Stories_Simon Templar - Season 1

Säulenheiliger der verschmitzten Verführer

Mit dieser Veröffentlichung wird eine weitere britische TV-Style-Legende aus dem ITC-Universum wiedererweckt - und die Wartezeit auf Mrs. Peel angenehm verkürzt.    17.05.2006

Ich freue mich immer, wenn wenigstens der Beifahrer Auto fahren kann.

 

Gleich zu Anfang wirft das "Simon Templar"-Box-Set einige Fragen auf: zunächst einmal die, warum die von Sammlern alter TV-Serien aus dem Vereinigten Königreich besonders ins Herz geschlossene Firma Koch Media das Set als erste Staffel anpreist. Die zweite Frage schließt sich direkt daran an: Warum wird hier eigentlich mit der fünften Season gestartet?

Ein Grund dafür ist sicherlich, daß sich ITC im fünften Jahr entschloß, die bis dato nur in England erfolgreiche Schwarzweißserie für den Weltmarkt aufzupeppen, also erstmals in bunten Flower-Power-Farben zu drehen. Anders als bei den vorangegangenen 71, eher üblichen Krimistandards entsprechenden Episoden, setzten die Macher ab Season 5 verstärkt auf mondänen Glamour und die Welt des Jet-set, wodurch sie auf jeden Fall schon einmal Brett Sinclair und Jason King vorwegnahmen. Die zwischen 1928 und 1963 entstandenen und teilweise schon für das Kino aufbereiteten literarischen Vorlagen von Leslie Charteris hatten weitgehend ausgedient.

Ein weiterer Grund für die Wahl der fünften Staffel ist wahrscheinlich in der Sendepolitik im deutschsprachigen Raum zu finden: "Simon Templar" startete dort mit vierjähriger Verspätung und unter Verwendung nur weniger Folgen der ersten vier Seasons. Die ARD setzte 1966 auf Farbe, obwohl Colour-TV in Deutschland noch gar nicht verfügbar war. Hauptdarsteller Roger Moore wurde ein weltweiter Star, dabei wollte er eigentlich nach der vierten Staffel aufhören. Er befürchtete, daß er, wenn die Serie noch erfolgreicher werden würde, auf ewig Templar spielen müsse - und sollte recht behalten: In Farbe wurde "The Saint" zum Welthit, und Moore blieb auf ewig der Typ smarter Brite.

Die Nähe zu Sinclair und Bond könnte ein weiterer Grund für die Wahl dieser speziellen Staffel sein. Zu hoffen bleibt allerdings, daß sich Koch dazu aufrafft, auch die sehr guten S/W-Folgen herauszubringen. In England ist schließlich die komplette Serie als Monster-Box erhältlich.

 

Season 5 markiert einen Wendepunkt bei "The Saint", da Simon Templar damit zur bis dahin teuersten britischen TV-Serie wurde. Nach heutigen Maßstäben ist das natürlich kaum mehr zu erkennen. Lange Passagen sind so gedreht, daß der Zuschauer sofort sieht, daß sie im Londoner Studio entstanden sind. Freilich gibt es auch die Drehs in Monte Carlo oder an anderen Orten, an denen sich die Reichen tummeln. Aber in der Regel wurde - wie bei "Die 2" - einfach nur die Studiowohnung leicht umdekoriert, ein und derselbe Lieferwagen wieder und wieder verwendet und der neue Jaguar MKII natürlich nicht wirklich in die Luft gejagt.

Auch die Zahl der Schauspieler und Komparsen war begrenzt; mancher Mime tauchte mehr als ein Dutzend Mal in genauso vielen unterschiedlichen Rollen auf. Donald Sutherland mischte immerhin zwei Mal in "The Saint" mit. Eine interessante Folge für alle Fans britischer Serien ist "The Man Who Liked Lions", in der sowohl Peter Wyngarde (Jason King) als auch Ed Bishop (Commander Ed Straker/"UFO") zu sehen wird.

Saint, abgekürzt "St.", steht für einen Heiligen der besonderen Art, für einen Dieb mit Ehrenkodex. Als versierter Langfinger schreckt der Held nicht davor zurück, Beweismittel zu stehlen oder - zur Aufrechterhaltung seines Lebenswandels - die Besitzverhältnisse ein wenig zu verändern. Diese Umverteilung geschieht aber stets zu Lasten derer, die im Überfluß leben. Ist The Saint also ein moderner Robin Hood? Nicht ganz, da er in der Regel nicht den Armen gibt, sondern eher nach dem Motto "Der Zweck heiligt die Mittel" handelt, das ihn oft genug auch mit dem Gesetz in Gestalt von Chief Inspector Claude Eustace Teal (genial: Ivor Dean) in Konflikt bringt. "St." steht aber auch für die Initialen von Simon Templar. Und für die Anfangsbuchstaben der Pseudonyme, die er benutzt - etwa Sugarman Treacle, Sebastian Tombs oder Sullivan Titwillow.

 

"St." könnte mittlerweile auch für "Sixties Timewarp" stehen. Minirock-Mädchen, dünne, einfarbige Krawatten und besonders Simons weißer Volvo P1800, aber auch die Autos der Gangster, die Mercedes-Heckflossen oder Jaguar-E-Types machen die Serie zum Muß für alle, die auf die Swinging Sixties abfahren. "The Saint"-Schauen ist eine Zeitreise von der Qualität der Connery- und Lazenby-Bonds.

Daß die Serie für hiesige Fernsehmacher damals so heikel war, daß einige Folgen nicht übernommen wurden, ist allerdings nicht mehr nachzuvollziehen. Selbst die Episode "Little Girl Lost", in der eine junge Frau behauptet, des Führers Töchterlein zu sein, ist doch eher harmloser Natur. Aber andererseits wurde auch die Enterprise Folge "Patterns Of Force" jahrzehntelang nicht gezeigt, bloß weil Kirk und Spock darin auf einem Nazi-Planeten landeten.

Einige von Simon Templars Streichen sind aufgrund der Vorauswahl der Verantwortlichen nur im englischen Original und mit deutschen Untertiteln in der Box zu finden. Gesprochen wurde Simon Templar übrigens meist von Moores 007-Stimme Niels Clausnitzer. Lothar "Brett Sinclair" Blumhagen durfte erst in den 80er Jahren einige der bis dato nicht gesendeten Episoden nachsynchronisieren; beide Sprecher verbindet der Zuschauer eindeutig mit Roger Moore. Auffällig ist aber, daß bei beiden Synchronisationen ganze Passagen weggelassen wurden. Warum das geschah, ist eine weitere offene Frage. Die Box enthält diese zensierten Szenen - und dafür ist Koch Media zu danken.

Manfred Prescher

Simon Templar - Season 1

ØØØØ


GB 1966 und 1967/Koch Media

8 DVDs/Region 2

Darsteller: Roger Moore, Ivor Dean, Peter Wyngarde u. a.

 

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