erst, wenn man sich mit dem Inhalt des Filmes auseinandersetzt.



 


Public Enemies

 

Was wir sehen: Es gibt eigentlich mehrere Plakate zu diesem Film, die jedoch alle ähnlich gelagert sind: Im Mittelpunkt steht ein Gangster in grauem Anzug, Mantel und Hut, der eine Knarre und wahlweise einen herausfordernden, spöttischen oder finsteren Blick hat. Hinter ihm sind Wolkenkratzer und Autos aus vergangener Zeit zu sehen. Auffällig: Johnny Depps Name steht noch über dem Filmtitel "Public Enemies".


Worum es augenscheinlich geht: Kleidung, Waffe und Umgebung lassen auf einen Film schließen, der in den Dreißigern im New Yorker Gangster-Milieu spielt.

Worum es tatsächlich geht:
Der Film basiert auf dem Leben von John Dillinger (dargestellt von Johnny Depp), einem der bekanntesten amerikanischen Verbrecher. Er war der erste Gesetzesbrecher, den das FBI als "Staatsfeind Nummer 1" bezeichnete. Im Film wird FBI-Chef Edgar Hoover von Billy Crudup gespielt; er arbeitet zusammen mit dem Agenten Melvin Purvis (dem inzwischen allseits präsenten Christian Bale) zusammen. Doch Dillinger scheint den Gesetzeshütern bei seinen Banküberfällen immer eine Nasenlänge voraus zu sein ... Der vorliegende Streifen ist übrigens schon die vierte Verfilmung, die sich mit dem Leben des Gangsters beschäftigt.

Zum Plakat: Das Milieu, in dem der Film spielt, und auch die Sympathie, die die Filmemacher für ihren Protagonisten haben, sind auf den ersten Blick erkennbar. Daß es sich bei dem Abgebildeten um die Figur Dillingers handelt, ist für versiertere Menschen als mich vielleicht ebenfalls gleich erkennbar; ich mußte dazu allerdings erst die Inhaltsangabe lesen.

Sehr interessant erscheint mir bei dieser Plakatreihe die Farbgebung: Die Poster sind allesamt in einem bläulichen Grauton gehalten, der fast Schwarzweiß wirkt. Auf eine Kontrastfarbe wurde verzichtet, was den altmodischen Charakter noch betont. Johnny Depp wirkt auf allen Plakaten absolut kontrolliert und mächtig - daß er derjenige ist, der das sprichwörtliche Ruder in der Hand hält, ist offensichtlich. Daß Depp mittlerweile über dem Filmtitel genannt wird, ist sowohl eine Auszeichnung als auch erstaunlich - im Gegensatz zu anderen "Kassenmagneten" hat sich Depp vor allem damit hervorgetan, niemals das zu tun, was man von ihm erwartet. Zudem hatte er in seiner inzwischen mehr als 20 Jahre währenden Karriere auch faktisch keine Aussetzer ("Don Juan" ist u. U. fragwürdig). Michael Manns bester Film als Regisseur ist für mich bisher "The Insider", bei dem er ebenfalls eine wahre Geschichte verfilmte; ich bin also gespannt, was er aus diesem Stoff gemacht hat.

Wirklich besonders ist an diesem Plakat eigentlich nichts - wenn man sich für Gangster-Filme und Johnny Depp interessiert, ist man in der richtigen Zielgruppe, sowohl für Plakat als auch Film. Die genügsame Farbgebung und schlichte Komposition machen das Poster jedoch zu einem angenehmen Hingucker, der durch Depps ausdrucksstarkes Gesicht einiges gewinnt.

 

 

C. Franziska Richter

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