Stories_Interview: Thor Kunkel

"I love movies!"

Thor Kunkel hat bereits alle Hochs und Tiefs einer Karriere im Literaturbetrieb hinter sich. Nachdem sein Roman "Schwarzlicht-Terrarium" ihn zum Shooting Star gemacht hatte, folgte nach den unsäglichen Diskussionen um "Endstufe" ein Rückzug zu kleineren Verlagen. Spätestens mit "Subs" ist das enfant terrible wieder da. Guido Rohm sprach mit dem deutschen Schriftsteller.    22.04.2013

EVOLVER: Beginnen wir nicht mit dem, was der Leser erwartet: Literatur. Als wir einander während der vorjährigen Frankfurter Buchmesse trafen, sprachen wir unter anderem über Filme. Welchen Stellenwert haben Filme in deinem Leben?    

Thor Kunkel: I love movies! Schon als Junge hatte ich nichts Besseres zu tun, als mein Taschengeld im "Lichtspielhaus" zu verjuxen. Ich erinnere mich auch noch gut an die Zeit, als ich und ein paar Freunde jeden Sonntag ins Cinemonde an der Hauptwache pilgerten - zur Matinee von "Uhrwerk Orange". Abgesehen von uns saßen da immer dieselben Figuren: zwei stadtbekannte Junkies, eine übernächtigt aussehende Mutti, ein Minipli-Träger im Traniningsanzug aus weißer Ballonseide und so ein glatzköpfiger Buchhaltertyp, von dem es später hieß, er sei Filmkritiker und arbeite für die "Rundschau".

Das Ganze hatte schon rituellen Charakter - nein, ich glaube es war Geisterbeschwörung. Eine reale Folge war, daß wir unsere Eltern und Lehrer wochenlang mit "Nadsat", dem Slang der Droogies, terrorisierten. Später kamen wir dann auf eigene Sprüche, von denen sich eine Menge im "Schwarzlicht-Terrarium" wiederfinden. Im Abstand von fast 40 Jahren muß ich sagen, daß viel von der alten Magie des Films auf der Strecke geblieben ist. Ein Download oder eine DVD im Heimkino, das ist nicht mehr dasselbe. Zum Kino gehört diese rituelle Verabredung mit den "Lichtwesen".

 

EVOLVER: Betreiben wir ein wenig Namedropping! Welche Künstler haben dich und dein Werk maßgeblich geprägt?

Thor Kunkel: Was Film anbelangt, ganz klar Kubrick. Ich kann das schwer erklären, aber ohne den guten alten Stanley wäre ich nie auf die Idee gekommen, mal "Geschichtenerzähler" zu werden.

Auch David Lynchs "Eraserhead" war ein Anstoß, ebenso Buñuels "Die Illusion fährt mit der Straßenbahn". Zwei Filme aus den Siebzigern sollen hier auch nicht unerwähnt bleiben: "Silent Running" und "Performance". 

Was die Schreiberei anbelangt, würde ich heute das Lesen von Kafkas "Die Verwandlung" und "In der Strafkolonie" als bewußtseinserweiternde Erfahrungen sehen. Ich las eine Zeitlang fast täglich Beckett, Duras, Sophokles, Seneca, Nietzsche, Schopenhauer, Spengler und zur Entspannung die "Phantastische Bibliothek", mit Lovecraft, Algernoon Blackwood and Ambroce Bierce. Klingt wohl nach einer üblen Mixtur ...

 

 

 

EVOLVER: Überhaupt nicht. Eher befreiend. Du hast ja allerhand gemacht: Romane geschrieben, Werbung, Filme ... Du hast in London und Amsterdam gelebt; jetzt wohnst du in der Schweiz. Dein Leben ist ein Cocktail aus verschiedenen Ländern, Befindlichkeiten, Sicht- und Arbeitsweisen. Wie sehr hat dich das geprägt? Oder anders ausgedrückt: Wer ist Thor Kunkel?

Thor Kunkel: Ich glaube, wenn ich das wüßte, könnte ich aufhören zu schreiben. Ich laß´ mich überraschen, es gibt ja immer wieder Umwege zum Ziel. Ich nenne den Tod gerne die "große Verdunstung" - als jemand, der zu zirka 99 Prozent aus Wasser besteht, habe ich dazu ja jedes Recht. Auch hier im Gebirge bin ich ein gefürchteter Abschweifer, der es mühelos schafft, aus einem zweistündigen Spaziergang eine achtstündige Wanderung zu machen. Du kennst das vielleicht von dir selbst: nur eben mal um die nächste Ecke gucken, dann noch ´ne Ecke und so weiter ... Warum nicht auch mit dem Leben so umgehen?

Für Biographen dürfte das alles natürlich einfacher aussehen. Ich glaube, aufgrund meiner Herumtreiberei war es mir vergönnt, den europäischen Traum bereits zu leben. Nimmt man dann noch meine Großeltern dazu - Polen, Franzosen, sogar ein englischer Lord -, dann läßt sich vielleicht nachvollziehen, warum ich mich in Deutschland stets ziemlich fremd gefühlt habe. Wohlgemerkt auch in der zeitgenössischen deutschen Literatur: Böll, Grass, Enzensberger, selbst Handke - was die schreiben oder schrieben, empfinde ich als völlig uninteressant, um nicht zu sagen, weltfremd. Ich kenne das alles nicht. Ich habe die eine Hälfte meines Lebens vor dem Fernseher oder im Kino verbracht, die andere vielleicht auf der Durchreise. Selbst wenn es lange Aufenthalte waren, wollte ich in diesen Scheißgroßstädten nicht sterben. Für mich war das immer entscheidend, die Frage: Kannst du dir vorstellen, daß es hier zu Ende geht?

Seit meinem Umzug auf die Alp hat sich alles geändert. Ich sehe allem mit großer Gelassenheit entgegen. Wenn man täglich spürt, wie die Natur arbeitet, natura naturans, wie das alles auch ohne  den Menschen funktioniert, dann ist das fast schon so etwas wie eine vorweggenommene Erlösung. Auch von der eigenen Identität.

 

EVOLVER: Wenn man deine Kämpfe gegen die deutsche Kritik beobachtet, fällt es einem schwer, Gelassenheit zu entdecken.  Es könnte aber auch sein, daß du die Kraft, die für gewisse Kämpfe vonnöten ist, aus dieser Gelassenheit schöpfst. Du bist für mich einer der großen Querköpfe der Literatur - einer, der als Person und mit seinen Romanen aneckt! Wie wichtig ist dir die Provokation?

Thor Kunkel: Typisch Provokateur: Ich sehe es völlig anders. Ich werde VON DENEN PROVOZIERT. Und wie! Was gelegentlich zu einer galligen Reaktion meinerseits führt. Okay. Dann kann ich auch provozieren.

Ich mache mir gerne meine eigenen Gedanken, denn letztendlich ist es leichter, mit sich im reinen zu sein, als ein Leben in Falschheit zu leben; etwas besser zu wissen und doch so tun, als ob. Immer nur nachzuplappern, was gerade "in" ist oder dem Kulturhegemon paßt, das muß die Hölle sein. Fast so wie ein Politikerjob.

 

EVOLVER: Ich bin ein sehr intuitiver Autor, der Satz für Satz nicht weiß, was geschehen wird. Vom Ergebnis bin ich meist selbst überrascht. Wie ist das bei dir? Wie arbeitest du?

Thor Kunkel: Sicher, die Zugvögel lassen sich auch von unsichtbaren magnetischen Feldlinien leiten ... so ist das wohl auch mit der Intuition. Aber Spaß beiseite: Wenn ich mich heute hinsetze und schreibe, dann habe ich immer eine ungefähre Ahnung, wohin die Reise geht. Ich verabrede mich quasi mit den Figuren, finde sie oder kratze sie aus den unterbewußten Schichten meiner Psyche heraus. Was gesprochen wird, weiß ich nie, ich höre zu, schreibe quasi erst mal wahllos mit. Per Hand. Ganz früher habe ich beim Schreiben auch laut mitgesprochen - behauptet jedenfalls meine Frau. Beim Abtippen kommt dann das gute alte Handwerk ins Spiel: das Hin-und Herschieben von Worten, ähnlich dem Pokerspiel der Gameten. Oder das Liegenlassen von Kapiteln und Überarbeiten nach Monaten oder gar Jahren. Ich kürze heute gnadenlos, wenn ich glaube, das es dem Gesamteindruck hilft. Und ja, ich bin immer noch überrascht, was da aus der alten Hirngrütze rausquillt.

 

EVOLVER: Die elektronischen Medien haben die Zukunft des Buches verändert und werden das auch weiterhin tun. Verleger wie Michael Krüger werden bei dem Thema fast zum Hänschen. Und Sibylle Lewitscharoff fordert, daß 14jährige, die ein Buch illegal downloaden (haben die überhaupt Interesse an Lewitscharoff?), die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen müßten. Wie ist dein Verhältnis zum Internet, zu E-Books und so weiter?    

Thor Kunkel: Wer gern in alten Büchern schmökert und diesen Geruch einer Erstausgabe von Becketts "Premier amour" oder "Krapps Last Tape" zu schätzen weiß, dem wird bestimmt etwas fehlen. Andererseits sind die E-Books günstiger, und die Lesegeräte werden retinafreundlicher. Und wer nur Zeit hat, im Urlaub zu lesen, den dürfte es freuen, wenn sein Lesestoff nichts mehr wiegt.

Ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei. Andererseits ist es eben nie entweder/oder, das ist wie mit Kino und der DVD. Der Gratis-Download dürfte der kleinste gemeinsame Nenner werden. Lang lebe die Copycat-Culture!

 

EVOLVER: Da wären wir beim Fall Hegemann: man kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Kann man einen Betrieb, der sich mit Lobeshymen auf ein mehr als fragwürdiges Buch so überschlägt, überhaupt noch ernst nehmen?       

Thor Kunkel: Der Fall hat die Säulenheiligen des Feuilletons als Scharlatane entlarvt. Doch der Betrieb geht weiter. Eine Ratte deckt die andere. Und natürlich sind sie seit diesem Skandal besonders auf der Hut.

 

EVOLVER: Woran arbeitest du momentan?

Thor Kunkel: Derzeit arbeite ich an einem Film, der mein Debüt als Spielfilm-Regisseur werden soll. Das Drehbuch - immerhin schon die vierte Fassung - ist hoffentlich Ende des Monats fertig. Da es eine internationale Produktion werden soll, schreibe ich alles nochmal auf Englisch. Ich kann mich trotzdem nicht beklagen, ganz im Gegenteil: Christian Alvart von Syreel Entertainmant hat mir diese Chance gegeben - und weiß Gott oder sonstwer, ich werde sie nutzen. Eben auch, um nicht mehr mit diesem falschen Spiel des sogenannten Literaturbetriebs zu tun haben zu müssen. Selten in meinem Leben habe ich schlimmere Kotzbrocken erlebt als diese Stipendienstricher und Wortneurotiker, die im Grunde genommen nichts weiter sind als Sozialfunktionäre und Handlanger des Kulturhegemons. Das Filmgeschäft dagegen ist rauh, aber herzlich. Hier wird nach Zuschauerzahlen abgerechnet und nicht nach Beziehungen. 

 

EVOLVER: Und so schließt sich der Kreis. Mit Kino hat das Gespräch begonnen, mit Kino endet es. Ich wünsche dir für deine Zukunft und deine kommenden Projekte alles erdenklich Gute. Vielen Dank!

 

 

Guido Rohm

Thor Kunkel - die Bücher

(Fotos: beigestellt, Hersteller)


Das Schwarzlicht-Terrarium, erschienen bei Rowohlt (2000)
Endstufe, erschienen bei Eichborn (2004)
Kuhls Kosmos, erschienen bei PulpMaster (2008)
Schaumschwester, erschienen bei Matthes & Seitz (2010)
Subs, erschienen bei Heyne Hardcore (2011)

Links:

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