Stories_Cannes 2017

That gum we like is finally coming back in style

Auch 2017 hat sich unser Festival-Korrespondent Michael Kienzl wieder unters Cineasten-Volk gemischt,um die sehenswertesten Filme an der Cote d´Azur unter die Lupe zu nehmen. Wir liefern eine leicht verspätete Vorschau auf das Festival-Treiben.    26.05.2017

Jedes Jahr das gleiche: Schon bevor das Festival losgeht, gibt es den ersten Skandal. Heuer ging es nicht um zu wenige Frauen oder zu viele Amerikaner im Wettbewerb oder gar um die immer noch erhöhte Terrorgefahr in Frankreich, wegen der im letzten Jahr auch tatsächlich deutlich weniger Leute aus dem Ausland angereist waren. Nein, diesmal war der Stein des Anstoßes, daß mit Noah Baumbachs "The Meyerowitz Stories" und Bong Joon-hos "Okja" gleich zwei Filme im Wettbewerb laufen, die vom Streaming-Riesen Netflix produziert wurden.

 

 

Während Festival-Leiter Thierry Frémaux durchaus nachvollziehbar meinte, man müsse auch mit der Zeit gehen und andere Formate berücksichtigen, gab sich der Verband der französischen Kinos unerbittlich und forderte sogar, die Beitrage auszuschließen. Dazu muß man wissen, daß es zu den Regeln des Festivals gehört, daß alles, was im Wettbewerb läuft, auch irgendwann in den französischen Kinos zu sehen sein muß. Netflix besteht jedoch darauf, seine Eigenproduktionen exklusiv zu veröffentlichen.

 

 

Natürlich haben beide Seiten gute Argumente. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, daß das Streaming-Unternehmen Produktionen von dieser Größenordnung zumindest einen kleinen Kinostart gewährt. Doch angesichts einer völlig unsinnigen Regelung im französischen Medienrecht sind auch die Beweggründe von Netflix verständlich. Das entsprechende Gesetz besagt nämlich, daß ein Film erst drei (!) Jahre nach seinem Kinostart auf einer VoD-Plattform angeboten werden darf. In einer Zeit, in der Filme schon ein paar Monate nach ihrer Kinoauswertung auf DVD und Blu-ray erscheinen, ist so eine Regelung nicht nur weltfremd, sondern auch ein finanzielles Desaster. Ab nächstem Jahr hält man sich in Cannes auf jeden Fall wieder streng an die alten Regeln. Bleibt abzuwarten, wie Netflix darauf reagieren wird ...

 

 

Überhaupt scheint es zwischen Fernseh- und Festival-Welt noch reichlich Klärungsbedarf zu geben. Nachdem sich Cannes zunächst lange dem Trend verweigerte, Serien zu zeigen (wie es etwa schon seit einiger Zeit auf dem Filmfest München, der Berlinale und vereinzelt auch der Viennale getan wird) und diese Entscheidung damit rechtfertigte, daß sich ein traditionsreiches Festival lieber auf klassisches Kino konzentrieren sollte, gibt es dieses Jahr - getarnt als Special zum 70. Jubiläum des Festivals - auch einige Fernseh-Highlights zu sehen: Neben dem Auftakt der zweiten Staffel von Jane Campions Krimiserie "Top of the Lake" darf man auf die ersten beiden Folgen der neuen Staffel von David Lynchs "Twin Peaks" besonders gespannt sein. Wie auch immer das Resultat aussehen wird - allein das Aufsehen, das diese Fortsetzung nach fast dreißigjähriger Pause erregt, macht die Serie schon zum Fernsehereignis des Jahres. Daß die Pilotfolgen nun ausgerechnet an dem Ort laufen sollen, an dem Lynchs schwer unterschätztes Prequel "Fire Walk With Me" 1993 hämisch niedergemacht wurde, wirkt wie eine kleine Wiedergutmachung. Daß aber ein Festival, dem soviel an seinem Exklusivitätsanspruch liegt, eine Galapremiere des Serienauftakts veranstaltet, die vier (!) Tage nach der internationalen Fernsehpremiere stattfindet, ist schon ziemlich erbärmlich.

 

 

Es gibt aber noch genug Filme, auf die man sich freuen kann. Auf Bongs erwähnten "Okja" etwa, der nach "Snowpiercer" bereits der zweite englischsprachige Film des südkoreanischen Regisseurs ist und dem Trailer nach zu urteilen eine Spielbergsche Groteske über ein Fabelwesen zu sein scheint. Oder auch auf Sofia Coppolas Remake von Don Siegels großartigem "The Beguiled", auch wenn man sich erstmal nicht so recht vorstellen kann, daß die immer etwa glatte und fade Coppola aus der Geschichte um einen desertierten Soldaten, der in einem Mädchenpensionat für erotische Verwirrung sorgt, etwas Interessantes machen wird. Und heiß erwartet wird natürlich auch der neue Film von Austria´s own Michael Haneke, der mit "Das weiße Band" und "Liebe" gleich zweimal in Folge die Goldene Palme gewann und diesen Erfolgskurs durchaus fortsetzen könnte. Wobei man sich nur schwer vorstellen kann, daß gerade ein dem Exzeß zugeneigter Regisseur wie Jury-Präsident Pedro Almodóvar allzuviel mit Hanekes protestantischem Erziehungskino anfangen kann.

 

 

Beim Gegen-Festival "Quinzaine des Réalisateurs" trifft man ebenfalls auf alte Bekannte, auch wenn man sie noch lieber im Wettbewerb gesehen hätte: Bruno Dumont zeigt ein vielversprechend aussehendes Musical über die junge Jeanne d´Arc; Philippe Garrel widmet sich in einer weiteren Schwarzweiß-Elegie wieder den Beziehungsneurosen seiner Figuren; Claire Denis hat Roland Barthes´ Sachbuch "Fragmente einer Sprache der Liebe" als Spielfilm adaptiert; und Abel Ferrara einen Konzertfilm gedreht, der auf den Songs aus seinen Filmen basiert. Daß man in Cannes dieses Jahr aber nicht nur dem Fernsehen hinterhinkt und die Klassiker des Autorenkinos feiert, zeigt zumindest ein Programmpunkt: Mit Alejandro González Iñárritus ("The Revenant") "Carne Y Arena" wird zum ersten Mal eine Virtual-Reality-Arbeit an der Croisette präsentiert. Wie dieser begehbare Kurzfilm letztlich aussehen wird, weiß der Autor dann vermutlich in zwei Wochen, wenn er hier von seinen Festival-Erlebnissen berichten wird.

 

Michael Kienzl

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