Stories_Rokko´s Adventures im EVOLVER #100

Winners come in all shapes and sizes

Preisfrage: Was haben Mike Tyson, Nikola Tesla und Willy Brandt gemeinsam? Richtig: allesamt Taubenzüchter. Team Rokko hat für Sie einige spannende Geschichten zum Thema "Männer, ihre Vögel und die Pigeon Fancier Convention in Blackpool" auf Lager. Fliegen Sie mit ihm los!    17.11.2017

Rokko´s Adventures ist - so steht es im Impressum - eine "unabhängige, überparteiliche sowie übermenschliche Publikation" und "setzt sich mit Leben, Kunst, Musik und Literatur auseinander". Der EVOLVER präsentiert (mit freundlicher Genehmigung) in regelmäßigen Abständen ausgewählte Beiträge.

 

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Einmal im Jahr findet in Blackpool eine riesige Pigeon Fancier Convention mit starker Working-Class-Verankerung statt. Denn Tauben sind mehr als fliegende Ratten, und Blackpool mehr als Englands billige Saufkaschemme, auch wenn die Google-Bildersuche als erstes Fotos ausspuckt, auf denen sich im Hochprozentigen verlorene "Stags" und "Hens" in die Hosen pissen. Frei nach Dr. John: Gru Gru.

 

Die Raucher zünden sich auf den letzten Metern vor den Winter Gardens im Zentrum von Blackpool noch eine Zigarette an. Es schneit, doch die fachsimpelnden Haudegen lassen sich vom Schneegestöber nicht irritieren. Die Wintergärten selbst sind ein mondäner Gebäudekomplex, wo seinerzeit auch schon Charlie Chaplin gastierte.

Dieses Wochenende ist der prachtvolle viktorianische Bau Austragungsort der Taubenliebhaberei. Labyrinthartig verliert man sich in verschieden dekorierten Bereichen und Sälen: Art déco, Orientalistik, Ägyptik - und zum Glück nicht zu Tode renoviert, sondern noch immer fürs Volk geöffnet. Doch die Armut in Blackpool ist unübersehbar; selbst im Kern der Stadt sind die meisten Geschäfte vernagelt. Statt den von Familien betriebenen Corner-Shops bauen sich die großen Ketten Mörderkomplexe auf und graben den Kleinen das Wasser ab. Blackpool verarmt wie der Rest von England, während London das Gesamtbudget aufsaugt, um die Stadt weiter als Spielplatz für russische Oligarchen und Scheichs aus Katar attraktiv zu halten.

Schwenk zurück von Panama nach Blackpool. Hier ticken die Uhren noch anders, genauer: langsamer, billiger und ehrlicher. Gleich rechts nach der Empfangshalle in den Wintergärten ist ein schmuckes Café der Jahrhundertwende, in dem der Bär schon am frühen Vormittag steppt und alle Tische besetzt sind. Auf der Bühne stehen zwei Brüder um die 60, wie aus einem Ei gepellt, sogar das gleiche Hawaiihemd tragend. Sie spielen Gitarre und singen Hits zur Karaokemusik, bei der einem das Gesicht wohlig einschläft. Jenen Countrykitsch, den Roy Orbison gekonnt umschifft hat, zelebrieren diese Brothers euphorisch phlegmatisch, und es stört nicht einmal. Im Publikum sieht man viele rote Köpfe älteren Semesters, viele große Biere und viele ehrliche Handschläge.

 

Ich lande am Tisch von Schottlands Taubenmeister John Bosworth. Freddy, einer seiner Freunde, gibt mir das Taubenfachbuch "Ways to Rome" von Cameron Stansfield, wo ein Interview mit Bosworth drin ist. Weder angeberisch noch ohne Stolz sagt er, daß er schon vor über 20 Jahren gezielte 500-Meilen-Flüge mit seinen Tauben hinbekommen hat, während seine Kollegen schon bei 350 Meilen ins Strudeln kamen. Die gängigen Renndistanzen heute liegen zwischen 100 und 1.000 km.

"Aber sogar das mit den Tauben wird immer verrückter", seufzt Bosworth. "Ein Chinese hat vor kurzem 365.000 Pfund für eine Taube bezahlt. Die Chinesen, Japaner und Russen kaufen wie wahnsinnig ein, aber eher als Statussymbol und nicht aus ehrlichem Interesse an Tauben oder weil sie sich seit Generationen damit beschäftigt hätten. Dabei sagt der Preis nicht viel über die Qualität einer Taube aus. Du kannst auch eine um zwei Pfund kaufen und damit gewinnen. Oft sind es nämlich die Außenseiter, die Erfolge einfahren. Wie steht es in Österreich gerade um die Taubenzucht?" Für die Antwort, daß wir sie eher vergiften als züchten, ernte ich finstere Blicke vom ganzen Tisch. Ich mache ein Friedensangebot mit jener Richtigstellung, daß sogar die Habsburger große Pigeon Fancier waren.

Die Geschichte geht noch viel weiter zurück. Tauben werden seit Jahrtausenden in sämtlichen Kulturen trainiert und genutzt. Sie waren es, die die Sieger der Olympischen Spiele im alten Griechenland verkündeten, und auch Dschingis Khan ließ von ihnen Botschaften ausfliegen. Großbritannien verwendete allein im Zweiten Weltkrieg 250.000 Tauben, um geheime Nachrichten zu transportieren. Die Londoner Doppeldeckerbusse wurden damals zu mobilen Taubenschlägen umgebaut, während die Royal Air Force Tauben in Kisten verpackt und mit Fallschirmen ausgestattet aus Fliegern zu ihren Einheiten auf dem europäischen Festland abgeworfen hat. Da sie auch leichte Gegenstände tragen können, wurden sie immer wieder dazu verwendet, Drogen und Botschaften in Gefängnisse zu schmuggeln. Freddy nippt am Bier und sagt: "Ja, das ist alles schon eine Zeitlang her. Und das ist das Problem: Die junge Generation läßt ein bißchen aus und hat keine Ahnung mehr, worum es geht. Nämlich sicher nicht um Geld." Viel eher um eine Gemeinschaft, die oft innerhalb der Familie weitervererbt wird. Einige der Leute hier erzählen, daß sie schon in dritter Generation diesem Club angehören. Hier kommen sie zusammen, um Freunde zu treffen, sich auszutauschen, Tauben anzukaufen bzw. zu verkaufen und natürlich, um die Vögel zu bewundern. Bei der Taubenshow, die schon fast 40 Jahre in Blackpool stattfindet, gibt es verschiedene Kategorien: Tauben für die sportliche Flugdisziplin und ihre Nützlichkeit als Nachrichtenträger - und Tauben der Schönheit.

 

Kinga Kong vs Kannibal Junior

 

Taubenzüchten ist eine eigene Wissenschaft. Es gibt so viele Strategien wie Fancier: Greift man auf eine bekannte Zucht zurück oder vertraut man einer unbekannten Art? Wieviel Auslauf sollen sie haben, und wie oft? Welches Futter ist das richtige? Welche Pflegeprodukte sind optimal? Handelt es sich eher um einen Sprinter oder einen Langstreckenflieger? Oder soll man sie als exotische Schönheiten reüssieren lassen? Man kann sich auch nicht auf einen Stamm verlassen. Inzest ist zu vermeiden, unbekanntes Blut willkommen. Schauen, was passiert. Geht man durch die riesig angelegte Messe, sieht man Tauben, bei denen exakt steht, wann und wo sie wie gezüchtet worden sind, Preis, Geschlecht, und besondere Merkmale. Bei einigen wird auf dem Infokärtchen hinzugefügt, daß deren Kinder wieder mit ganz anderen Tauben gekreuzt worden sind, um neue Kombinationen zu testen. Der Taubenveteran Richard Boylin schreibt in der Fachzeitschrift "British Homing World": "To finish my notes for this time, I would like to mention that winners come in all shapes and sizes."

Nicht nur ihre Erscheinungen, auch ihre Namen sind sehr mannigfaltig, darunter "Mucking Fagic", "The Machine", "King Gladiator", "Noble Dream", "Kinga Kong", "Top Lady", "Strongman", "Elvis" und "Kannibal Junior". Zwischen den Käfigen sieht man hauptsächlich Verkaufsstände, Futtertöpfe, Impfmittel, Leiberl, Bücher, DVDs und Fachzeitschriften. Die Besucher nehmen Tauben aus den Käfigen und inspizieren sie genau, bevor sie sie kaufen. Niemand macht Selfies, die Selbstdarstellung weicht den Tieren. Ein alter Geezer hat auf der Hand eine Taube tätowiert, manche Taubenzüchter haben auf ihren Jacken hinten Aufnäher drauf, als gehörten sie zu einer Bikergang.

Andere Verkäufer wiederum stecken in weißen Arztkitteln und bieten Taubenmedizin an, in eigenen Apotheken, als eigene Branche am Gesundheitsmarkt. Die mit Pulvern und Flüssigkeiten gefüllten Kübel offenbaren eine teilweise Verkommerzialisierung, erinnern an die Steroidbomben, die Fitneßfreaks verkauft werden, und tragen vielversprechende Namen wie "Magic Elixir" und "Canker Kill". Es gibt Standln, die "Superior Food" für Tauben anbieten, und sogar ein esoterischer Bescheißer hat sich auf die ansonsten sehr unaufdringliche und niederschwellige Messe verirrt. Er verkauft "magisch aufgeladene" Armbänder für Menschen, gegen Krankheiten, die von Tauben herrühren. Daß es diese Krankheiten tatsächlich gibt, ist unbestritten. Viele Taubenzüchter, die ihre Leidenschaft über Jahre und Jahrzehnte verfolgen, leiden an Asthma, Lungenbeschwerden oder Arthritis, was u. a. mit den Ausscheidungen und der Luftveränderung durch Tauben zu tun hat. Tatsächlich riecht es auch in den Winter Gardens nach Taube, was kein Wunder ist, tummeln sich doch tausende in abgeschlossenen Räumen. Man sieht einige Besucher mit Atem- oder sogar Gasmasken; das sind jene, die durch ihre intimen Taubenkontakte die typischen Krankheiten bekommen haben, sich aber einfach nicht von den Tieren fernhalten können. Daß der Eso-Typ mit ihnen Geld macht, ist deswegen umso ärgerlicher. Er ist übrigens der einzige Typ auf der gesamten, von 25.000 Leuten besuchten Messe, der blöd in seine eigene Kamera grinst und abdrückt.

Verschiedene Taubenvereine werben um Mitglieder und haben Listen auf ihren Tischchen liegen, bei denen man sich eintragen kann. Zum Kaufen gibt´s auch clubeigene "Wing Stamps", Schlüsselanhänger, Kühlschrankmagnete und allen sonstig erdenkbaren Firlefanz. Die Einnahmen gehen großteils an Forschungsinstitute, die sich ernsthaft um die gesundheitlichen Belange der Taubenzüchter kümmern. Der Midlands National Flying Club zeigt auf einem Banner stolz sein Motto: "Taking pigeon racing into the 21st century".

 

Tauben, Menschen und Taubenmenschen

 

Die Schönheitsköniginnen und -könige sind im Obergeschoß des herrlichen Ballsaals der Wintergärten ausgestellt. Bei den in Einzelkäfigen auf einem gemeinsamen Tisch ausgestellten Tieren sind wirkliche Exoten dabei, wo man nicht ans Taubenvergiften denkt. Bei einigen sind die Proportionen so verschoben, daß man nicht einmal mehr an Tauben generell denkt, sondern eher an Hennen oder Größeres. Manche Prachtexemplare sehen aus, als hätten sie einen Tumor am Hals, haben wilde Frisuren und lange Federn an unmöglichen Stellen, samt Farbschattierungen, die mit dem Lichteinfall wechseln und schimmern. Dann gibt´s das genaue Gegenteil, sehr hochgewachsene Tauben mit langem Hals, die an aufrecht stehende Hermeline erinnern. Kurz: verschiedene Größen, Formen und Farben, von schlanken Strizzis über pomadige Bomber bis hin zu nervösen Zapplern, mächtigen Erscheinungen und eitlen Posern. Denen zugrunde liegen zahlreiche Theorien, Experimente und Paarungen. Es wäre natürlich auch interessant, wie die aussehen, die nichts geworden sind ...

Die Leute gehen schlangenweise an den Käfigen vorbei und stecken ihre Finger hinein, lassen sich pecken oder spielen mit den Viechern. Manche Besucher wirken schon mehr wie Tauben als Menschen, so perfekt angeglichen sind ihre ruckartigen Bewegungen und Kopfzuckungen. Sie passen sich den Tauben mit ihrem ganzen Verhaltensmodus so an, wie Eltern mit ihren kleinen Kindern in "Babysprache" reden, nur daß Tauben Tauben bleiben werden, man von den kleinen Menschen aber eigentlich möchte, daß sie wie große Menschen sprechen lernen. Aber so nicht. Ein alter Herr mit Stock bewegt sich wie eine perfekte Taube und macht eigenwillige Schnalzgeräusche. Er scheint sein Leben mehr mit Tauben als mit Menschen verbracht zu haben, wenn man beobachtet, wie er sich verhält und wie er kommuniziert - eine mentale Kreuzung. Er schnalzt, sie schnalzen zurück, woraufhin er sagt: "Oh, I can always get them to do that for me!

Zahlreiche Messebesucher laufen mit luftlöchrigen Kartonboxen rum, in denen es rappelt, schließlich ist das auch eine Verkaufsmesse. Am Abend sperren die Winter Gardens zu, und das Geschehen verlagert sich in verschiedene Lokale der Stadt. Je später es wird, desto mehr Betrunkene sieht man mit ihren neuen Tauben in ihren Schachteln rumlaufen. In Casey´s, einem Pub, das mehr einem privaten Wohnzimmer gleicht, sind dann alle vertreten: Pigeon Fancier, Lesben, Schwule, Heten, Transen, Hooligans und Strizzis sämtlicher Generationen. Sie singen abwechselnd, beklatschen einander, respektieren einander und lassen ihre Unterschiede wertfrei gelten. Der Master of Ceremony der Karaoke-Show sieht aus wie ein mexikanischer Shannon Selberg und ist der Inbegriff von cool. Ein 78jähriger schnappt sich das Mikro von ihm und singt "My Way", Johnny-Rotten-Style. Die Kartonboxen wackeln, bis es hell wird. Wie Kolumnist Herr Ernst zu sagen pflegt: Endlich normale Leute. In allen Größen und Formen.

Rokko’s Adventures

aus: Rokko´s Adventures #17


Text: Rokko

Photos: Charlotte Maconochie

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