Texte_Shadow

Grillfleisch al dente

Die guten alten Zeiten, als die kreativ-grausigsten und gleichzeitig atmosphärisch dichtesten Horrorfilme aus Italien kamen, sind bekanntlich längst vorüber. Mario Bava ist tot, Lucio Fulci detto, und Dario Argento sieht auch nicht mehr gut aus. Flächendeckende Gruselödnis also im Land, wo die Zitronen blüh'n? Nicht ganz.    25.06.2010

"L'horror italiano s'è desto!"

(Federico Zampaglione)

 

Nein, der "neue Argento" ist er nicht. Auch wenn ihn so mancher italienische Kommentator auf dieses Podest stellen will: Federico Zampaglione, Mitglied der in Italien recht erfolgreichen Popband "Tiromancino" und Regisseur der vom Publikum nicht gerade gestürmten Komödie Nero Bifamiliare. Seit seinem Genre-Debut Shadow ist er allerdings zum Darling der Festivals und so mancher Kritiker avanciert.

Im Mai 2010 fand die gefeierte Uraufführung in Rom statt. Ob der Film auch zu uns gelangt (und zwar dorthin, wo er hingehört, nämlich ins Kino) ist fraglich. Wahrscheinlich darf man bestenfalls mit einem DVD-Release rechnen. Wie bei Horrorfilmen halt üblich, wenn nicht Michael Bay draufsteht, oder es sich um einen dieser nach dem ewiggleichen Schema gestrickten Multiplex-Hirntöter handelt.

Dabei funktioniert der Film durchaus auf mehreren Ebenen und könnte Saw-Adepten ebenso gefallen wie Freunden altmodischer Gruselatmosphäre ...

 

... In einem nicht näher genannten Gebiet in den Alpen: Der Ex-Irakkrieg-Soldat David (Jake Muxworthy) versucht bei einer Radtrecking-Tour quer durch Europa die Schrecken des Krieges zu vergessen. Auf einer Schutzhütte lernt er die junge Angeline (Karina Testa) kennen, die ebenfalls auf dem Drahtesel die Einsamkeit sucht; was bald Zweisamkeit zur Folge hat.

Doch können die Frömmsten nicht in Frieden leben oder gar herumschmusen, wenn zwei Freizeitjäger auftauchen, die sich nicht nur in schlechtem (und frauenverachtendem) Benehmen hervortun, sondern auch auf alles schießen, was sich bewegt. Und sehr nachtragend sind, wenn man ihnen das Wild, das sie schon im Fadenkreuz hatten, durch Händeklatschen vertreibt - wie es die tierliebende Angeline zu tun pflegt. Ab diesem Zeitpunkt jedenfalls dürfen die beiden Radfahrer zeigen, was in ihren Wadeln steckt, denn nun sind die Jäger samt ihrem blutrünstigen Hundsviech (das auf den entzückenden Namen "Kaiser" hört) hinter ihnen her.

Eigenartig nur, daß besagter Kaiser plötzlich verschwindet - und wenig später in an Grillwurst gemahnendem Zustand aufgefunden wird; was sich weder Jäger noch Gejagte erklären können. Auch Angeline (die auffallend stark an Davids Kriegsvergangenheit interessiert ist und auch einiges über ihn zu wissen scheint) löst sich von einem Augenblick auf den anderen gleichsam in Waldesluft auf, ohne auch nur die leiseste Spur zu hinterlassen. Und zu allem Überdruß gibt's ja auch noch die Legende eines ehemaligen KZs in den Bergen, das sich in der Nähe befinden soll.

David jedenfalls schafft es, sich auf der Suche nach seiner Begleiterin einen Weg durch zunehmend verheerendes (Un-)Wetter zu bahnen, der ihn zu einem abgelegenen Gehöft führt. Ein Auto fährt langsam auf ihn zu, aus dem frohgemut-volkstümliche italienische Schlagermusik dringt, die aus den 30er- oder 40er-Jahren stammen könnte. Und was das Publikum schon freudig ahnt (nur David nicht): Damit fangen die Schwierigkeiten erst so richtig an. Denn anbrennen läßt sein Gastgeber in spe nichts ...  

 

Gut: Wem jetzt "Malen nach Zahlen" einfällt, der hat wahrscheinlich nicht so ganz unrecht. Denn natürlich arbeitet Zampaglione mit Elementen, die man schon des öfteren auf der Leinwand (oder in Büchern zweifelhafter Schreiberlinge) erleben durfte. Doch war das im italienischen Filmschaffen noch nie ein Problem (ich sage nur "Spaghetti-Western"), denn letztendlich kommt es ja auch darauf an, wie man's macht. Und hier sorgt Zampaglione für nervenaufreibende Unvorhersehbarkeiten, die sich gewaschen haben. Was nämlich als brillant gefilmter Survival-Thriller (im spätherbstlichen Alpengebiet zwischen Österreich, Italien und Slowenien) beginnt, kippt dann in ein Folterfilmchen-Setting der besonders üblen (und politisch ausgesprochen unkorrekten) Art, um nach einigen weiteren Plot-Twists ... nein, das werde ich Ihnen jetzt nicht sagen. Und wenn Sie sich den Film angesehen haben, werden Sie auch verstehen, warum.

Mit dem sinistren "dünnen Mann" Nuot Arquint, der einen verhaltenskreativen Zeitgenossen namens Mortis (!) spielt, präsentiert Shadow auf jeden Fall einen der beeindruckendsten Bösewichte seit Freddy Krueger (dem Original, wohlgemerkt); und angeblich war da gar nicht viel Verkleidung nötig.

Ein kongenialer Soundtrack - von Zampaglione selbst, seinem Bruder Francesco und Andrea Moscianese - sowie eine Geräuschkulisse, die alleine schon Schüttelfrost verursacht, tragen ihren Teil dazu bei, den Suspense-Level durchgehend im roten Bereich zu halten. Wenige, dafür eruptive und wirklich nervenzerrende Gewaltszenen verleihen Shadow noch die adäquate Würze (und verleiden Ihnen im Anschluß daran garantiert jeden Grillabend).

Was aber am meisten erstaunt, ist die Konstruktion des Bösen. Denn hier gerät bei genauerem Hinsehen die übliche Opfer-Täter-Zuordnung gehörig ins Schwanken. Und auch wenn der Schluß von Shadow beinahe 1:1 einem Film aus dem Jahre 1990 gleicht (naaa...?), verläßt man nach knapp 80 Minuten ziemlich fertig ("betroffen" würden Alt-68er wohl sagen, täten sie sich sowas überhaupt anschauen) den Kinosaal.

Klar gibt's einige Logiklöcher - und nicht jeder Handlungsschlenker scheint hundertprozentig gerechtfertigt. Dennoch hat Zampaglione mit Shadow einen der überraschendsten und bösesten Horrorthriller der letzten Jahre abgeliefert; zudem einen, bei dem man das Hirn nicht schon an der Garderobe abzugeben braucht.

 

Um zu guter Letzt doch noch auf Herrn Argento zurückzukommen: Nicht nur der Soundtrack erinnert oftmals an seine Lieblingsfilmmusikanten (die Band Goblin beziehungsweise deren Mastermind Claudio Simonetti); der Meister selbst hat vor Drehbeginn das Skript gelesen und einige Änderungen erbeten, die Zampaglione dann auch durchführte. So wurde aus einem italienischen Exsoldaten der US-amerikanische Irakveteran, und der Film auch gleich auf Englisch gedreht (der italienische Akzent europäischer Protagonisten ergibt da durchaus Sinn), um auf dem angloamerikanischen Markt von vornherein mehr Chancen zu haben. (Denn, wie wir alle wissen, halten die Burgerfresser Untertitel für zu anstrengend, und den Gebrauch ihnen fremder Sprachen sowieso für unamerikanische Umtriebe.)

Parallel dazu gibt es eine italienische Synchronfassung.

 

Wie auch immer - und vorauseilender Gehorsam gegenüber dem Weltmarkt hin oder her; Shadow ist zwar kein Meisterwerk, aber der erste relevante Filmeintrag im Buch des Italo-Horrors seit Michele Soavis Dellamorte Dellamore (1994). Und das ist schon einmal sehr, sehr viel.

 Ein neuer Argento ist Zampaglione nicht. Aber das muß auch nicht sein. Der neue, durchaus vielversprechende Zampaglione ist uns nämlich fürs erste auch recht.

Thomas Fröhlich

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Shadow

ØØØØ

L'ombra

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Blu Cinematografica (I 2009)

75 Min., ital. Fassung oder engl. OF
Regie: Federico Zampaglione
Darsteller: Jake Muxworthy, Karina Testa, Nuot Arquint, u.a.

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